Datenstandard

Der Wettlauf zwischen XML und Toma

Hotels, Airlines und sogar die Deutsche Bahn: offenen Schnittstellen im XML-Format gehören die Zukunft. Warum XML allein nicht ausreicht. Und warum insbesondere die deutsche Pauschaltouristik im globalen XML-Hype Position beziehen muss.

von Dirk Rogl, 16.03.2011, 09:20 Uhr

Die Extended Markup Language (XML) ist schon eine tolle Sache: Solange die Programmierer keine Restriktionen einbauen, erlaubt sie die quasi beliebige Verknüpfung von Computersystemen. Meta-Searcher zapfen auf diese Art und Weise Airline-Portale an, Hotel-Portale die großen Ketten. Selbst die Deutsche Bahn, bislang stets um das Quasi-Monopol von Bahn.de im Web bemüht, wirbt nun für seine offene Schnittstelle.

Wer im Web präsent sein will, erlaubt seinen Vertriebspartnern den XML-Zugriff. Ob dieser Direct Connect nun das Ende des Abendlandes ist, weil neutrale Vertriebssysteme und GDS potenziell geschwächt sind, lesen Sie in der großen Titelgeschichte von fvw 4/11. Die Antwort ist übrigens ein butterweiches aber hinreichend erklärtes "jein". Konzentrieren wir uns lieber auf die Frage, wieviel XML die deutsche Pauschaltouristik verträgt.

Bekanntlich arbeiten DRV gemeinsam mit TUI, Thomas Cook und Rewe Touristik an einem neuen Datenstandard. Nach allem, was zu hören ist, basiert die Abfragelogik in weiten Teilen auf XML. Das freilich funktioniert nur so weit, wie auch die Inhouse-Systeme der Veranstalter den universellen Standard beherrschen. Mir ist ad hoc kein System bekannt, das von der Stange eine vollwertige XML-Schnittstelle liefert.

Die Formate, in denen Pauschalreise-Daten an den Vertrieb geliefert werden, heißen bislang Infx und Stadis, ergänzt durch Anbieter-Formate wie Kati (Traveltainment) und Sealtix (Traffics). Sie alle sind voll kompatibel mit dem ur-deutschen Toma-Verfahren. Das Kürzel hieß früher nicht mehr als "Touristische Maske" und ist seit Jahrzehnten das wichtigste Arbeitswerkzeug der Epxedienten.

Nun kommt das Einheitliche Datenformat (EDF) von Vilauma. Im Prinzip ist es nicht mehr als ein Übersetzer aus der alten Toma-Welt in das neue XML-Format. Mit NTS von Traffics und BDF von Bewotec laufen sich nun erste Mitbewerber warm. Weitere werden folgen (siehe die aktuelle fvw 6/11, S. 54). Ich bin gespannt, wie XML das alte Toma-Verfahren verändern wird. Bekanntlich stockt der neue Datenstandard des DRV zurzeit. Mehr XML wird aber in jeden Fall in den Vertrieb kommen. Und es wird immer wieder die technischen Restriktionen von Toma (feste Flugzeiten, kompakte Produktbeschreibungen) sprengen.

Genauer gesagt, XML ist schon längst da. Die Open Travel Alliance hat seit Jahren einen Schnittstellen-Standard für Tour Operator in der Schublade. Der Vorteil: er hat einen globalen Anspruch. Der Nachteil: er versteht wenig von der ur-deutschen Toma-Welt und seinen dort etablierten Veranstalter-Systemen. Genau deshalb kommen EDF & Co. Und eine nationale Abfragelogik wird gleich mit geliefert. Es wäre doch gelacht, wenn die Pauschaltouristik nicht auch künftig eine ur-deutsche Angelegenheit bleiben würde.

PS: Wer sich für die aktuellen News und Details des Datenstandards für die Pauschaltouristik interessiert, dem empfehle ich die aktuelle fvw 6/11. Und wer das Thema live erfassen will, der sollte sich den 11. Mai 2011 freihalten. Dann lädt die fvw-Redaktion zum "Brennpunkt Datenstandard" ins Airport Conference Center nach Frankfurt. Das Programm und die Konditionen sind noch in Arbeit. Was wir versprechen ist ein informativer Tag mit vielen relevanten Entscheidern von Veranstaltern, IT-Anbietern und aus dem DRV.

Kommentare

von barthel.eu, 16.03.11, 15:24
XML ist weniger ein Datenstandard, als ein "kleinster" (bzw. größter) gemeinsamer Nenner. Er ermöglicht, Datenbanken in beliebiger Tiefe in einer einzigen Datei abzubilden. Also für den Laien: In 20 verschiedenen Excel-Tabellen Daten zu laden, modizifizieren oder löschen, jeweils in diversen Arbeitsblättern (das sind die drei Reiter unten, von denen meist zwei leer bleiben, weil man doch nur das eine verwendet, das man sieht). Professionelle Datenbanken arbeiten mit XML im Im- und Export. Das ist wie "englisch", die gemeinsame Sprache der Touristik - der Franzose redet mit dem Russen und dem Chinesen in Englisch... So redet Datenbank 1 mit Programm 2 und Datenbank 24 in XML. XML ist also lediglich der Datenkontainer. Für jedes XML muss man die Standards definieren, damit auch alle das gleiche XML lesen (und verstehen), ich kann nämlich auch russisch XML schreiben. Wo sind welche Daten? Damit das Programm weiss, wo welche Daten stehen, wie die formatiert sind. Also sozusagen die Sprache definieren. Nicht selten ist das sogar für die Experten kryptischer als Esperanto. Und weil da viele Leute mit alten Systemen alte Probleme mitbringen, die aber darüber abgebildet werden sollen, reden wir hier also doch wieder mit Toma. Mit allen Vor- und Nachteilen... Nun habe ich 20 Exceldateien, mit jeweils 10-30 Arbeitsblättern, voll mit Daten. Im OTA würde ich eher von unendlich vielen Dateien mit teilweise unendlich vielen Datenblättern reden. Die Profis bezeichnen das als 1:n-Relation... Ich kann nicht nur vier oder 10 oder 20 Kreditkartendaten, Telefonnummern oder Geburtstage oder sowas eingeben, sondern unendlich viele... Was ich aber mit diesen Daten mache, das ist das, was die Programme ausmacht. Reisen sind: 20 Abflughäfen in Deutschland nach Antalya, 20 Rückflüge, 20 Airlines, 20 Hotels, fünf verschiedene Paketprogramme (Ü-AI). Das allein schon sind 800.000 computergenerierte Optionen - Transfers? Zimmertypen, Bettenarten, ... Es gibt komplexere Optionen. Die Kunst ist es einerseits gut zu filtern, andererseits nicht zu viel - und letztendlich die Nadel in diesem Heuhaufen zu finden, die der Kunde gern möchte... Insgesamt ein Thema, welches vielfach zu einfach gesehen wird. Die grobe Filterung ist einfach, in der Feinarbeit liegt aber die Kundenzufriedenheit. Zum Thema GDS vs. Internet hatte ich ja letztlich schon kommentiert. GDS: Stabile Leistungsparameter (bspw. Antwortzeiten), vorgefilterte Informationen, Vergleichbarkeit, Standardisierung. Direct Link: Jeder liefert was anderes, manchmal fehlen Fakten, die dann mit einer zweiten und mehr Anfragen nachgefragt werden müssen, die Internetverbindung tröpfelt mal wieder, der User wartet. Vergleichbarkeit zweier Airlines, die mit Direktanbindung angeschlossen sind wird mühsam, bei 10 Airlines wird das richtig spannend. Ich brauche nicht alles was das GDS kann. Ich brauche auch nicht Word um gelegentlich eine Notiz zu schreiben. Vor Open Office oder gar Linux und Open Source da mal gar nicht zu reden ;-) PC? Server? Netbook? iPad? Oder reicht etwa gar ein Telefon und ein Notizblock? Das ist individuell zu bewerten. Noch sehe ich viel Word.doc-Dokumente, wenig PDF oder gar .odt. Blog oder Facebook? Twitter oder eigene Webpage? Was war noch gleich mit Second Life? Flash? Dokumentation als Windows Helpfile, PDF oder gar eBook? Individuelle Anforderung, individuelle Möglichkeiten. GDS oder Direct Link? Siehe oben... Vereinfachte, schnelle Darstellung komplexer Sachverhalte...

von Skeptiker, 19.03.11, 12:42
Lieber Herr Rogl, also da sind irgendwie ein paar Nicht-so-ganz-falsch-aber-auch-nicht-so-ganz-wahr-heiten in Ihren Text hineingeraten, ganz rätselhaft, muss beim Setzen passiert sein ;-) ... zum Beispiel die Vorstellung, was "Programmierer" so den ganzen Tag machen, dass sie womöglich die einzige Lebensform auf dem Planeten IT bilden (tun sie keineswegs, sie sind sogar eine Minderheit) oder was XML-Schnittstellen zu leisten in der Lage sind, wenn man sie nicht daran hindert. Besonders, wenn sie "vollwertig" sind :-)) Doch Spaß beiseite. XML ist nichts weiter als ein Darstellungsformat für Daten, Herr Barthel nennt es correkt Kontainer, und auch der Blogbeitrag spricht ja vom "XML-Format". Das schöne an ihm ist, dass es nicht nur "erweitert" ist, sondern "erweiterbar" (das X heißt "Extensible"). Anders als andere "Markup Languages" wie etwa HTML enthält XML die Regeln und Formate gleich selbst, um "XML-Schnittstellen" für ihren jeweiligen Anwendungszweck maßzuschneidern. Beispiel: In HTML ist von vornherein festgelegt, dass der Browser nach <h2>Beispiel</h2> das Wort "Beispiel" als Überschrift (headline) zweiter Ordnung darstellt, und für andere Zwecke als die Darstellung von Inhalten im Browser taugt HTML eben auch nicht. Ein sog. Tag ("tääg") wie <h2> beschreibt die Formatierung für den Bildschirm (jaja ich weiß, es gibt noch CSS ...egal hier), und das Wort Beispiel "bedeutet" nichts, es ist nur ein anzuzeigender Text, und fertig. Anders in XML, z.B. <season3><bar>10</bar></season3>. Welche Tags (hier "season3" und "bar") erlaubt und sinnvoll sind, und was die Inhalte bedeuten (die Semantik: 10 was?), darauf müssen sich "die Programmierer" auf beiden/allen Seiten der Schnittstelle vorher sehr genau verständigt haben (sagte da jemand "global types"?) Mehr noch: Man muss "season3" gar nicht auf diese Weise vordefinieren. Die "Programmierer" können vereinbaren, dass sie einen Abschnitt "seasons" vorausschicken, in dem das variabel mitgegeben wird: <seasons><season3><seasonstart>01042011</seasonstart><seasonend>31102011</seasonend><seasonname>Sommer 2011</seasonname></season3></seasons> (XML ist sehr geschwätzig). Diese Fähigkeit ist keineswegs trivial, denn natürlich wollen alle Mitspieler ("player") jedes klitzekleine Produktdetail darstellen können (und sicher sein, dass es verstanden wird), aber ebenso natürlich will niemand auf das beschränkt sein, was alle anderen auch darstellen können. XML enthält also, wie jedes x-beliebige andere Schnittstellenformat auch, Normen für Feldnamen und Feldinhalte und die Datenformate usw. Es ist das Universum an Anwendungsmöglichkeiten, das XML auszeichnet, Herr Barthel hat das schön herausgearbeitet. Und dass man keine "Programmierer" mehr braucht, um das alles festzulegen, weil mit weitgehend natürlichsprachlichen Elementen und nur mit Text gearbeitet wird. Keine kryptischen binären oder hexadezimalen Platzspar-Knautschformate mehr. Auch deshalb ist XML so beliebt. p.s . Herr Rogl, wenn mein Eingangssatz die eine oder andere bewusste Ironie im Blogeintrag übersieht: Also dafür gibt es doch das <ironie>-Tag!!. ts ts....

von Susann Garcia Rodriguez, 22.03.11, 17:41
Lieber Herr Rogl, da Sie „Toma“ erwähnen und auch nonchalant von der „alten Toma-Welt“ sprechen, erlauben Sie Amadeus als Anbieter von Amadeus Tour Market ein paar Anmerkungen. Sie vergleichen eine Programmiersprache (XML) mit einem Verfahren (Toma). Das ist schief – wenn, dann müssten Sie ggf. XML mit Stadis/Steal vergleichen. Aber auch das wäre wenig hilfreich: Als Verfahren ist Amadeus Tour Market nämlich auch auf XML eingestellt. Wir schließen jeden Veranstalter, der das möchte, per XML an Amadeus Tour Market an. XML und Toma liefern sich also keinen Wettlauf, sondern sind voll kompatibel. Das gilt auch für die Open Travel Alliance (OTA). Sie schreiben, deren Standard „versteht wenig von der ur-deutschen Toma-Welt und seinen dort etablierten Veranstalter-Systemen“. Das stimmt nicht. Amadeus hat im Ausland bereits mehrere Reiseveranstalter über OTA-XML an seine Systeme (z. B. TOMA) angeschlossen. Deswegen kann EDF nicht der „Übersetzer aus der alten Toma-Welt in das neue XML-Format“ sein – weil es nämlich den Gegensatz „alte Toma-Welt“ / „neue XML-Welt“ gar nicht gibt. Mit freundlichen Grüßen Susann Garcia Rodriguez Head of Product Management and Delivery Amadeus Germany

von Bernd Hellmuth, 25.03.11, 12:54
Moin Hr. Bathel, mal abgesehen von den ggf. berechtigten Einwänden der beiden "Vorrednern" finde ich Ihre Erklärung wirklich anschaulich. Sie verdeutlicht mit (endlich mal) verständlichen Worten was das "magisch anmutende Zauberprodukt EDF" ist und wie XML funktioniert. Danke ;o)

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