Bundestag

Diplomatische Unschärfen

Gehören politische Kommentierungen in einen Reisekatalog? Ja, sagt der CDU-Politiker Klaus Brähmig. Wenn sich das durchsetzt, können sich Deutschlands Diplomaten warm anziehen.

von Dirk Rogl, 19.07.2011, 13:55 Uhr

Hätten die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo ein glückliches Ende genommen, wären sie nicht auch immer von ausländischen Touristen verfolgt worden? Wäre die deutsche Wiedervereinigung so abgelaufen, hätte es nicht über den kleinen Grenzverkehr und Verwandtschafts-Visa auch während des kalten Krieges persönliche Kontakte zwischen Ost und West gegeben? Oder anders gefragt, machen Reisen in unstabile Regionen dieser Erde Sinn?

Gemeinhin ist das nicht das Thema des fvw-Blogs. Allerdings war das bislang auch nicht das dominierende Thema von Klaus Brähmig, dem Vorsitzenden des Tourismus-Ausschusses. Bislang. In der Welt nimmt er heute Stellung zum Thema "ethisches Reisen". Er habe ein Problem damit, seinen Urlaub in einem Land zu genießen, in dem die Menschen in Unfreiheit leben, sagt er. Und weiter: Reiseveranstalter sollten in ihren Katalogen doch bitte auf das Thema Menschenrechte hinweisen.

Und damit habe nun ich ein Problem. Damit wir uns nicht falsch verstehen: In meiner privaten Reiseliste stehen dikatorische Regime derzeit nicht oben an. Sie mit Reise-Boykott zu belegen, halte ich für grundlegend falsch. Der interkulturelle Austausch ist immer auch ein Mittel der Völkerverständigung. Ganz und gar weltfremd ist die Forderung, Hinweise über Menschenrechte in den Veranstalter-Katalogen aufnehmen zu müssen.

Veranstalter können nicht das ausbügeln, was das Auswärtige Amt in sorgfältiger Abwegung der zu erwartenden politischen Irritationen verschweigt. Dies ist die Instanz für Reisehinweise und Reisewarnungen. Wenn es um Menschenrechte geht, fallen sie manchmal bemerkenswert dünn aus. Dennoch: Ein privater Veranstalter ist die falsche Instanz, um diese Lücke zu schließen. Das gilt auch für den international tätigen Marktführer, erst recht aber für den mittelständischen Spezialisten.

Es wäre geradezu irrsinnig, dassTouristiker die politische Lage in den Zielgebieten verbindlich zu bewerten haben. Wo bitte ist die Grenze der von Klaus Brähmig gebranntmarkten "diktatorischen Regime"? Nordkorea? Libyen? Syrien? Wie steht es beispielsweise um Kuba, China, Russland, den Nahen Osten? Und um das Maß voll zu machen: Auch Deutschland warf der UN-Menschenrechtsrat vor zwei Jahren Mängel vor. Wollen wir von angeblichen Defiziten in den Bereichen Migration, Gleichstellung und Armut künftig in den Deutschland-Katalogen der Veranstalter lesen? Und falls nein, was sonst gehört ebenfalls nicht rein in den bunten Katalog?

Lieber Herr Brähmig, ich finde es großartig, dass sich Ihr Ausschuss unter Ihrer Führung eben nicht mehr nur mit dem Deutschland-Tourismus beschäftigt. Ich weiß, so war das auch vorher nicht. Aber so wurde Ihr Gremium einst wahrgenommen. Vergessen Sie aber bitte nicht, dass selbst Deutschland-Tourismus in seiner heutigen Form auch auf Reisen in diktatorische Länder basiert. So etwas darf übrigens behaupten, wer 1989 in jungen Jahren im sozialistischen Prag seine ostdeutschen Landsleute eigenhändig über den Zaun der westdeutschen Botschaft geholfen hat. Trotz fehlender Reisewarnung im Katalog, ich hatte schon mal schlechtere Urlaube.

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 19.07.11, 15:57
Unsere Kunden bereisen keine Diktaturen, sie bereisen ein Land. Und sie lächeln auch nicht mit Diktatoren in die Pressekameras, wie die Politiker in Berlin, sondern sie lächeln die Bewohner des Landes an, interessieren sich für die Kultur und bestaunen die Schönheit des Landes. Political Correctness ist eine Disziplin, die ausgerechnet unsere Politiker nicht im Ansatz beherrschen. Und für so verblödet, dass wir Reisemittler und die Urlauber Herrn Politiker Brähmigs Unvermögen gefälligst umzusetzen haben, muss man uns bitteschön nicht halten! Zuerst habe ich ja mit einem lässigen Tippen gegen meine Stirn reagiert. Aber je mehr ich über diese Chuzpe nachdenke, desto empörter werde ich. Ein Rücktritt ist fällig!

von Lutz Peter Abel, 19.07.11, 16:21
Ich liege am Boden und lache mich tot, der Hr. Brähmig ist entweder bei dem Interview betrunken gewesen, oder hat vorher an einer diktatorischen, syrischen Shisha Pfeife geraucht.

von Bernd Brümmer, 19.07.11, 16:32
Lieber Herr "Bräsig" sorry Brähmich - dazu fällt nun sogar mir aber auch wirklich absolut nichts mehr ein !

von Dietmar Pedersen, 19.07.11, 16:33
Es ist Sommerloch - da dürfen auch die allerletzten Hinterbänkler abstruse Meinungen und Aprilscherze verbreiten, damit sie mal in die Zeitungen kommen. Am besten wäre, wenn solche unsinnigen Äusserungen von keiner Zeitung veröffentlicht werden.

von Ralf Becker, 19.07.11, 16:48
Wie wäre es mit einer weißen Fläche (mindestens 1/3 der Katalogseite) mit fetter schwarzer Schrift wie auf einer Zigarettenschachtel: "Reisen unterstützt Diktatoren. Eine Reise in dieses Land kann Verletzung der Menschenrechte fördern." Der Mann sollte nicht zu viel Südtiroler Wein trinken, wenn er etwas sagen möchte ...

von Charly Amend, 19.07.11, 16:49
Ball flach halten. Von diesem so genannten Hinterbänkler hat man noch nie etwas gehört. Also nutzt er das Sommerloch - und schon steht er in der Zeitung. Mehr wollte er doch nicht. Zudem reiht er sich nahtlos ein in die Reihe der Dünnbrettbohrer Merkel, Ramschauer und wie die Experten alle heißen. Charly Amend

von Guido Wiegand, 19.07.11, 17:58
Lieber Dirk, ich teile Ihre Auffassung und Begründung, zu Reisen in totalitäre Länder. (Allerdings kann ich die Gegenmeinung von Herrn Brähmig nachvollziehen und respektieren.) Ansonsten propagiert Herr Brähmig eine Reihe sinnvoller Ansätze des nachhaltigen Tourismus, die ich gut teilen kann. Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass weite Teile der Reisenden bei diesem Thema zeitgemäßer sind, als manche Branchenteilnehmer. Viele Veranstalterkataloge beinhalten eine Rubrik "ein offenes Wort" o.ä. Darin wird bereits heute auf negative Seiten in einem Reiseziel hingewiesen. Ob in diesem Umfeld ein Hinweis auf die politische Situation so dramatisch wäre, glaube ich weniger. Die praktischen Frage, zu welchen Ländern man sich äußern sollte und zu welchen nicht, bleibt zugegebenermaßen bestehen. Beste Grüße Guido Wiegand

von Jasmin Taylor, 19.07.11, 20:19
Veranstalter sollen in Katalogen über Menschenrechte informieren? Und wer informiert unsere Politiker über die Menschenrechtslage? Die Politiker wollen den Urlaubern ein schlechtes Gewissen einreden und sie selbst tätigen mit glücklichen Gesichtern weiter Geschäfte mit China, Iran etc. Diese Doppelmoral lässt nur Kopfschütteln zu.

von Johan de Rie, 19.07.11, 23:31
Herr Brähmig hat Anfang Februar, kurz nach den Umstürzen in Tunesien und Ägypten eine Pressemitteilung veröffentlicht mit etwa dem gleichen Inhalt wie im Welt-Interview.. Daraufhin habe ich ihm eine Email geschickt und seine Vorstellungen kritisiert. Von seinem Referenten erhielt ich eine Antwort aus der ich den nachfolgenden Satz zitieren möchte: Quote: ' Als bürgerlicher Politiker mit christlichem Hintergrund, der nicht rumhurt und auch nicht beim Griff in irgendwelche Kassen mitmacht, darf Herr Brähmig wohl noch moralische Vorstellungen haben und diese in einem freien Land auch äußern. Ein Tourist, der in ein Land fährt, wo teilweise menschenunwürdige Lebensverhältnisse herrschen und sich dort an den Strand legt und „Spaß“ hat, der ist für mich persönlich kein guter Botschafter meiner christlich-abendländischen Kultur und ich hoffe, dass die Menschen in diesen Ländern nicht glauben, dass alle Deutschen ihr Leben so führen. Und ein Politiker, der keinen missionarischen Eifer hat, die Welt, das Leben bzw. die Lebensumstände anderer Menschen - wenigstens ein klein wenig zu verbessern-, sollte nicht in die Politik, sondern in die Verwaltung gehen und dort den Status Quo bewahren. Das hat Herr Brähmig nicht vor.' Unquote Wer zu den Leuten gehören die rumhuren und in Kassen greifen konnte ich leider nichts Näheres erfahren. Sind es die Touristiker, die Journalisten der FVW, die Kollegen in der CDU oder alle die nicht zur christlich-abendländischen Kultur gehören.....? Man weiss es nicht. Für mich ist Herr Brähmig ein 'Gutmensch' mit unrealistischen Vorstellungen über den Tourismus. In soweit sollte man seine Äusserungen zwar wahrnehmen aber dann sofort an geeigneter Stelle ablegen. Johan de Rie

von Wolfgang Hoffmann, 20.07.11, 10:11
nicht nur Brähmig selbst, sondern auch sein Referent... Mein Gott, Berlin scheint ja richtig durchseucht zu sein.

von Frank Dost, 20.07.11, 14:41
Dazu fällt mir nur noch ein: Hat Herr Herr Brähmig vielleicht sogar einen "Dr."-Titel? Frank Dost

von Wolfgang Hoffmann, 20.07.11, 14:43
Man kann Herrn Brähmig auch direkt schreiben, über das Kontaktformular auf seinem Bundestagsauftritt. Und Gregor Strabel, seines Zeichens Wissenschaftlicher Mitarbeiter/ Referent von Brähmig, antwortet umgehend mit einer herzerfrischenden Hemdsärmeligkeit, dass es einem sehr leicht fällt, ihm mit gleicher Hemdsärmeligkeit zu antworten und ihm klarzumachen, dass er zwar den Umgangston in der politischen Arbeit beanstanden mag, aber sehr dazu beiträgt, dass dieser Ton völlig den Bach runtergeht.

von Christoph Huwer, 20.07.11, 17:08
Ich denke, dass der Herr Elektromeister Brähmig zu tief in die Steckdose gelangt hat und sich dadurch die Windungen ein wenig verknotet haben.

von Walter Krombach, 25.07.11, 14:01
Haben nicht Reisen VOR der Wende in damals diktatorisch/kommunistisch regierte, also Menschenrechte verachtende Länder wie Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien etc. dazu beigetragen, dass sich Verwandte aus Ost- und West treffen konnten? Haben nicht diese Begegnungen auch dazu beigetragen, dass dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl erhalten blieb und schließlich in eine friedliche Revolution mündete - eben zur jener Wende, die doch auch und gerade für Leute wie Klaus Brähmig völlig neue Lebens- und Berufsperspektiven brachte. Ich fürchte, er hat sich mit diesem Vorstoss leider etwas "vergaloppiert".

von Robert, 27.07.11, 10:04
Wo bleiben die alljährlichen Lobeshymnen - auf die immer schlechter werdenden Provisionen der grossen Veranstalter ?

von Dirk Rogl, 27.07.11, 10:08
Hallo Robert, offenbar sind Sie im falschen Thread gelandet. Hier bitte nur Posts zum o. g. Thema. Wenn ich Sie recht verstehe, suchen Sie die Berichterstattung über die Veranstalter-Provisionen. Die finden Sie auf www.fvw.de und im der nächsten fvw 16/11 am morgen. Falls noch Fragen, bitte einfach anrufen oder mailen an redaktion@fvw.de. Danke!

von Claudia Mades, 02.08.11, 18:46
meine Email an Herrn Bräsig ääh entschuldigung Brähmig vom 19.07.11 : --------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Ich habe tiefen Respekt vor einem Politiker Amt, daß in Deutschland wirklich jede Menge an Leistung und Idealismus abverlangt, aber : Haben Sie als Vorsitzender des Ausschuss Tourismus jemals ein Reisebüro betreten?Jemals mit einem Fachanwalt für Reiserecht gesprochen? Jemals mit irgendeinem Vertreter der Touristik gesprochen? Wenn das so ist, wovon ich ausgehe, dannwissen Sie was Sie mit solchen Aussagen erreichen: Verwirrung, Verunsicherung und jede Menge Empörung! Wissen Sie den nicht wie sensibel der Markt auf solche Äusserungen reagiert? Gerade die Länder Tunesien, Ägypten leben zum Großteil von und mit Touristen, was glauben Sie passiert, wenn diese Einnahmequellen versiegen? Glauben Sie folgende Revolutionen werden so glimpflich verlaufen wie bisher? Ich bin zutiefst empört über Ihre unbedachten (?) Äusserungen und schreibe Ihnen diese Zeilen als Unternehmerin aus der Touristik, in Form eines offenen Briefes, dem sich sicher eingie Kollegen anschliessen werden. Ich erwarte eine Stellungnahme Ihrerseits! -------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Ich bekam am selben Abend einen Rückruf (einen sehr denkwürdigen Rückruf!) vom Referenten und der sicherte eine Stellungnahme zu. Auf diese Stellungnahme warte ich bis heute. ... wen wunderts ? Mich nicht! eze

von Olaf Slater, 19.03.12, 17:56
Zitat Gregor Strabel "Im Landwirtschaftsministerium gibt es nicht einen echten Landwirt in einer Spitzenposition (Staatssekretär aufwärts). Wir kümmern uns um Migranten, Flüchtlinge, Kosmopoliten, Transgender, Gender-Mainstreming, Verbraucherschutz und gewählt wird das Original: Die Grünen. Eine hervorragende Strategie. Man hat solange den Zeitgeist angebetet bis er in allen gesellschaftlichen Gruppen salonfähig war und jetzt wundert man sich..." so I ask, what qualifications does Mr. Strabel have for the tourism work he does and what are they "kuemmern" themselves with in this respect?

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