Buchungslage

Aufschwungseuphorie

Die überraschend gute Konjunktur beflügelt das Konsumklima. Profitiert davon auch die Touristik?

von Klaus Hildebrandt, 26.08.2010, 09:32 Uhr

Die Jubelmeldungen aus der Wirtschaft reißen nicht ab: Hohes Wachstum im zweiten Quartal, sinkende Arbeitslosigkeit, glänzende Stimmung bei Unternehmen (Ifo-Geschäftsklima-Index) und Verbrauchern (GfK-Konsumklima). Den "unheimlichen Aufschwung" nennt es der "Stern" – schließlich war vor wenigen Monaten noch tiefste Krise angesagt. Die Wirtschaftsforscher sind perplex angesichts der raschen Erholung.

Schon jetzt gibt es auch wieder Wenns und Abers: Im wesentlichen treibt der Export nach Asien die deutsche Konjunktur, in den USA und weiten Teilen Europas läuft die Wirtschaft längst noch nicht wie geschmiert. Aber bevor jetzt schon wieder neue Horrorszenarien die Runde machen (und seit zwei Jahren wissen wir, wie unzuverlässig ökonomische Prognosen sind), sollten wir uns erst einmal freuen.

In der Titelstory der neuen fvw analysieren wir, wie sich der Aufschwung in der Touristik niederschlägt. Bei Geschäftsreisen gibt es nach dem starken Einbruch um mehr als ein Viertel im Vorjahr einen starken Anstieg des Volumens und laut dem jüngsten Iata-Bericht auch endlich beim Wert, indem Geschäftsreisende wieder vermehrt in der First und Business Class Platz nehmen dürfen. Aber insgesamt ist beim Business Travel das Niveau von 2008 noch längst nicht erreicht.

Die Touristik war im vergangenen Jahr in Deutschland weniger stark eingebrochen, der Umsatz ging laut dem fvw-Dossier Deutsche Veranstalter nur um 2,2 Prozent zurück. Wie geht es nun weiter? Wir haben in den vergangenen Tagen mit Veranstaltern, Reisebüros und Experten gesprochen. Allgemeiner Tenor: Das Kurzfrist-Geschäft hat den Sommer noch ordentlich in Schwung gebracht (da mag auch das oft miese Wetter geholfen haben), die Buchungen für den Winter liegen deutlich über Vorjahr.

Wie läuft es bei Ihnen? Spüren Sie, dass sich Ihre Kunden wieder etwas gönnen wollen und das Portemonnaie wieder öffnen? Oder warten die Reiseweltmeister weiter ab, weil sie dem Frieden noch nicht trauen? Und was sind die Trends für den Winter und auch schon für den Sommer 2011: Hält der Kreuzfahrt-Boom an, welche Destinationen und Produkte sind gefragt? Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und Erwartungen.

Kommentare

von Timo Iserlohe, Aktives Reisebüro Netzwerk eG, 27.08.10, 11:38
Der Aufschwungseuphorie folgt die Provisionsschwindsucht wie die andere Seite der Medallie auf dem Fusse! Neben den versteckten Provisionssenkungen von AIDA, 5% Flugverprovisionierern und Co. folgt nun denn auch die offene Kriegsansage an den stationären Reisevertrieb durch Provisionen ab 7% bis 100.000€ Umsatz! "Retroaktiv - Nein, Danke." Wer soll davon noch leben und sein Geschäft führen! Die Knebelung und Bindung an einzelne Veranstalter vor Jahren erfolgreich bekämpft und die freie Entscheidung und gute Beratung für den Kunden erkämpft, führt dieser Weg indirekt oder auch direkt wieder zur Knebelung des freien verkaufens im Reisevertrieb! Kooperation erwachet! Reisebüros erhebt euch!

von Wolfgang Hoffmann, 27.08.10, 13:26
die Buchungen haben tatsächlich spürbar angezogen. Über LM kann ich wenig sagen, weil wir da nicht unbedingt die Anlaufstelle sind und nicht waren. Aber die Geschäftsreisen nehmen zu, diese Klientel scheint auch wieder mehr Geld zu haben, um Privaturlaub zu buchen. Das verkrampfte bei den Rentnern hat etwas nachgelassen, man traut sich wieder was. Junge Leute wollen zwar immer noch "möglichst billig", schauen aber, scheint's wieder optimistischer in die Zukunft. Beratungsneutralität, wie Timo schon geschrieben hat, wird immer wichtiger. So gesehen machen die leit-VAs einen riesigen Fehler, wenn sie glauben, sie müssten sich an der Ausdünnung der Reisebürodichte beteiligen. Es gibt immer weniger Berührungsängste zu den VAs, die eine auskömmliche Provision ab der ersten Buchung zahlen, die zu jeder ihrer Agenturen stehen. Auch wir haben die Großen, profitieren von deren Image am Markt, aber die sollen sich nicht einbilden, dass das ein exklusives Brandwalking ist, sie machen in erster Linie für die Fachkompetenz des jeweiligen Reisebüros Werbung. Und dei Beratungshoheit, die liegt am point-of-sale. Und wenn sich immer mehr herausstellt, dass nicht nur z.B. TUI drin ist, wo TUI draufsteht, dann verwischt sich die Markenhoheit entsprechend, der Kunde kauft u. U. auch Nonames oder Trashimages, weil er - (wie bei ALDI) - weiß, dass die Markenartikel drin stecken. Ach-ja: Die Flexibilität von Sonderkonfektionierungen, von Dynpack, von Bausteinen, wird immer mehr geschätzt. Man vertraut diesen umgepackten, nicht vorkonfektionierten Artikeln immer mehr. Studienreisen werden so interessanter, weil Wiederholungstäter 1. das Zielgebietswissen der Verkäufer angemessen schätzen und 2. sei sicher sien können, dass "Zusammengebasteltes" gleiche Qualität beinhaltet, wie Konfektioniertes. Diese Form und Kreuzfahrten legen momentan, auch für 2011, gewaltig zu bei uns.

von Andreas Schulte, 27.08.10, 15:58
Bei diesem Thema wird die Schizophrenie dieser Branche wieder mal sehr deutlich. Einerseits versuchen die Veranstalter durch Erhöhung der Mindestumsatzgrenzen für auskömmliche Provisionen wieder so etwas wie eine Veranstalterbindung hinzubekommen, anderseits bewerben und verkaufen sich die Veranstalter über ihre Web-Portale und ihre eigenen Büros gegenseitig.

von Wolfgang Hoffmann, 27.08.10, 18:07
Tja, Andreas, und wider besserer Einsicht wird der Eigenvertrieb via WorldWideWeb beibehalten, weil man denkt, dass es sich um eine Art Brückenvertrieb handelt, ein Vertrieb 2.0, für den man bereit sein muss, wenn der richtige Vertrieb mal irgendwann endgültig kollabiert ist. Wir sollten ab und an mal ein paar Haloperidol in die Profitcenter nach Hannover, Köln und Oberursel schicken, damit die am Hyperventilieren nicht ersticken. Und so ganz nebenbei bauen wir Profis und alten Hasen der Reiseindustrie uns einen Vertrieb ohne Veranstalter auf. ;-)))))

von Robert Heim, 31.08.10, 08:32
Wer wirklich weis wie es derzeit in der Reiselandschaft aussieht muß echtes Insiderwissen haben. Die tatsächliche Lage erfährt man weder aus der Fachpresse und schon gar nicht von seinen Geschäftspartnern. Fakt ist das die Umsätze und Kundenzahlen seit dem Jahr 2000 kontinuierlich zurückgegengen sind. Da die Reisebüros so gut wie keinen Einfluss auf die Höhe ihrer Vergütung von ihren Geschäftspartnern haben - leben viele bereits von der Substanz. Die Reiseveranstalter haben zwar die Möglichkeit die Reisepreise und Vergütungen entsprechend der Marktlage zu gestalten aber diese Einsparungsmöglichkeiten reichen bei langem noch nicht aus - dies merkt man an der Servicebereitschaft und dem Kundenentgegenkommen das mittlerweile zum größten Teil bei "null" liegt. In der Öffentlichkeit machen sich alle gegenseitig was vor und dadurch entstehen zum Bsp. die "X" Veranstalter weil jeder Reiseveranstalter denkt er verpasst da was und die anderen machen das Geschäft. Genauso wie vor kurzem im Versandhandel mit Quelle passiert - ist "Größe" mittlerweile keine Gewähr mehr für Beständigkeit ! viele Grüße und viel Glück an alle die trotzdem weiterkämpfen werden

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