BTW-Tourismusgipfel

Respekt für den Tourismus!

Tourismusgipfel in Berlin: Wie wird die Reisekonjunktur 2011? Und genießt unsere Branche den Respekt, der ihr gebührt?

von Klaus Hildebrandt, 18.10.2011, 12:05 Uhr

Zum 15. Mail lud der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft zum Tourismusgipfel. Einst mit großem Tam-Tam auf dem Bonner Petersberg gestartet, gab es in den vergangenen Jahren auch Tagungen, auf denen viele Worthülsen auf der Bühne und gepflegte Langeweile im Publikum dominierten. Selbst manches BTW-Mitglied - das sind die großen Verbände und Unternehmen - stellte hinter vorgehaltener Hand in Frage, ob man den Gipfel außer für das Networking am Abend überhaupt noch brauche.

Aber der diesjährige Gipfel gehörte ganz eindeutig zu den guten Veranstaltungen und beweist, dass es dieser Veranstaltung doch bedarf. BTW-Präsident Klaus Laepple forderte angesichts vieler Zumutungen aus der Politik - Luftverkehrssteuer, Nachtflugverbote, Airline-Emissionshandel, Bettensteuern etc. - mehr Respekt für die Leistungen der Tourismusbranche. Wenn allein schon die deutsche Messe-, Kongress- und Tagungswirtschaft, wie deren Verbandschef vorrechnete, mehr als die Pharmaindustrie umsetzt, ist das sicher angebracht.

Und, tatsächlich, die Branche erhielt diesen Respekt. Das beschränkte sich nicht in den üblichen Grußworten und Floskeln der zahlreichen Politiker und Mitglieder des Berliner Polit-Betriebs, die sich im Berliner Adlon versammelten. Ausgerechnet der zuletzt heftig kritisierte Bundesaußenminister Guido Westerwelle hielt eine fulminante Rede, in der er nicht nur viel Lob spendete, etwa für das Krisenmanagement Anfang des Jahres bei den Unruhen in Nordafrika. Bemerkenswert war, dass er die deutsche Außenpolitik auf einen Kurs einschwor, der dem Tourismus konkret helfen könnte. So will er die Visa-Regelungen für ausländische Touristen, die nach Deutschland kommen, lockern und die deutschen Konsulate und Botschaften viel enger mit den Netzwerken der privaten Wirtschaft im Ausland verzahnen. "Nicht auszudenken, wenn dieser Mann derzeit auch noch politisch ein besseres Standing hatte", kommentierte ein Zuhörer den starken Auftritt des Außenministers.

Auch andere Politiker wie SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier oder der stellvertretende ägyptische Tourismusminister Hisham Zaazou und die Vizepräsidentin der EU Kommission, Viviane Reding, hielten eindringliche Reden, die sich nicht im Wortgeklingel verloren, sondern konkret aktuelle Branchenthemen - von der Pauschalreiserichtlinie über die Lage in Ägypten bis zum neuen Berufsbild für Tourismuskaufleute - aufnahmen. Wenn die Branche politisch als Schwergewicht wahrgenommen werden will und "Respekt" genießen will, braucht sie diese Gipfel-Treffen in der Hauptstadt.

Dieses Jahr läuft gut für die deutsche Tourismuswirtschaft. Aber obwohl Wirtschaftsstaatsekretär Ernst Burgbacher eifrig die guten Konjunktur- und Beschäftigungsdaten aufzählte und auch 2012 in Deutschland zwar ein niedrigeres Wachstum, aber keine Rezession droht, ging es in den Gesprächen am Rande viel um den Ausblick. Bei Veranstaltern und Reisebüros sind nach einem guten Sommer und starken Herbst die Buchungen für die Wintersaison ziemlich verhalten angelaufen.

Und auch die deutsche Hotellerie, die in diesem Jahr von vielen Geschäftsreisen und einem starken Urlaubsgeschäft aus dem In- und Ausland profitiert, sieht mit etwas gemischteren Gefühlen dem nächsten Jahr entgegen. Wohl auch deshalb hielt Hotelier Otto Lindner ein leidenschaftliches Plädoyer für die Beibehaltung der abgesenkten Mehrwertsteuer, damit das Hotelgewerbe als Standort für Konferenzen, Meetings und Events im harten internationalen Wettbewerb innerhalb Europas wettbewerbsfähig bleibt.

Fazit: Der Gipfel war ein reifes "Alterswerk" von BTW-Präsident Klaus Laepple, aber die Reisebranche muss trotz ihrer Erfolge weiter hart an ihrem politischen Einfluss arbeiten. Wie hat Ihnen der Gipfel gefallen? Und wie sehen Sie die Aussichten für 2012 in der Tourismusbranche?

Kommentare

von barthel.eu, 18.10.11, 16:03
Die erste Frage beantwortend: Taten sagen mehr als Worte. Und die Taten sind bekannt: Luftverkehrsabgabe, Nachtflugverbote, Auslegung von Visaregeln die zu den schlimmsten in Europa zählen. "Ausländer unerwünscht" (und auch deren Geld) ist die Message, die ich zum Thema Geschäftsreisevisaanträge aus der Türkei, Russland oder der Ukraine erhalte. Auch seitens internationalen Kongressveranstaltern wird dieses "Problem" beklagt. Das Meeting oder die Konferenz findet dann statt dessen in England oder einem anderen EU-Land statt, teuer für das deutsche Unternehmen, schlecht für den an sich gut geeigneten Messestandort - aber das funktioniert wenigstens! Schön, wenn Westerwelle sich für Erleichterungen einsetzt - eine Auslegung analog anderer EU-Staaten, die hier wesentlich kulanter und vor allem unbürokratischer Visa erteilen wäre schon ein Fortschritt. Und eine klare Strategie der Bundesregierung (a.k.a. der "Gesetzgeber") bezüglich der Entwicklung des Luftverkehrs wäre auch zu wünschen. Was will man und wie will man die Ziele erreichen? Die positiven Aussagen werden bei nächster Gelegenheit wieder konterkarriert, Entscheidungen ausgesessen. Die Frage ist doch, ob den Worthülsen auch entsprechende Taten folgen? Da habe ich dann doch eher meine Zweifel.

von Born, 18.10.11, 21:57
Da kann ich barthel.eu nur beipflichten. Schöne Reden der Politiker haben wir schon viele gehört und noch mehr Versprechen was alles kommen und was alles nicht kommen soll. Aber die Taten danach sahen immer anders aus. Vermisst habe ich bei Klaus eine Stellungnahme zur Rede von Siegloch. War das auch einer der besseren Auftritte?

von Klaus Hildebrandt, 18.10.11, 22:39
Lieber Herr Born, den Auftritt von Herrn Siegloch als neuen Oberlobbyisten der Luftfahrt fand ich gut. Er war sehr smart, hat aber die Kritik der Branche am EU-Emissionshandel, den Nachtflug-Verboten und der Luftverkehrssteuer rübergebracht. Einigen Teilnehmern des Gipfels war der neue BDL-Präsident etwas zu geschmeidig - aber selbst härtere Tonlagen und viele Fakten der Luftfahrt-Verbände haben ja an den obigen Problemen nichts ändern können.

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