BTW-Tourismusgipfel

Die wahren Revolutionen im Tourismus

Es gibt manche geschäftliche Revolution im Tourismus. Aber die wahren Umbrüche sind viele Nummern größer, das zeigten Hans-Dietrich Genscher und Amel Karboul in Berlin.

von Klaus Hildebrandt, 13.10.2014, 17:45 Uhr

Gerne betonen Politiker, dass die Reisebranche nicht nur ein Business, sondern eine völkerverbindende Angelegenheit ist. Oft ist das nur eine Phrase, aber auf dem Tourismusgipfel des BTW im Berlin wurde eindringlich vor Augen geführt, dass Tourismus mehr ist, als die Diskussionen um Märkte, Renditen, Geschäftsmodelle und digitalen Wandel. Zwei Politiker und Vertreter von zwei Ländern, die unterschiedlicher nicht sein können, schilderten dies im Berliner Hotel Adlon eindringlich: Tunesiens Tourismusministerin Amel Karboul und Deutschlands langjähriger Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Die polyglotte Karboul, die in Karlsruhe Maschinenbau studierte, eine weltweit tätige Unternehmensberatung führt, vier Sprachen (darunter Deutsch) fließend spricht und in der tunesischen Übergangsregierung seit Jahresbeginn Ministerin ist, berichtete aus dem Innenleben der "Start-up-Demokratie Tunesien". Sie sprach über die neue, in der arabischen Welt Maßstäbe setzende Verfassung, über den Stolz der Tunesier auf ihre Revolution, die neue politische Kultur und die bevorstehenden freien Wahlen. Sie warb um Vertrauen in ihr Land und sagte, dass es einige Zeit dauere, 50 Jahre Diktatur zu überwinden. Der Tourismus in ihrem Land sei immens wichtig, denn ohne eine stabile Wirtschaft sei auch die Demokratie gefährdet. Ein Vortrag, der Hoffnung machte.

Über die deutsche Revolution 1989 und "25 Jahre Reisefreiheit" sprach anschließend Genscher. Er schaffte es, mit ehrlichem Pathos, aber auch mit Anekdoten über seine Begegnungen mit Staatsmännern aus aller Welt, die Geschichte wieder aufleben zu lassen. Er würdigte den ehemaligen sowjetischen Staatschef Gorbatschow ("Er hatte die Kraft, eine Doktrin zu überwinden, die er mit der Muttermilch aufgesogen hatte"), ließ den Geist der Wendezeit aufleben ("Die Völker Europas waren sich emotional nie so nahe wie in diesen Jahren") und mahnte, mit dem "Genörgel" über Europa aufzuhören: "Ohne Europa würden wir uns alle nicht hier in diesem Raum versammeln können."

Zwei Politiker mit dem Blick auf zwei Revolutionen - ein bewegender Abschluss des Tourismusgipfels. Und ein großartiges Zeichen, dass der Wunsch der Menschen, zu reisen und die wirtschaftliche Kraft der Reisebranche zwei elementar wichtige Dinge sind, die über nackte Zahlen weit hinausgehen.

Kommentare

von Mieze63, 14.10.14, 08:08
Schade, dass Sie sich hier so kurz fassen. Über diese faszinierende Begegnung hätte ich gern wesentlich mehr gelesen. Danke für die Anregung zur Recherche.

von Klaus Hildebrandt, 14.10.14, 13:26
@Mieze63: Ein Interview mit Ministerin Karboul lesen Sie in der nächsten fvw. Der Vortrag von Hans-Dietrich Genscher lässt sich nur schwer wiedergeben – das ist, als ob man ein Konzert zusammenfassen würde. Es war ein bemerkenswerter Vortrag, bei dem der berühmte "Atem der Geschichte" spürbar wurde und der von den Teilnehmern mit langen Standing Ovations gewürdigt wurde. Genscher fand übrigens auch sehr nette Worte für Frau Karboul: Er sagte, er habe in seinem Leben nicht nur viele Reden gehalten, sondern auch viele Reden hören müssen. Aber der tunesischen Ministerin hätte er gerne noch länger zuhören können.

von Sabine Neumann, 28.11.14, 15:49
Der iranische Botschafter lud in die Vertretung der Islamischen Republik Iran in Berlin. Sein Land will den Tourismus nach Persien ankurbeln - die Spezialisten Geoplan und Chamäleon waren mit Grafenstein Tourismuswerbung auf Inforeise und haben erste Iran-Programme aufgelegt. Komisch, die ganze Zeit tanzten bei mir die Bilder vom Tourismusgipfel, die Auftritte von Hans-Dietrich Genscher und der tunesischen Tourismusministerin Amel Kaboul sowie Dein Blog "Die wahren Revolutionen im Tourismus" im Kopf. Es sind Menschen, die bewegen, auf beiden Seiten, vielleicht auch hier zu einem wahren Tourismus.

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