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Die reale Welt zählt wieder – danke, liebe Fangemeinde!

Posten, Twittern, teilen und liken. Was bei modischen Veranstaltungsformaten, so genannten Barcamps, bis vor kurzem noch Pflicht war, ist jetzt schon wieder verpönt. Die neue Welle: Lieber wieder richtig dabei sein und aktiv mitmachen – ganz real!

von Sabine Pracht, 24.04.2015, 14:41 Uhr

Genau eine Woche ist es nun her, dass ich zum Destination Camp in Hamburg aufbrach. Für alle, die sich nichts darunter vorstellen können: Dort treffen sich Menschen, die für die Vermarktung einer touristischen Destination im deutschsprachigen Raum zuständig sind. Sie diskutieren über Marketing, Social-Media-Strategien, Zielgruppenansprache, Finanzierungsmodelle und Zukunftsstrategien und arbeiten gemeinsam in Workshops daran, dass alles irgendwann besser wird. Das Prinzip solcher Barcamps: Sie sollen den besonderen Reiz des Interaktiven transportieren. Sprich: Keine langweiligen, werbelastigen Frontvorträge. Stattdessen Aktion und Austausch auf allen Ebenen, live wie virtuell, auf allen Kanälen. Und daher gilt für solche Camps: Posten, Twittern, Teilen und liken, was das Zeug hält. Wer das nicht tut, ist unerwünscht.

Beim Verlassen der Redaktion entschied ich mich, meinen Laptop, eine Air-Version, auf dem Schreibtisch zu lassen. Ich war der Meinung: Nichts wird auf dem Camp so wichtig sein, dass es am Wochenende sofort unter die Leser gebracht werden muss. Dennoch hielt ich meine Entscheidung für gewagt. Mein Trost: Zur Not hätte ich ja immer noch mein Smartphone dabei. Denn auch für uns bei der fvw ist es ganz selbstverständlich, vernetzt zu denken, schnell zu handeln und für die Informationsübermitlung den Kanal zu nutzen, der für die entsprechende Nachricht am besten geeignet ist.

Dann kam die große Überraschung für mich. Zur Einführung am ersten Abend wurden uns Ablauf und einige Verhaltensregeln mitgeteilt und ich traute meine Ohren nicht: „Bitte nicht posten oder Twittern während der Sessions. Wir wollen arbeiten“. Wie im Theater, wenn noch einmal eine Durchsage kommt, doch bitte die Handys auszuschalten, wurde uns verboten, virtuell aktiv zu werden. #dchh15 wurde eingerichtet, um im Nachgang über das Destination Camp zu twittern, zu posten, zu teilen und auf deren Facebook-Seite zu liken.

Bravo! Sind wir wieder in der realen Welt angekommen, wo sich Menschen treffen, um sich wirklich miteinander zu befassen? Wo das gute Gespräch höhere Priorität hat als all die potenziellen Leser der nicht anwesenden Facebook-Fangemeinde zu bespaßen? Entpuppt sich der Glaube an Multi-Tasking, dass wir nämlich alles gleichzeitig können ohne etwas zu verpassen, als Irrglaube? Sind wir doch mal ehrlich: In dem Moment, in dem wir uns dem Smartphone zuwenden, wenden wir uns gleichzeitig von unserem Gegenüber oder einem potenziell interessanten Gesprächspartner ab. Verpassen wir dadurch nicht unglaublich viel? Entgeht uns nicht viel zu oft das Gefühl für das Reale, weil wir in Gedanken in der virtuellen Welt sind? Ich träume weiter: Können Menschen bald wieder ihr Essen im Restaurant genießen, ohne es vorher fotografiert zu haben? Und kann ich bald wieder einfach mal nett mit Menschen zusammensitzen, ohne dass gleich einer ein Gruppenfoto macht? Das wäre zu schön, um wahr zu sein.

Warum ich erst jetzt Blogge? Ich habe Prioritäten gesetzt: Redaktions – und Druckschluss bei der fvw, jede Menge fvw.de-News, die nicht warten konnten, haben mich abgehalten. Ist dieser Blog jetzt nicht mehr aktuell, weil er eine Woche später veröffentlicht wurde und nicht just in dem Moment, quasi live, als mir der Gedanke dazu durch den Kopf schoss? Ich denke nicht. Thema und Aufbereitung entscheiden doch darüber, ob etwas relevant und damit noch aktuell ist. Oder nicht?

Kommentare

von Michael, 24.04.15, 17:29
Exakt - und so hätte es doch schon immer sein sollen. Die sozialen Medien sind eine tolle Sache, revolutionär sogar. Aber oberste Priorität haben doch die menschlichen Angelegenheiten. Wenn sich beides ergänzt, wie hier im Blogpost oder auf dem DestiCamp - perfekt. Nicht zuletzt ist das menschliche Erleben das Thema im Tourismus und das virtuelle Erleben halt nur ein Teil der Miete, äh, Vermarktung.

von Sabine Neumann, 29.04.15, 17:07
... ich träume mit. Weil ich es wesentlich finde. Schätzen wir nicht alle ungeteilte Aufmerksamkeit? Und vielleicht schafft Prioritäten setzen das Zeitfenster, Erlebtes zu reflektieren und Nützliches über die Kanäle zu streuen. Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass es für Eingeweihte amüsant sein mag, sich über kryptische Abkürzungs-Codes irgendwelcher Veranstaltungen intern auszutauschen - à la ich fahre jetzt zum... und freu mich schon auf...

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