Bahn

Pofalla zur Bahn - eine gute Wahl

Der Wechsel von Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla in den Bahn-Vorstand entrüstet Deutschland. Aber für die Deutsche Bahn kann das nur gut sein.

von Klaus Hildebrandt, 03.01.2014, 09:10 Uhr

Politiker von SPD, Grünen, Linkspartei und die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International zeigen sich empört über die überraschende Personalie, vom Verfall der politischen Sitten ist die Rede. Doch ich habe eine andere Meinung: Die Reisebranche klagt seit Jahren, zuletzt auf dem BTW-Tourismusgipfel im Dezember in Berlin, dass sie zwar wirtschaftlich ein Riese, aber politisch ein Zwerg ist. Gerne wird dann erwähnt, dass andere Branchen ein viel effektiveres Lobbying betreiben. In der Finanzkrise erhielt die Autoindustrie die Abwrackprämie geschenkt, die Reisebranche die Luftverkehrssteuer aufgebrummt.

Wen haben die Autobauer als Cheflobbyisten? Den ehemaligen Verkehrsminister Matthias Wissmann. Wen holt sich der Daimler-Konzern als Leiter des Bereichs Politik und Außenbeziehungen? Keinen geringeren als den ehemaligen Staatsminister Eckart von Klaeden. Da soll dann ein Unternehmen, das allein dem Bund gehört und im Kreuzfeuer der Kritik steht wie kaum ein anderes, einen Politikchef zweiter Wahl bekommen? Die Bahn hat sich in den vergangenen Jahren von einem trägen Staatskonzern in einen modernen und international erfolgreichen Mobilitäts-Dienstleister verwandelt. Auf diesem Weg braucht sie gute Leute.

Pofalla erregt vielleicht auch deshalb die Gemüter, weil er gerne Zielscheibe von Satirikern ist und eher wie ein Pastor als ein Politik-Manager daherkommt. So verwundert es auch nicht, dass am Donnerstagabend sogar Zweifel an der unbestätigten Personalie aufkamen. Das Online-Magazin Postillon hatte durch eine geschickt rückdatierte Meldung den Eindruck erweckt, das ganze sei nur eine Satire. Auch auf fvw.de und unserem Schwestermagazin Biztravel.de war zu nächtlicher Stunde kurz ein entsprechendes Update unserer Meldung zu lesen. Doch nun scheint es trotz der noch ausstehenden Bestätigung des DB-Aufsichtsrats klar zu sein, dass Pofalla kommt.

Und ja: Unsere Branche braucht eher mehr als weniger gute Lobbyisten. Das kostet dann Geld, wie etwa auch die Schaffung des Luftverkehrsverbands BDL mit dem bekannten TV-Journalisten Klaus-Peter Siegloch an der Spitze. Für die Bahn jedenfalls könnte das Vorstandsgehalt für Ronald Pofalla eine gut angelegte Investition sein.

Kommentare

von Günther Krawuttke, 03.01.14, 10:25
Guten Morgen Klaus, bitte mal die anderen Beiträge des Postillons anschauen und überlegen, wie ernst die Meldung zu Pofalla gemeint sein könnte. Gute Quellenrecherche geht anders.

von Siegfried Egyptien, 03.01.14, 10:26
Unsere Branche braucht vor allen Dingen Leute, die NACHHALTIG Erfolg bringen. Um ein Bild zu malen: Wir brauchen keine Leute, die bei Beulenpest die Beule erfolgreich übertünchen können, wir brauchen Leute, die gegen den Erreger der Beulenpest angehen. Also nicht an den Symptomen rumdoktoren können, sondern die Ursachen beseitigen. Dazu muss touristikmensch sich auch mal fragen: Was sind Symptome und wo liegen die Ursachen? Die Luftverkehrssteuer ist sicherlich ein Symptom. Ich halte sogar unsere globale Bedeutung für eine Ursache unserer regionalen (in Deutschland) Unterdrückung. Und ob Pofalla der richtige Mensch dafür ist, das ändern zu können, möchte ich bezweifeln.

von Jörn, 03.01.14, 10:28
Lieber Klaus, bei allem Respekt, aber: Es war schon von von Klaeden eine Unverschämtheit die Interessen von Daimler während seiner Zeit in der Politik zu Vertreten. Er war Vertreter des Volkes und nicht der Industrie! (EADS Anteile an KfW). Nun also Pofalla. Neben der unsäglichen Verquickung von Politik und Wirtschaft, soll er ein "guter" Mann sein? In der NSA Affäre hat er nicht nur kläglich versagt, sondern die Bürger angelogen. Er ist ein Lügner und deshalb unfähig. Ich habe kein Verständnis, dass Pofalla und von Klaeden auch noch gelobt werden. Trotzdem ein frohes Neues.

von cat, 03.01.14, 11:03
Wenn schon ein Lobbyist, dann einer mit Potenzial - das kann ich bei einem Pofalla beim besten Willen nicht entdecken. Urban Priol hat schon genau gewußt, warum für ihn "Pofalla, Pofalla, Pofalla...!" immer ein rotes Tuch war. Zugegeben, die Tourismusindustrie braucht Leute aus der Politik - dann aber bitte mit mehr Sahne!

von Satire darf alles, 03.01.14, 12:05
Ist es euch nicht irgendwie peinlich eine frei erfundene Meldung einer Satireseite als Fakt zu präsentieren?

von Skeptiker, 03.01.14, 13:26
Was den Postillon angeht - die fanden die (echte) Meldung so satirefähig, dass sie sie (wie von KH korrekt wiedergegeben) auf ihrer eigenen Seite im Wortlaut, aber mit einem zurückliegenden Datum veröffentlicht haben - einen Meldung also, bei dem man Persiflage und Realität offenbar nicht mehr unterscheiden kann. Im übrigen frage ich mich, unabhängig von dem Geschmäckle dieser Personalie, was daran gut für die Branche sein soll. Was hat die DB denn bitte mit der Reisebranche im allgemeinen und speziell ihren Sorgen zu tun? Unter wievielen Nonsens-Steuern leidet sie denn, dass sie sich in dieser Debatte glaubwürdig an die Spitze der Touristiker setzen könnte? Wird sie aktiv die Pauschalreiserichtlinie angehen? Davon abgesehen: Wer würde diesem Probleme-einfach-für-beendet-Erklärer denn auch nur ein Wort glauben? Wollen wir, dass so einer für uns spricht? Man sollte ja eh nicht so viele Politiker auf Führungsposten in der Wirtschaft setzen - Stichwort Regiebetriebe, Subventionsempfänger, Aufsichtsratsmandate -, wo sie nicht selten schlicht versagen, sondern umgekehrt mehr Unternehmer und Fachleute ermuntern, mal ein paar Jahre in die Politik zu gehen, deren Niveau ja nicht ganz so leicht abgesenkt werden kann. Dann klappt das nicht nur mit der Vernetzung besser.

von Stefan Werner, 06.01.14, 09:09
Dass Politiker in die Wirtschaft wechseln und umgekehrt, ist generell nur zu begrüßen. Beim Fall Pofalla sind es allerdings die Begleitumstände, die vielen übel aufstoßen. Schließlich hat er erklärt, dass er sich mehr um sein Privatleben kümmern will. Sein Bundestagsmandat hätte er gar nicht erst mehr annehmen dürfen, weil der Wechsel da offenbar schon eingefädelt war. Und warum braucht ein Unternehmen, das allein dem Staat gehört, einen Extra-Vorstand, der für gute Beziehungen mit dem Staat zuständig ist. Dieses alles zusammen sorgt zu Recht für Kritik.

von Horst, 07.01.14, 09:28
Journalistische Theorien matchen eben eher selten mit der Realität, aber jeder kann und darf ja eine Meinung haben. Und wenn die fvw meint, Pofalla ist eine gute Besetzung für die Bahn - dann ist das erst mal so. (alle anderen scheinen eine feinere, selektivere Wahrnehmung an den Tag zu legen). Einfach den Rösler machen: "einer der Geschäftsführer des Weltwirtschaftsforums"... So einen xxx-Schaukeljob ist doch passend, mehr kann und will der auch nicht mehr - und das ist für diesen Planeten auch das Beste...!

von Frank Dost, 07.01.14, 17:28
Lieber Klaus, keine Sternstunde des Kommentators! Pofallas Abgang aus der Politik ist eher unter dem Gesichtspunkt "beleidigte Leberwurst" zu sehen, weil er im neuen Kabinett "Merkel", aus seiner Sicht, keine adequate Position zugewiesen bekam. Und dann auch noch zu erklären, er wolle mehr Zeit für seine privaten Ziele haben, schlägt im Kontext zu der nunmehr anstehenden Positionierung sprichwörtlich "dem Faß den Boden aus"! Mehr Verlogenheit geht nun wirklich nicht mehr. Pofalla ist ein Musterbeispiel für den Verfall von Anstand und Moral. Es gibt ein Interview vom besagten Herrn, in dem er sich deutlich kritisch zum Wechsel des ex-Kanzlers Schröder zu Gazprom positioniert. Und nun gilt plötzlich in der eigenen Personalie: "Was schert mich mein Geschwätz von Gestern"! Davon abgesehen bezweifle ich, dass der DB AG eine Person, die politisch eher als unauffällig zu bezeichnen war, von Nutzen sein kann. Aufgefallen ist Herr Pofalla doch eher durch seine diskriminierende Aussage gegenüber einem Partei-Kollegen aus NRW und in durch seine beinahe kabarett-reifen Aussage zum NSA-Abhörskandal, den er ja, Kraft Amtes, für beendet erklärt hatte!

von UB, 15.01.14, 11:30
Mich würde gerne interessieren, wieso eine solche inkompetente Person wie ein Herr Profalla zur DB gehen will, wobei dieser Mann sich schon in der Politik sich nicht besonders herausgestellt hat!! Ist die Bahn nicht schon teuer genug oder hat die DB zu viel Geld?

von Keld, 16.01.14, 15:38
Ich teile zum großen Teil die Meinung von Klaus. Und ja, wer definitiv profitieren wird, sind die Bahn und Pofalla selber..

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