Bahn

Früher wär das nicht passiert

Wie kann es sein, dass eine IT-Panne den DB-Betrieb massiv lahm legt? Die DB prüft, ich spekuliere: Schuld sein dürften Ebula und Hafas.

von Dirk Rogl, 15.01.2009, 10:41 Uhr

Kursbuch und Entfernungstabelle sind längst aus den Reisebüros verschwunden. Unter dem Strich spart der Counter durch die Nutzung des elektronsichen Fahrplansystems Hafas tonnenweise Papier. Auch die Lokführer haben ihre Führerstände entrümpelt: wo früher kiloweise Buchfahrpläne lagen, flimmert heute ein kleiner Monitor: der Ebula. "Ebula" steht für "elektronischer Buchfahrplan und Langsamfahrstellen" und ohne dieses System geht im Bahnbetrieb ähnlich wenig wie im Vertrieb ohne Hafas. Gestern um 14 Uhr war es soweit. Hafas und die daran anknüpfenden Buchungssysteme lieferten ebenso wenig aktuelle Daten wie die meisten Ebulas im Führerstand. Was also tun? Was dem Expi sein Blankoticket ist dem Lokführer seine Fahrplananordnung, ohne die er bei Ausfall des Ebula nur im Schneckentempo weiterfahren darf. Auch hier gibt es erstaunliche Parallelen zum Vertrieb. Beide Formulare waren früher Standard und sind heute Mangelware. Und beides muss manuell erstellt werden – und zwar von Mitarbeitern, deren Routine in dieser Disziplin Dank moderner EDV massiv abgenommen hat. Noch tut sich die DB schwer damit, offiziell eine Ursache für den IT-GAU zu nennen. Mir ist es eigentlich völlig egal, ob die Panne bei der Bahntochter DB Systel oder einem externen IT-Partner passiert ist. Viel wichtiger ist die simple Erkenntnis: Früher wäre das nicht passiert, weil der heutige Notplan der alte Standard war. Zugeben: gedruckte Fahrpläne haben viel Geld gekostet, waren aber ziemlich krisensicher. PS: Herzlichen Glückwunsch, liebe Iata, zu angeblich 100 Prozent E-Ticket im Flugverkehr. Auf dass der Projektname weiterhin Programm bleibe: Simpliflying the Business.

Kommentare

von Waldemar, 15.01.09, 11:17
Irgenwie schön, dass die totale Technikgläubigkeit gelegentlich einen Dämpfer bekommt: Dieser wird auch bei der Bahn nicht der letzte sein. Noch hat man nichts darüber erfahren, wie mit Fahrgästen umgegangen worden ist, die aufgrund dieser Panne als Schwarzfahrer angetroffen wurden.

von barthel.eu, 15.01.09, 12:45
Wie angesprochen: Das eigentlich verheerende ist, dass es keine "Notfallpläne" gibt. Die IT hat zu funktionieren. Lufthansa war ja auch schon mal tagelang gegroundet. Es zählt das St.-Florians-Prinzip: Uns betrifft das ja nicht. -- Es gab mal einen Ausfall des Platzvergabesystems bei einer Airline in Frankfurt. Nur zufällig war ich vor Ort und hatte die Idee, hinter dem Check-in stehend einfach Bordkarten für die Reihen per Hand zu beschriften und diese "gruppiert" auszugeben. Erstaunlich: Auf ausgebuchter DC-10 (Sitze 2-5-2) saß KEINER allein auf einem "E-Sitz", JEDE "Gruppe" hatte einen Gangzugang. Aber nein. Heute bleibt der Flieger stehen. -- Warum die Daten der Zugverläufe nicht vor Abfahrt "lokal zwischengespeichert" werden und damit im Falle eines Ausfalls wenigstens ein Tag "Betriebssicherheit" gewährleistet wird liegt wahrscheinlich daran, dass der notwendige Speicher mit 1-2 Euro pro Zug zu teuer war... Es darf gelacht werden :-D

von Wolfgang Hoffmann, 15.01.09, 12:50
"Ebula" ... das muss ja einfach alle möglichen Viren anziehen!

von Dirk Rogl, 15.01.09, 13:54
@barthel.eu: Wenn ich Ebula richtig verstehe, funktioniert "Ebu" (der Fahrplan) in den Loks auch offline, nicht aber "la" - also der Update der sich stets ändernden Langsamfahrstellen vor Abfahrt. Aber wir wollen ja der DB nicht vorgreifen, nur eine kleine Spekulation.

von Mario Stumpf, 15.01.09, 17:40
Konstruktive Kritik in allen Ehren, Verteufelung von IT, welche durch die "Drohung" an IATA deutlich herauskommt, ist in unserem Zeitalter O.K für meine Großmutter, aus der Feder eines Journalisten kommend weltfremd und nicht zeitgemäß.

von Wolfgang S., 16.01.09, 13:37
Unisys-Ausfall 2004 bei LH: Damals gab es ein Riesen-Chaos, obwohl noch reichlich Papiertickets gegen Blanko-Bordkarten umgetauscht werden konnten. Das möchte ich 2009 nicht wiederholen. Was ist an diesem Thema denn weltfremd?

von Mario Stumpf, 16.01.09, 17:39
Zu der Frage: Unisys-Ausfall 2004 bei LH: Damals gab es ein Riesen-Chaos, obwohl noch reichlich Papiertickets gegen Blanko-Bordkarten umgetauscht werden konnten. Das möchte ich 2009 nicht wiederholen. Was ist an diesem Thema denn weltfremd? Weltfremd bezeichne ich den Versuch mittels diesem Artikel zu suggerieren dass wir ohne IT heutzutage besser arbeiten würden. Auf die Annehmlichkeiten die wir heute dadurch haben will und kann niemand mehr verzichten. Die Massen sind "Manuel“ nicht mehr zu bewerkstelligen und niemand ist mehr bereit die Mehrkosten hierfür zu tragen..

von Dirk Rogl, 16.01.09, 18:10
@ Mario Stumpf: Aber nein, die Technik ist schon ein Segen - da sind wir auf einer Linie. Aber das Backup sollte reibungsfrei funktionieren. Wenn daran auch gespart wird, droht eben eine gewisse Instabilität der Prozesse. Diese kleine Warnung erlaube ich mir aus hoffentlich nicht allzu fernen Umlaufbahnen heraus auszusprechen.

von Mario Stumpf, 20.01.09, 17:45
d`accord, da bin ich ausnahmslos der gleichen Ansicht, als Back Up ist alles erlaubt solange es den Betrieb aufrecht erhält. Hatte das ein wenig so interpretiert das wir ohne Technik besser auskommen.

von barthel.eu, 21.01.09, 15:31
Ich erlaube mir dann doch den Nachsatz. Das Problem ist doch, wenn die Technikverliebtheit so weit geht, das der GAU (größter anzunehmender Unfall) nicht handhabbar ist. Heue in den Medien: Mal wieder ein (Windows-)Virus. Was, wenn ein Virus oder Angriff weite Teile der Computernetze lahmlegen? Kann dann noch jemand in unserer Branche ohne? Sowas nennt sich "Abhängigkeit". Wer keine Medizin im Schrank hat kann an einer Grippe sterben! Stoff zum Nachdenken...

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