Bahn

Das Land der Bediener

Die Bahn fährt beim Bedienzuschlag ein paar Meter zurück. Ein Sturm im Wasserglas?

von Klaus Hildebrandt, 11.09.2008, 16:17 Uhr

In einem hat der Mann mit dem Vornamen Bahnchef recht: Jeder deutsche Politiker ist DB-Experte. Allein wer sich von welcher Hinterbank in den letzten Tagen alles zum unsozialsten Ereignis des Monats (neben dem Sturz von Kurt Beck) äußerte. Als ich Mehdorn vor einer Woche in Hamburg nach dem Bedienzuschlag fragte, sagte er noch, er könne die Aufregung nicht verstehen, bei den Airlines hätten die Kunden das doch auch akzeptiert. Aber die Bahn ist eben was anderes. Und schon entfällt nach öffentlichem Druck in den Reisezentren der Servicezuschlag für Behinderte und Alte, die im Reisebüro aber zahlen müssen. Oder können sich die Reisebüros etwa Sozialtarife leisten, wie sie Politiker schon von den Energieriesen fordern? Wahrscheinlich waren viele Politiker lange nicht mehr im Reisebüro. Die ganze Debatte dreht sich nur um die DB-Reisezentren. Dabei haben die Reisebüros auch eine gute Botschaft: Pauschalreisen ganz ohne Service-Entgelt für Behinderte, Senioren, Familien, Singles, Jugendliche, Best-Ager und sogar für Herrn Mehdorn.

Kommentare

von barthel.eu, 11.09.08, 17:46
Was mir beim Thema dann doch wieder durch den Kopf geht. Früher hat man einen artigen Diener gemacht, Bedienung (Service) war "eingerechnet" und freundlich. Nun ist die "Servicewüste" ja lang schon Thema - die steigenden "Servicegebühren" sind da nur ein Symptom der Krankheit. Ich frage mich, wann ich beim Hotel das erste Mal "check-in-Gebühr" bezahlen muss oder wie wohl bei der Bahn künftig ein Lächeln des Bistrochefs beim Verkauf eines Kaffee oder die korrekte Auskunft des geänderten Anschlusszuges bei einer Verspätung berechnet werden...?

von Wolfram Schneppe, 12.09.08, 10:27
Sehr schön von Klaus begonnen... Wen ich dabei fast schon ein bisschen in Schutz nehmen möchte, ist Mehdorn selbst. Er hat einfach den Auftrag, in einer ganz speziellen, schwierigen Materie zu handeln, nämlich die Bahn zu privatisieren. Würde sein Auftrag anders lauten, so traue ich diesem an und für sich recht fähigen Industriemanager durchaus zu, ihn entsprechend anders auszuführen. Der Punkt ist doch immer wieder die Privatisierung! Und darüber wird sich immer streiten lassen! Mag dies - auch auf Grund des häufig heftigen Eingreifens der Deregulierungsbehörde - im Telefonmarkt noch bedingt hingehauen haben, so zeigt sich im Energiesektor das ganze Desaster, wo sich eben keinerlei Konkurrenzsituation aufgebaut hat, sondern ein Oligopol von 4 mächtigen Anbietern den Markt unter sich aufgeteilt hat und abzockt, wie und wo es nur geht. Natürlich werden diese Vier, wie gestern angedeutet, bei eventueller Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke einen erkläcklichen Anteil der zusätzl. Gewinne in Höhe von 40 Milliarden Euro als kleines Dankeschön an die Verbraucher weitergeben... Tickt es da eigentlich noch ganz richtig??? Ein schlechter funktionierendes Bahnsystem als das privatisierte in England dürfte es in der gesammten westlichen Hemisphäre kaum geben, ausser, doch - in den USA, aber das ist auch privatisiert! Aus englischen privatisierten Wasserleitungen kommt nur die Hälfte der Tropfen beim Verbraucher an, der Rest versickert im Untergrund; der Liebe Gott mag uns vor einer bevorstehenden Wasserprivatisierungswelle in Deutschland bewahren! Nun geht Mehdorn in den kommenden Wochen auf Beteiligungsschau in der ganzen Welt auf Tour. Und natürlich hat der geneigte Anleger aus Dubai, Sao Paulo oder Hong Kong ein vitales Interesse daran, das der Deutsche schnell, zuverlässig und günstig von A nach B kommt... "Der Deutsche" wird also weiter über seine Steuern die Bahntrassen in Schuss halten, ggfls. Verluste der Teilprivatisierten Bahn AG ausgleichen, für die originäre Dienstleistung "Fahrkartenkauf" am Fahrkartenschalter einen unglaublichen Kaufaufschlag auf die Fahrkarte berappen oder er wechselt auf die Privatbahnanbieter. Das sind die Strecken im Bayer. Wald, am Schliersee oder in Ostfriesland, die für die Bahn nicht mehr rentabel zu bedienen waren und stillgelegt werden sollten... Wir sprechen hier überhaupt nicht die Unverfrorenheit an, mit der unter Hinweis auf die Luftfahrtbranche fast Null-Provision für die Verkaufstätigkeit im Reisebüro geleistet wird, mit der die längst an den Rand des Möglichen strapazierte Personaldecke der Bahn AG weiter ausgedünnt werden soll, so wie es die grossen Privaten vorexerzieren. Alles politisch korrekt und gewünscht, alles korrekt und gewünscht umgesetzt von Mehdorn... ...und nächstes Jahr sind Wahlen!

von Sharon Halttunen, 12.09.08, 10:56
Vielleicht koennen wir beim kontrollieren der Fahrkarte (ist das noch Service-frei ?) die Hand aufhalten und sagen: bitte schoen, wir sind tatsaechlich da und haetten jetzt gerne die 2,50 wieder zurueck....

von Klaus, 12.09.08, 10:58
So schnell ging das: Gestern gebloggt, heute morgen ist der Bedienzuschlag schon abgeschafft. Hat das nun Konsequenzen auch für die Bahn-Provision, wie DRV-Vize Hans Doldi nach dem DB-Beschluss nun auf fvw.de fordert? Die Debatte ist längst nicht vorbei und wird sicher auch am Rande des fvw Kongress für Gesprächsstoff sorgen.

von k.-h. Tüg, 12.09.08, 18:35
Was haben wir von der DB noch zu erwarten. Betriebswirtschaftliche "Fehlentscheidungen" sind eine Erkenntnis mit der die Reisebüros schon seit Jahren leben. Das Ziel der Privatisierung der DB ist sicherlich das Fundement , das auch in der Zukunft unseren Alltag negativ belasten wird. Provionen die von den eigenen Backofficekosten gefressen werden können nur zu einer Entscheidung führen. Agenturvertrag Kündigen. Die Praxis hat bewiesen daß Reisebüros ohne DB-Agentur erfolgreich arbeiten. Alle Kosten für Personal, Büro- und Schaufensterfläche usw. könnten erfolreich anderweitig genutzt werden. Ich warte auf eine durchschlagende Reaktion der Agenturen.

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