ARD

Was Sie noch niemals über Mobilität wissen wollten

Vorhang auf für die große ARD-Themenwoche Mobilität. Die gute Nachricht vorab: Es gibt diesmal zum Auftakt keinen gekünstelten Tatort-Skandal, der dem gemeinen Gebührenzahler die Lust auf´s Reisen nimmt.

von Dirk Rogl, 20.05.2011, 11:57 Uhr

Noch zwei Tage, dann geht es los. Eine ganze Woche lang verwöhnen uns die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit Inhalten zum Thema "der mobile Mensch." Wer die bisherigen Themenwochen zu den Themen Krebs, Ernährung, Demographischer Wandel, Leben und Kinder genossen hat, der weiß, was uns da erwartet. Von der Morgenshow bis tief in die Nacht verwöhnen uns Deutschlands Radio- und Fernsehmacher primär mit Fakten zu einem Thema.

Keine Angst, die Tagesschau deckt weiter das Weltgeschehen ab und in den Formatradios läuft der übliche Hitmix der 80er- und 90er. Aber davon abgesehen wird es in den Standardformaten rund um die Uhr primär um Mobilität gehen. Und damit geht es um Dinge, die auch unsere Branche angehen. Oder auch nicht. Denn nicht ganz zufällig fällt die Themenwoche zusammen mit dem Jubiläum. Und wohl nicht ganz zufällig fällt die Koordination der Themenwoche an den Südwestrundfunk. Dort sitzt, vielleicht auch nicht ganz zufällig, der Automobilhersteller, der für sich in Anspruch nimmt, jenes Vehikel erfunden zu haben.

Was all das mit Touristik und Geschäftsreisen zu tun hat? Herzlich wenig. Und genau das könnte das Problem werden. Allein die Vorschau auf das erste TV-Programm lässt Übles erahnen. Zwölf Beiträgen zum Thema Automobil stehen sechs TV-Sendungen zum Thema Reisen gegenüber. Dabei geht es dann um die Geschichte des Reisens, Couchsurfing, moderne Flugzeugtechnologie, Nachhaltigkeit, einen Radweg an der innerdeutschen Grenze sowie eine Expedition zur Forschungsstation "Neumayer 3" in der Antarktis.

Die Erbsenzählerei hilft uns hier nicht weiter. Ich freue mich auf journalistisch gute Arbeit und auch darüber, dass das Thema "Reisen" doch mehr Beiträge bekommt als etwa Gesundheit (fünf Beiträge) oder Stress (vier Beiträge). Wohlbemerkt: Niemand erwartet eine sechstägige Verkaufsshow über die Vorzüge von Geschäfts- und Urlaubsreisen. Gut möglich aber, dass dieser Apsekt in der öffentlich-rechtlichen Info-Lawine arg untergeht.

Mobilität ist ein sehr offener und dehnbarer Begriff. Vermutlich ist er dehnbarer als in den Themenwochen der Vorjahre. Und genau da liegt die Gefahr: die öffentlich-rechtliche Anordnung an die Redaktionen, möglichst viele Rundfunk- und TV-Beiträge dem Themengebiet "Der mobile Mensch" unterzuordnen, birgt das Risiko, dass hier erheblicher Wildwuchs entsteht. Immerhin: Diesmal gibt es zum Auftakt der Themenwoche keinen auf das Thema getrimmten Tatort, in dem ein Pseudo-Skandal augefdeckt wird. Das Ambivalent zu weggesperrten Senioren, Lebensmittel- und Medizin-Skandal fällt diesmal aus.

Stattdessen sehen wir einen Polizeiruf 110 und der soll sich mit illegaler Schrottensorgung beschäftigen. Ich hoffe inständig, dass hier nicht doch noch ein gekünstelter Zusammenhang zum Thema Mobilität produziert wird. Und wenn doch, bitte nicht aufregen, liebe Leser. Die ARD meint es nur gut mit uns. Gleiches gilt natürlich auch für die Ratgeber-Sendungen in den dritten Programmen. Es wäre doch wohl gelacht, wenn das Team der Themenwoche nicht ein paar gestrandeten Urlaubern zur Hilfe eilt. Hier nur eine kleine Einstimmung davon, was in Norddeutschland so aufgedeckt wird. Nehmen wir es einfach locker.

Kommentare

von Ludwig, 20.05.11, 15:26
Herr Rogl, ein Blick auf die Aussagen der drei "Paten" der ARD Themen Woche sollte reichen, um einen auch die letzte Illusion zu rauben, dass man sich anlässlich dieses Themas vielleicht auch positiv mit dem Thema Reisen beschäftigen könnte Ulrike Folkerts sagt: "Mobilität bedeutet für mich Beweglichkeit im Kopf und Körper - überlebenswichtig!" Susanne Holst empfindet Mobilität als Notwendigkeit und Bereicherung ihres Alltags, erklärt aber auch: "Manchmal vermisse ich so anachronistische Zustände wie Muße." Dieter Moor verbindet mit Mobilität vor allem Neugierde und geistige Flexibilität. Letztere ist für ihn gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Dogmen. An anderer Stelle äusserte sich Moor zur Pauschalreise: "Sich wie normale Reisende in ein Flugzeug setzen, an einem Ort zwei Wochen bleiben, dann wieder ins Flugzeug und zurück, das interessiert mich überhaupt nicht mehr. Ich bin leider seit vier Jahren nicht mehr gereist. Und es ist im Moment so weit weg, wieder auf einen Reise zu gehen." Moor, aus der Schweiz stammend, betreibt zusammen mit seiner Frau auf insgesamt 70 Hektar Land einen Ökobauernhof in Brandenburg (Zitat "Brandenburg - ein Ort, vor dem mich jeder vernünftige Mensch gewarnt hat: Höchste Arbeitslosigkeit Deutschlands. Dumpfe Ossis. Alkoholiker und Neonazis"). Sein "Projekt", sein Bauernhof bezeichnet er auch gern als "arschlochfreie Zone" und in seinem Buch behauptet er: „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“. Das sagt doch alles!

von Stefan Werner, 20.05.11, 18:00
Schlimmer noch finde ich, dass es im Fernsehen bis auf den selten ausgestrahlten und sehr verbraucherschutzlastigen ARD Ratgeber Reise keine Reisesendungen mehr gibt. Früher machten Reisemagazine etwa im ZDF oder auf VOX Lust auf Urlaub, und es gab nicht wenige Kunden, die sich da Anregungen für Destinationen holten. Heute kommt die Touristik nur noch ins Fernsehen, wenn es in Urlaubsländern kriselt, Fluglotsen oder Piloten streiken oder es Monsterstaus auf den Autobahnen zum Ferienende gibt.

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