Arcandor

Middelhoffs Zahlenspiele

Thomas Middelhoff tritt ab – mit Gewinn oder Verlust bei Arcandor? Und ist sein Ausscheiden eigentlich ein Verlust?

von Klaus Hildebrandt, 16.12.2008, 09:01 Uhr

Auf der Bilanzpressekonferenz von Arcandor hatte Middelhoff seinen letzten großen öffentlichen Auftritt, Ende Februar geht er (oder muss gehen). Er räumt zwar Fehler ein, feiert seine Zeit beim kriselnden Warenhaus- und Touristikkonzern aber insgesamt als Erfolg. Was ist richtig? Komischerweise beides. Arcandor selbst meldet einen starken Anstieg des operativen Ergebnisses. Nach allerlei Restrukturierungskosten und Abschreibungen bleibt allerdings ein hoher Nettoverlust. Mit den Zahlen und dem Vergleichen war das bei Arcandor stets so eine Sache, andauernd wurden die Bilanzzeiträume und der Konsolidierungskreis geändert. Allerdings: Die Konkurrenten sind da auch nicht besser. Beispiel gefällig? TUI Travel meldete jüngst einen starken Anstieg beim "unterliegenden operativen Gewinn", netto steht wegen hoher Kosten für die Fusion mit First Choice und Flugzeug-Abschreibungen ein Verlust in der Bilanz. Und wissen Sie was ein "underlying profit" ist: Die Definition findet sich erst auf Seite 26 der Pressemitteilung und könnte einem Sonett von Shakespeare entstammen, weshalb ich Ihnen das Original nicht vorenthalten möchte: ""Underlying profit before tax is profit before taxation (Group and share of joint ventures and associates), separately disclosed items, amortisation on intangible assets acquired in business combinations, impairment of goodwill and financing expenses or income arising on the revaluation of minority put options liabilities". Also kurz gefasst: Gewinn vor ziemlich viel unangenehmen Kosten, die irgendwie in der Bilanz weggedrückt werden müssen. Und Middelhoff als Person? Da scheiden sich die Geister. Nach seinen Auftritten beim fvw Kongress und bei der DRV Tagung waren die einen angetan von seiner Eloquenz, starken Rhetorik und seinem Charisma. Andere Zuhörer wiederum waren bass erstaunt, wie er angesichts der ungelösten Karstadt-Probleme so selbstgefällig und losgelöst auftreten könne. Bei Thomas Cook, immerhin, ist viel Gutes über den scheidenden Chairman zu hören. Anders als oft vermutet wird, interessiert sich Middelhoff stark für das Touristikgeschäft, hört zu und stärkt seinen Leuten den Rücken. Eins ist auf jeden Fall klar: Egal wie man Middelhoff und seine Zahlen beurteilt, eine schillernde Figur mit hohem Unterhaltungswert für uns Journalisten ist er allemal. Nur war das seinem Aufseher Friedrich Carl ("Fiete") Janssen vom Bankhaus Oppenheim offenbar zu wenig. Der kann nämlich Brutto- und Nettogewinne unterscheiden.

Kommentare

von Dieter, 16.12.08, 10:21
Middelhoff's unbekümmerte Auftritte auf dem fvw-Kongress und der DRV-Jahrestagung waren Paradebeispiele für abgehobene Ego-Manager, die das Image unseres Landes in den letzten Jahren nachhaltig beschädigt haben. Sein baldiger Abgang war vorhersehbar. Eigentlich schade, dass man ihm auf beiden Branchenveranstaltungen noch eine so breite Selbstdarstellungsplattform geboten hat. Die beklatschten Inhalte kann man wohl getrost als "Muster ohne Wert" in den Branchenarchiven verschwinden lassen. Man darf nun gespannt sein, welche Branche er als nächstes hypnotisieren und dann sein Unwesen treiben wird

von Stefan Werner, 16.12.08, 17:17
Hoffentlich blicken bei den Konzernen die Wirtschaftsprüfer noch durch, was unter dem Strich noch übrig bleibt. Ich persönlich halte es mit einem ganz altmodischen Maß: Gewinn vor Steuern. Punkt.

von Andreas Schulte, 18.12.08, 15:38
Mit Eloquenz, starker Rhetorik und auch mit Charisma ist das sehr häufig so eine Sache. Man kann sich und anderen viel schön reden. Nicht zuletzt deshalb spricht man zur Zeit von einer globalen Krise. Da haben sich viele eloquente Manager solange gegenseitig einen in die Tasche gelogen, bis sie selbst merkten, dass in den Taschen nur heiße Luft war. Merkwürdig auch, dass offensichtlich Thomas Cook diese Art Zauberer so anzieht. Da gab's vor Jahren mal einen - Stefan Pichler. Nach nicht allzulanger Zeit hatten die anderen von dessen Eloquenz dann auch die Nase voll und schickten ihn heim. Heute wird er in Down-Under vermutlich die Kängerus mit seiner starken Rhetorik und seinem Charisma beglücken.

von Jens, 18.12.08, 17:59
Zu Middelhoff fällt mir eigentlich nur ein, dass er Bertelsmann schon ins Minus geritten hat; aber wenn das Minus groß genug ist, wird man halt befördert. Wie heißt es bei den Analysten: Überbewertet -> schnell abstoßen

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