Arcandor

Middelhoffs schillernde Touristik-Karriere

Thomas Middelhoff soll ins Gefängnis, das Mitleid auch in der Reisebranche hält sich in Grenzen. Kaum jemand polarisiert wie er – zwei persönliche Begegnungen hinterließen bei mir einen nachhaltigen Eindruck und werfen ein Schlaglicht auf die Person.

von Klaus Hildebrandt, 14.11.2014, 09:39 Uhr

Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, der am Freitag vom Landgericht Essen wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, spielte auch in der Reisebranche eine Zeit lang eine wichtige Rolle, denn Arcandor war Eigentümer von Thomas Cook und Middelhoff dort Chairman. Middelhoff ist so etwas wie der Uli Hoeneß der Touristik: Jeder kennt ihn aus den Medien, jeder hat eine Meinung – und dass die Gerichte auch die Großen verurteilen, streichelt das Rechtsempfinden des Normalbürgers.

Middelhoff schlägt besonders viel Häme entgegen, weil er als Sinnbild des Turbo-Kapitalisten und aalglatten Managers gilt. In seiner Rolle als Thomas-Cook-Chairman gab es diverse Begnungen mit der fvw. Zwei sind mir besonders im Gedächtnis geblieben und werfen ein Schlaglicht auf die Person. Die erste war beim fvw-Kongress im September 2008. Middelhoff war Keynote-Speaker, der Saal prall gefüllt, alle wollten ihn mal live erleben. Als ich Middelhoff im Saal begrüßte, merkte ich, dass etwas nicht stimmt. Er war mit ernster Miene in intensiven Gesprächen mit seinem Assistenten und seinem Pressesprecher. Diese dauerten an, als alle längst in der ersten Reihe Platz genommen hatten. Als Middelhoff dann auf die Bühne ging, knipste er sein strahlendes Lächeln wie einen Lichtschalter an. Er hielt eine souveräne Rede, in der er verkündete, Thomas Cook wolle an die "Weltspitze". Selbst große Middelhoff-Lästerer zeigten sich hinterher beeindruckt von der rhetorischen Strahlkraft des Mannes.

Noch während der Rede telefonierte seine Entourage hektisch und lief ein paarmal aus dem Saal. Als Middelhoff von der Bühne kam, wandte er sich sofort seinen Leuten zu und verschwand eilig. Wie ich hinterher erfuhr, hatte es kurz vor seinem Auftritt an der Börse die ersten Gerüchte gegeben, Arcandor könne seine Kredite nicht mehr bedienen. Während Middelhoffs Rede fiel der zuvor hochgejazzte Aktienkurs erheblich. Im Nachhinein war der Tag sozusagen der Anfang vom Ende.

Die zweite intensive Begegnung fand statt, als Middelhoff schon nicht mehr Arcandor-Chef war. Bei einer privaten Feier mit vielen Touristik-Managern saß ich einige Zeit neben ihm. Damals war Manny Fontenla-Novoa noch Thomas-Cook-Chef und Middelhoff erklärte mir, wie genial die Fusion mit dem britischen Konzern My Travel (Hauptmarke Airtours) gewesen sei, und wie stark der Börsenwert des Unternehmens gestiegen sei. Ich muss sagen, dass machte er mit einer großen Überzeugungskraft. Nur leider kam auch bei Thomas Cook einige Monate später ans Tageslicht, dass vieles nur Schall und Rauch war: Airtours war kaum integriert, viele Zukäufe zu teuer und unnötig, Thomas Cook musste der schon strauchelnden Mutter Arcandor finanziell unter die Arme greifen. Bald darauf wurde auch der Veranstalter zum Sanierungsfall.

Nun also hat Middelhoff den Tiefpunkt seiner Karriere erreicht. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein ehemaliger Aufsichtsratschef eines Touristikkonzerns wegen – nach Ansicht des Gerichts überflüssiger und eher privater – Charterflüge verurteilt wird.

Kommentare

von Qaqortoq, 14.11.14, 10:57
Ich bin nur selten schadenfroh, aber bei diesem Typen fällt mir der schöne, alte TUI-Slogan ein: "Sie haben es sich verdient!"

von Stefan Werner, 14.11.14, 12:08
Hätte Herr Middelhoff in seinem Größenwahn nicht Thomas Cook mit der damals schon schrottigen britischen Airtours fusioniert, um so den Bösenkurs in die Höhe zu treiben und Thomas Cook besser für das notleidende Arcandor-Konstrukt aussaugen zu können, wäre Thomas Cook immer noch ein solider deutscher Toustikkonzern mit Hauptsitz in Oberursel statt London. Und Michael Frenzel hätte nicht gleich darauf die TUI-Touristik mit der viel kleineren First Choice zusammenbringen müssen und viel zu viele Anteile an britische Finanzinvestoren abgeben müssen – einen Fehler, den Nachfolger Joussen nun glücklicherweise korrigieren konnte.

von Dietmar, 14.11.14, 14:48
Die Taten aus dem heutigen Urteil sind nur Peanuts. Middelhoff hat Karstadt-Häuser in 1a-Lagen billig an Fonds verscherbelt und dann teuer zurückgemietet. Und zufällig waren er und seine Frau an diesen Fonds beteiligt. Das war ein wesentlicher Mit-Grund für die Karstadt-Pleite. Und natürlich, dass der Mann von Kaufhäusern keine Ahnung hatte.

von Silvia, 16.11.14, 17:36
Der Auftritt beim fvw-Kongress war denkwürdig. M. hatte so etwas Maschmeyeriges in seinem Auftritt.

von Klaus Hildebrandt, 16.11.14, 19:54
@Silvia: Genau! Ein Kollege sagte damals zu mir: Wenn Middelhoff in den Saal gefragt hätte: "Wer will eine Arcandor-Aktie kaufen?", hätten wahrscheinlich viele den Finger gehoben. Im Nachhinein hat das alles etwas Irreales. Ich habe auch noch mal meinen fvw-Blog-Post "VIP-Alarm bei Arcandor" von 2008 gelesen, als Middelhoff bei einer Promi-Party im Alsterhaus Hof hielt. Irgendwie war das damals schon wie ein Tanz auf dem Vulkan. Hier der Link: http://bit.ly/1utMwwR

von Horst, 17.11.14, 13:40
"Wer ist der größere Clown? Der Clown selbst oder die Clowns die ihm folgen, ihn rufen, ihm vertrauen...?" Ich hatte auch mal das Vergnügen, die Arcandor-Zentrale von innen zu sehen. Alles war offensichtlich, jedoch hinter dem Schleier von Furcht, Zerstreuung und Ausblendung. Welche echten, nachhaltigen Werte sollen in solch' Boden gedeihen? Allerdings hat TC weit nach Arcandor viele weitere top-gegelte Manager-Typen hofiert, mit Macht ausgestattet und sich ebenso wie die Clowns verhalten. Mitleid muss man da mit niemanden haben... Jetzt versucht die neue Spitze zu lächeln - das sieht irgendwie immer aus als bekommt Frau Green zeitgleich eine Wurzelbehandlung - also echte Emotionen im Gesicht :-)

von c.-d. binder, 20.11.14, 10:27
Betr. Beitrag von Klaus vom 14.11. Der Vergleich mit Uli Höneß hinkt nicht nur, er tut Höneß auch sehr unrecht: 1. hat H. ausschließlich mit seinem eigenen Geld gezockt und nicht mit dem ihm anvertrauten anderer Leute und 2. hat H. sowohl privat als auch über den Verein eine Menge sozialer Wohltaten geleistet, ohne diese an die große Glocke zu hängen. 3. letztlich hat H. nur sich selbst geschadet. M. dagegen ist wohl ein arroganter, eigennütziger und betrügerisch handelnder Machtmensch, der sich ohne Rücksicht auf andere ausgelebt hat und nun seine Quittung dafür erhält. Er hat einer Vielzahl von Unternehmen und deren Mitarbeitern nicht gut zu machenden Schaden verursacht.

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