Arcandor, Hapag-Lloyd

Der Tag der Wahrheit

Heute rappelt's in der Wirtschaft: TUI muss für Hapag-Lloyd bluten und Arcandor wird zerlegt.

von Klaus Hildebrandt, 13.08.2009, 12:41 Uhr

Konglomerate hatten bei Börsianern nie den besten Ruf. Wenn mehrere Firmen mit unterschiedlichen Geschäften sich unter einem Dach versammeln, kann das Management sich nicht fokussieren, unken Analysten gerne. Ein bekanntes Konglomerat wird nun zu Grabe getragen: Für Arcandor (den Kunstnamen mit dem verheißungsvollen Zusatz "creating value" schuf einst Konzernlenker Thomas Middelhoff) findet sich kein Käufer, nun werden Karstadt und Quelle (unter hohem Job-Verlust) einzeln verkauft, der Thomas-Cook-Mehrheitsanteil gehört längst den Gläubigerbanken.

Die Arcandor-Säulen Karstadt und Quelle waren lange auch Big Player in der Touristik. Aber eigentlich kann Thomas Cook nur froh sein, jetzt aus den Fesseln des trudelnden Hauptaktionärs befreit zu werden. Unterstützung, und schon gar keine finanzielle, hatten die Touristiker aus Essen seit langem nicht mehr zu erwarten. Denn dort brennt seit Jahren die Hütte. Und deshalb betonte TC-CEO Manny Fontenla-Novoa heute bei der Quartalsbilanz aufs Neue, dass die Touristik von dem ganzen Arcandor-Schlamassel unberührt sei. Auf seinen Vorstandsposten bei Arcandor verzichtet er bestimmt allzu gerne.

Auch TUI ist noch kein fokussierter Touristikkonzern, die Reederei Hapag-Lloyd wird immer mehr zum Klotz am Bein. Auf 1,95 Mrd. Euro summiert sich inzwischen der Finanzbedarf, 1,2 Mrd. Euro soll über eine Bundesbürgschaft abgesichert werden. Hapag und Arcandor (die keine Staatsbürgschaft erhielten) kann man aber nicht in einen Topf werfen. Karstadt und Quelle haben seit Jahren Probleme, das Vorzeigeunternehmen Hapag-Lloyd geriet erst durch die Wirtschaftskrise in Not.

Früher sollte Hapag die Touristik stützen, nun ist es umgekehrt. Die TUI muss für Hapag bluten und hat nun sogar vor, das restliche Tafelsilber wie Beteiligungen an Immobilien, Hotels und Kreuzfahrtschiffen zu verkaufen.

Also ingesamt kein doller Tag für die Reisebranche. Aber immerhin ein Silberstreif: Die deutsche Wirtschaft hat überraschend die Rezession überwunden und wächst wieder. Für Arcandor kommt dies zu spät, und Hapag wird hoffentlich in einigen Monaten davon profitieren.

Kommentare

von Andreas Schulte, 13.08.09, 13:37
Ohne den Verkauf des TUI Tafelsilbers wirds nicht gehen, davon haben die aber auch noch ne ganze Menge - lt letztem Geschäftsbericht so etwa 700 Beteiligungen. Vielleicht jauft Alltours ja den TUI-Anteil an der RTK. Die Touristik wird nicht helfen können, denn wie schreibt die TUI heute: „Kumuliert für das erste Halbjahr lag das Ergebnis bei -191 Millionen Euro (Vorjahr -167 Millionen Euro).“ Und nur zur Erinnerung, das Endergebnis der Touristik im letzten Jahr lag bei einem Verlust von 400 Millionen. Das konnte durch den Hapag-Gewinn in Höhe von 254 Mio noch ein wenig abgefedert werden. Dieses Jahr werden sich wohl die Verluste addieren und hoffentlich erleidet die TUI AG dann nicht das gleiche Schicksal wie Arcandor.

von Michael Schultz, 14.08.09, 13:05
Es ist schon verblüffend wie stark eine Unternehmensstrategie in Hose gehen kann. Wenn man sich vor Augen hält, dass der TUI zukünftig eine komplette strategische Säule wegfallen wird, find ich es interessant abzusehen, wie sie zukünftig mit ner Ein-Säulen-Strategie fahren werden. Im Sinne der TUI wäre es sicherlich nicht wieder Expansionsschnellschüsse zu starten, die sich dann dermaßen zum monetären Massengrad entwickeln wie Hapag.

von Wolfgang Hoffmann, 14.08.09, 14:47
Angelockt von der so wohltuenden Überschrift, dass heute der "Tag der Wahrheit" sei, lese ich mich wohlwollend ein... und knalle voll gegen diesen Satz am Schluss: <<<Die deutsche Wirtschaft hat überraschend die Rezession überwunden und wächst wieder.>>>

von Wolfgang Hoffmann, 14.08.09, 14:51
<<>>...dieser Satz war gemeint: Die deutsche Wirtschaft hat überraschend die Rezession überwunden und wächst wieder. Ein Satz, der nicht einmal eine Auszeichnung erträgt, sondern sich selbst htmlbedingt löscht!

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