Arcandor

Die Finanzkrise streift die Touristik

In den USA liegt die Wall Street in Trümmern. Zumindest einen Kollateralschaden gibt es in der Touristik: Thomas Cook.

von Klaus Hildebrandt, 24.09.2008, 14:21 Uhr

Es gibt sicher bessere Zeitpunkte über neue Kreditlinien zu verhandeln als gerade jetzt, wo ein Hurrikan fauler Kredite über die weltweite Bankenlandschaft hinwegfegt. Auf dem fvw Kongress konnte Arcandor-Chef und Thomas-Cook-Chairman Thomas Middelhoff seine Touristiker noch so sehr loben – die Tage danach steckte der Handelskonzern wieder tief im Karstadt-Schlamassel. Die Kreditverhandlungen mit den Banken wurden angesichts hochnervöser Finanzmärkte zur Daily Soap in der Wirtschaftspresse. Und dann noch die Meldung, Goldman Sachs solle auf Druck der Banken Käufer für Anteile an Thomas Cook suchen. Ausgerechnet Goldman Sachs, die zwar die US-Krise am besten überlebten, aber sich nun nicht mehr Investmentbank nennen (oder schimpfen) dürfen. Arcandor dementierte auch heute die Verkaufspläne – ohne den Goldesel Thomas Cook wären Karstadt und Quelle derzeit schließlich kaum lebensfähig. Doch: Aus Bankenkreisen heißt es, die Goldmann-Sachs-Leute seien Ende vergangener Woche tatsächlich mit Thomas Cook im Markt unterwegs gewesen. Wenn das Arcandor-Dementi stimmt, kann das also nur bedeuten, die Banker wären auf eigene Rechnung ausgeschwärmt – entweder um tatsächlich einen Deal zu landen oder um den Druck auf Arcandor zu erhöhen. Seit der jüngsten Krise weiß ja auch Lieschen Müller, dass die Masters of the Universe nicht immer so ehrenwert sind wie ihr teurer Lebensstil suggeriert. Oder wenn man da an die Leerverkaufs-Nummer von Dresdner Kleinwort ("Kursziel Null Euro") bei Air Berlin denkt. Da dürfte es manchen Air Berliner klammheimlich freuen, dass die Dresdner Banker gerade bei der Commerzbank unter die Räder kommen. Und die Goldmänner? Letzte Zuckungen des angeborenen Investmentbanker-Triebes? Oder ist Middelhoffs Loblied der Touristik doch nur ein One-Hit-Wonder? Zumindest haben er und Thomas Cook nach dem heute in einer siebenzeiligen Pressemitteilung bekannt gegebenen Abschluss der Finanzierung erst einmal Ruhe vor Möchtegern-Unternehmensverkäufern.

Kommentare

von Wolfgang Hoffmann, 24.09.08, 17:45
Besonders humoristisch wird die ganze Angelegenheit ja auch dadurch, dass man bei nahezu allen deutschen Kreditinstituten als Besitzer eines entsprechenden Kreditkartenvertrags um die 5-7% Rabatt auf touristische Buchungen bei just diesen Banken und Sparkassen bekommt. Und mit touristischen Buchungen sind ja auch die Produkte von TOC gemeint. Vielleicht können sich die gebeuteleten Tourismuskonzerne ja auf der Prozent-Ebene mit den Rabattpiraten verständigen. Wenn Oberursle eventuell die Rabatte auf 10% aufstockt, vielleicht lassen sich die Verkaufsfilialen in den Glaspalästen ja erweichen und geben wieder reichlich Kredit - immerhin gehört der Reisenverkauf ja aktuell zu ihrem Portfolio. Wieder etwas, was sie nicht können, dafür hat es aber wenigstens etwas mit Prozenten zu tun.

von beBlog, 24.09.08, 20:11
Ich fürchte, die Finanzkrise wird die Touristik nicht nur streifen. Mit einer Verzögerung von einem halben Jahr wird es die Realwirtschaft nach den USA auch in EMEA -Europe, MiddleEast, Asia- treffen. Ein Haushalt in den USA wird alleine durch das Hilfspaket der US Regierung in Höhe von 700 Mrd. US$ umgerechnet mit mehr als 6.000 US$ belastet. Die Amerikaner werden sich langsam ans Sparen gewöhnen müssen. Früher oder später trifft es dann die Deutschen. Wenn die Konsumenten streiken, werden natürlich Einsparungen bei Reisen gemacht. - Hm. Wie heisst es doch so schön? Da müssen wir jetzt durch! Weitere Infos zum Statistischen Bundesamt und zum Thema: http://tinyurl.com/4lntza http://tinyurl.com/3vhwqs

von Klaus, 25.09.08, 10:46
Wir lernen dazu: Das Arcandor-Dementi stimmte doch nicht so ganz. Gestern abend stellte der Konzern klar, dass ein Teilverkauf von Aktien der Tochter Thomas Cook doch möglich ist. Das erinnert mich an TUI: Die AG hat für eine neue Finanzierung Anfang des Jahres auch ihren Anteil an TUI Travel auf gut 40 Prozent zurückgefahren, indem Anteile an Finanzinvestoren abgetreten wurden. Frenzel & Co halten aber noch die Mehrheit der Stimmrechte und können so TUI Travel weiter konsolidieren - und im Board mitreden. Vielleicht wäre das auch ein Modell für die Cookies.

von Stefan Werner, 25.09.08, 16:13
Das Ganze ist mal wieder typisch Middelhoff: Erst große Ankündigung, und dann zurückrudern. Thomas Cook kann einem da fast leidtun mit so einer Muttergesellschaft: Tolle Sanierung, und jetzt nur noch Manöviermasse, um die Karstadt-Löcher zu stopfen. Da wäre es besser gewesen, wenn die Lufthansa noch als Gesellschafter mit an Bord geblieben wäre.

von Hendrik, 26.09.08, 09:49
Mal so unter uns Börsenzockern: Thomas-Cook-Kurs leidlich stabil, Arcandor fällt auf jämmerliche 2,50 Euro. Müsste nicht die Cook-Aktie ebenfalls um mindestens 52 Prozent so stark fallen wie Arcandor? Denn so viele Anteile hat Arcandor ja nun (noch) an den Cookies. Oder anders gefragt: Ist Arcandor nun unterbewertet, Thomas Cook überbewertet oder rechne ich einfach falsch?

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