Arcandor

Das böse I-Wort

Darf Wirtschaftsminister Guttenberg bei Opel von einer Insolvenz reden? Darf Arcandor-Chef Eick von einer Karstadt-Insolvenz sprechen – und welche Folgen hat das für Thomas Cook?

von Klaus Hildebrandt, 26.05.2009, 09:17 Uhr

Opel und Karstadt auf allen Kanälen. Doch während für Opel zumindest drei potenzielle Käufer bereitstehen, treibt heute die Nachricht, dass die Warenhaus-Fusionsgespräche zwischen Karstadt und Kaufhof auf unbestimmte Zeit vertagt werden, den Arcandor-Aktienkurs noch weiter in den Keller.

Arcandor-Chef Eick steht dem Ansinnen von Kaufhof-Mutter Metro ohnehin skeptisch gegenüber. Die wollen, so glaubt man in Essen, Karstadt erst mal in die Insolvenz treiben, um sich dann die besten Kaufhäuser einzuverleiben. Ganz Deutschland weiß inzwischen, dass Arcandor bis 12. Juni einen Kredit über 650 Mill. Euro verlängern muss. Das sei der "Tag der Wahrheit", so Eick. Und weil die Banken sich wegen der Finanzkrise zieren, will er eine staatliche Bürgschaft.

Dafür macht er öffentlichen Druck, anders geht es wohl nicht in der Politik. Aber ich frage mich, ob der Schuss nicht nach hinten los geht. Kauft "Lieschen Müller" ein Auto oder eine Waschmaschine von Unternehmen, über die jeden Tag Insolvenz-Gerüchte zu lesen sind? Langsam färben die Pleite-Szenarien leider auch auf Thomas Cook ab.

Die 53-prozentige Arcandor-Beteiligung hat mit dem ganzen Schlamassel eigentlich nicht viel zu schaffen. Es ist, wie deren Chef Manny Fontenla-Novoa erst vergangene Woche betonte, ein "unabhängiges Unternehmen". Selbst wenn Arcandor in die Insolvenz ginge, liefe das Geschäft bei Thomas Cook normal weiter.

Kein Kunde muss sich sorgen, dass seine Anzahlung für eine Reise im Karstadt-Sumpf verschwinden könnte oder Neckermann Reisen die Segel streicht. Aber weiß das der Kunde? Wer kann schon formaljuristisch zwischen Pleite und geordneter Insolvenz unterscheiden?

Zumal gestern in einigen Nachrichten zu lesen war, dass von einer Arcandor-Insolvenz auch Thomas Cook betroffen wäre.

Auch wenn es ordnungspolitisch wohl kaum zu vertreten ist, dass Arcandor nach mehrjähriger Dauerkrise und offenbar wenig fruchtbaren Middelhoff'schen Großvisionen Staatshilfe bekommt, mit Blick auf Thomas Cook und die gesamte Reisebranche wäre es wohl gut. Wenn in den Boulevard-Medien demnächst Pauschalreise-Ikone Neckermann in einem Atemzug mit einer Karstadt-Pleite genannt würde, bekämen das auch die Reisebüros zu spüren – und zwar nicht nur diejenigen in den Karstadt-Filialen.

Kommentare

von Stefan Werner, 27.05.09, 11:00
Warum wäre eine Insolvenz von Arcandor so schlimm? Das Geschäft würde doch trotzdem weiter laufen, siehe Schiesser und andere. Aber warum sollte Karstadt für viele Jahre Missmanagement Steuergelder erhalten? Wenn mein Reisebüro vor der Pleite stünde, bekäme ich bestimmt keine Staatshilfe von Steinbrück.

von Michael Gebhardt, 27.05.09, 16:19
Opel verkauft auch noch Autos, obwohl die Zukunft des Unternehmens schon seit Monaten in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Im Fall der Fälle wird sich für Thomas Cook schon eine Lösung finden. Keine Staatshilfen für Arcandor! Schon "schlimm" genug, dass Steuergelder - in welcher Form auch immer - an Banken gehen und wohl auch an die Stützung von Opel gehen werden, was ja wirtschaftlich m.E. auch nicht sinnvoll ist. Der Staat kann und sollte industrielles Management nicht ersetzen. Und zum Schluß: Nach dem "kleinen" Unternehmer, sprich RB Inhaber, kräht ja auch kein Hahn. Middelhoff sollte mindestens 50% seines Salärs wieder zurückzahlen. Das wäre ja mal etwas.

von michael Buller, 28.05.09, 16:09
Staatshilfen hin oder her (ich bin übrigens dagegen)....das Problem ist der Kunden kennt den Unterschied nicht und Th.Cook erst mal meiden wird....und als nächstes eine ganze Branche davon in Mitleidenschaft gezogen wird (Superprovision; Wahrnehmung der ganzen Touristik usw.). Das ist das letzte was die Branche jetzt brauchen kann! Gruß Buller

0

Informativ, spannend, subjektiv: Abonnieren Sie den RSS-Feed für den fvw Blog und bekommen Sie ungewöhnliche Einblicke in die Touristik.

 
Folgen Sie uns:
Top
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten