Air Berlin

Ein Österreicher ist jetzt Air Berliner

Wolfgang Prock-Schauer wird Chef von Air Berlin. Ist das überraschend oder nicht? Und ist die Ernennung gut für die Fluggesellschaft?

von Klaus Hildebrandt, 07.01.2013, 09:52 Uhr

Air Berlin hat die Nachfolge von Hartmut Mehdorn frühzeitig geregelt (siehe ausführlichen Bericht auf fvw.de). Seit längerem lief die Suche nach einem neuen Chef: Mehdorn ist 70, sein Vertrag lief dieses Jahr aus. Er war eingesprungen, als der langjährige Unternehmenslenker Joachim Hunold zurücktrat. Offensichtlich hatte Mehdorn aber zuletzt das Vertrauen von Großaktionär Etihad und dessen CEO James Hogan verloren. Kurz vor Weihnachten demonstrierten beide vor der Presse Einigkeit, aber selbst auf konkret an Mehdorn gerichtete Fragen antwortete Hogan.

Als Prock-Schauer im Oktober in den Vorstand berufen wurde, wurde sofort spekuliert, hier habe Hogan schon den Mehdorn-Nachfolger installiert. Doch in den Wochen danach war auch von einer externen Suche die Rede. Zwar wurden sofort die üblichen Verdächtigen wie Ex-Thomas-Cook-Chef Stefan Pichler und Aer-Lingus-Chef Christoph Müller genannt, doch sie waren nicht ernsthaft im Rennen. Offenbar war es auch nicht ganz leicht, für den Chefposten bei Air Berlin Top-Leute anzusprechen: Wer sich bei Lufthansa oder anderswo noch gute Karrierechancen ausrechnet, dürfte wenig Neigung auf den Sanierungsjob bei Air Berlin verspüren, noch dazu mit starken und fordernden Großaktionären wie Etihad und Pegasus-Chef Ali Sabanci im Nacken.

Prock-Schauer ist keine schillernde Figur wie Achim Hunold oder auch Mehdorn, aber man täte ihm Unrecht, ihn als Verlegenheitskandidaten abzustempeln. Der Österreicher ist durch seine Zeit bei Austrian, Jet Airways in Indien und BMI ein erfahrener Airliner. "Wir müssen 2013 in die Profitabilität gelangen", kündigt er im Interview in der akutellen Ausgabe der fvw an. Und er bekennt sich zusammen mit Vertriebschef Paul Gregorowitsch (der früher auch mal als Nachfolgekandidat gehandelt wurde) klar zur Touristik. Denn ein Ferienflug ohne Air Berlin ist ebenso wenig vorstellbar wie ein innerdeutsches Lufthansa-Monopol.

Deshalb kann man Prock-Schauer nur viel Erfolg wünschen. Er soll das auf zwei Jahre angelegte Turnaround-Programm vorantreiben, sagt Aufsichtsratschef Hans-Joachim Körber. Der Metro-Chef ist allerdings trotz seines Amts als Oberaufseher nicht die entscheidende Kraft: Wichtiger ist, dass Prock-Schauer das Vertrauen von Hogan genießt und er die Fluggesellschaft so erfolgreich umbaut, dass auch Hogan bei seinen Gesellschaftern aus Abu Dhabi nicht das Gesicht verliert.

Kommentare

von R.G. Ludwig, 12.01.13, 18:45
Mehdorn sollte den Laden sanieren, in erster Linien den von Hunold hinterlassen Schuldenberg abbauen, den dessen gescheiterter Expansionskurs hinterlassen hat. Mehrdorns diesbezügliche Erfolge sind jedoch "überschaubar", um es mal halbwegs positiv auszudrücken, und selbst diese "Erfolge" honorierte die Börse nicht einmal ansatzweise: Während seiner Amtszeit, halbierte sich der Aktienkurs der Airberlin! Zwar wurde hier und etwas eingespart, Stellen und Strecken gestrichen die ein oder andere Kooparation geschlossen, aber es fehlte der "grosse Wurf", eine Vision für die Zukunft, eine strategische Neuausrichtung. Ein grosses Problem ist und bleibt m.E. die fehlende klare Ausrichtung der Airline. Das oft ausgerufe Konzept des "Hybrid-Carrier" ist gescheitert! !Entstanden ist ein Mischmasch aus Charter-, Linien- und Billigflieger ohne klare Konturren. Noch hege ich die Hoffnung, dass sich Investoren finden werden, die - was immer noch von der alten LTU übrig ist - aus diesem Konglomerat heraus lösen und vielleicht sogar unter dem alten Namen wieder als Charterflieger wieder neu aufstellen. Auf jeden Fall ist bei Airberlin mit einer weiteren "Schrumpfkur", mit Stellenabbau und Streckenstreichungen zu rechnen. Die aktuellen Flugänderungen bzw. -streichungen die täglich bei uns in den Reisebüros eingehen, sind nur die Vorboten. Wenns schlecht läuft für die Airberlin, verkümmert sie zum reinen Billigflieger oder zum "Feeder" der Ethad.

von Jürgen Barthel, 14.01.13, 09:56
Eine Anmerkung. Bis "LTU" war Air Berlin eine europäische Großmacht. Ich sehe es nicht als "Fehler", wenn sich Air Berlin der Zusatzlast Fernstrecke entledigt und diese den Spezialisten (Etihad, Oneworld) überlässt. Der "Hybrid" bezog sich ja urspünglich auf Charter + Linie und der Ursprung lag in der Stärke innerhalb Europas. Aber ja Herr Ludwig, ich kann ihnen nur zustimmen. Der "große Wurf" fehlt. Auch kann ich keine wirkliche "Strategie" erkennen. Eher "Sparen! Koste es was es wolle!". Und dieser Eindruck, obwohl ich ja nun mal die Entwicklung gerade in "meinem Metier", im Luftverkehr und auch was Air Berlin angeht sehr interessiert verfolge. Wie mag "die Allgemeinheit" hier Air Berlin sehen?

von Tom Bauser, 13.02.13, 17:33
Es sollte keine Kernkompetenz sein, in wie weit man eine „schillernde Persönlichkeit“ darstellt oder nicht. Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen Mehdorn und Prock-Schauer. Dass Hartmut Mehdorn eine große und ehrliche Vorliebe für die Fliegerei hat, ist unbestritten. Er wurde auch eine Zeit lang, durchaus als ernstzunehmender Nachfolger, für Prof. Dr. Wilhelm Bender gehandelt. Letztendlich entschloss man sich bei Fraport AG dann doch für einen jüngeren Nachfolger. Dass früher oder später, doch noch ein „Ausflug“ in die Aviation erfolgen würde, war zu erwarten. Persönlich denke ich, ist die Wahl mit Wolfgang Prock-Schauer eine gute und vernünftige Entscheidung. Er kennt das Business und hat selbst schon alle Höhen und Tiefen innerhalb der Aviation durchlebt. Ein Mann vom Fach (wir hatten das Thema zuvor). Fehler der Vergangenheit können jetzt vermieden werden und man kann sich um den strategischen Auf- und Ausbau dieses Carriers jetzt bemühen. Air Berlin hatte als reine Charter-Gesellschaft in den vergangen Jahrzehnten nicht immer den besten Stand und musste öfters einmal umstrukturiert werden. Hier wird abzuwarten sein, wie die neue strategische Ausrichtung der Airline erfolgen wird. Eine Konzentration nur auf das Chartergeschäft, macht aus Gründen der Gewinnmaximierung und Kostendeckung kaum Sinn. Mir persönlich würde ein breites Sortiment gefallen, dass im Sinne des Kostensplittings und des Deckungsbeitrages in Sparten unterteilt werden würde. Eine Air Berlin-Gruppe mit den Sparten AB-Charter, AB-Line, AB-Cargo und einer zeitgemäßen AB-Business-Flotte für den Privatcharter und gehobenen Business-Verkehr. Eine Sparte Cargo ist unerlässlich, um in betriebsschwachen Zeiten, Kosten relativieren zu können. Hier würde man dem generellen, antizyklischen Marktverhalten der Touristik entgegenwirken können. In diesem Sinnzusammenhang stellt sich auch die Frage, wie die Entwicklung des Hubs Berlin Brandenburg International weiter gehen wird. Lobenswert wäre die weitere Betreibung der div. Stadtflughäfen in Berlin selbst. Es ist meist nur mit Verlusten möglich, eine Charter-Airline an einem Hub zu betreiben. Eine Minute Abfertigungsgebühr für einen A 310 beträgt ca. 1000,00 NUC. Würde man hingegen einen Stadt-Airport nur dem charterverkehr vorbehalten, könnten hier deutlich günstigere Bodenabfertigungspreise angeboten werden, - siehe Preisgefälle Frankfurt Airport und Airport Hahn. Die Kooperation mit Etihad ist recht gut gewählt, zumal Etihad sich nicht nur als Airline versteht, sondern als touristisches Gesamtkonzept. Etihad, als abgelöster Abkömmling der Gulf-Air, Bahrain, kann mit langjährigem Know-how (durch Gulf-Air bedingt) aufwarten und einer extrem soliden finanziellen Basis. Hier den Schulterschluss zu suchen und die gemeinsame Arbeit zu intensivieren, kann sich für beide Seiten langfristig durchaus als lohnenswert herausstellen. Die Entscheidung für Oneworld Alliance garantiert eine weitere Selbstständigkeit und Zusammenarbeit mit den Code-Share-Partnern, ohne die eigene Individualität zu verlieren. Zusammenfassend kann man Herrn Prock-Schauer nur sehr viel Glück und gutes Gelingen wünschen und ein Team/Partner, dass anvisierte Strategien gut umlegen kann.

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