Ägypten

Wie ethisch sind die Veranstalter?

Die Ägypten-Krise erreicht Berlin: Sollten Veranstalter und Reisebüros mehr "ethische Verantwortung" bei undemokratischen Destinationen an den Tag legen, wie der Vorsitzende des Tourismusausschusses im Bundestag fordert?

von Klaus Hildebrandt, 07.02.2011, 09:37 Uhr

Klaus Brähmig ist nicht unbedingt ein Politiker mit Welt-Bedeutung. Aber im Tourismus spielt der CDU-Mann aus Sachsen eine wichtige Rolle. Seit Jahren ist er Mitglied im Tourismusausschuss des Deutschen Bundestags und wird wegen seiner sachlichen Arbeit und seines ausgleichenden Charakters geschätzt. Seit dieser Legislaturperiode leitet er den Ausschuss, der für unsere Branche neben dem Verkehrsausschuss eine zentrale Rolle spielt.

Doch am Freitag hat Brähmig mal so richtig draufgehauen und ist in den Kanon jener Politiker und Kommentatoren auch der Medien eingestimmt, die einen Urlaub in Tunesien und Ägpyten auf einmal als absolut fragwürdig ansehen. "Kein Sonnenbad in Diktaturen ohne ethische Verantwortung", fordert Brähmig. Schützenhilfe erhält der CDU-Mann auch von der SPD: "Das Auswärtige Amt hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt und nicht rechtzeitig über Risiken informiert", sagte der tourismuspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hans-Joachim Hacker, dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft, Klaus Laepple, fand in einem Statement deutliche Worte zu Brähmigs Aussagen: Das sei ein "Akt parasitärer Publizität". Offenkundig versuche hier ein Abgeordneter die schwierige politische Situation in Nordafrika für seine eigene Profilierung zu nutzen.

Natürlich muss sich die Politik Gedanken zum Außenhandel (und das ist Tourismus) und auch zur Sicherheit von deutschen Urlaubern im Ausland machen. Aber ich finde die Aufregung von selbst ernannten Moralaposteln heuchlerisch. Und ich halte es für zynisch, wenn Brähmig meint, sinkende Tourismuszahlen könnten in einem Land den Reformdruck auf die Herrschenden erhöhen. Das lässt sich in einem Wohlstandsland wie Deutschland leicht verkünden. Aber die Millionen von Ägyptern und Tunesiern, die vom Tourismus leben und sonst keine berufliche Perspektive hätten, sehen das sicher anders.

Einen faden Beigeschmack bekommt das Ganze zudem, wenn man die tourismuspolitischen Entscheidungen der Regierung sieht: In Deutschland wird der Hotelaufenthalt durch die Senkung der Mehrwertsteuer verbilligt (auch wenn das die lokalen Bettensteuern teilweise wieder konterkarieren), Flüge werden durch die entfernungsabhängige Luftverkehrssteuer teurer, wie zum Beispiel das 25-Euro-Land Äypten. Das unterschwellige Signal des Tourismusausschusses lautet: Deutsche Urlauber, bleibt lieber im Lande statt in die Ferne zu schweifen.

Natürlich war allen Touristikern bewusst, dass Ägypten und Tunesien keine Demokratien nach EU-Norm sind. Aber dann dürften wir auch keine Fernseher aus China mehr importieren und keine Zigarren aus Kuba. Und wo ziehen wir die Grenze? Sollen Reisebüros noch Spanien verkaufen, obwohl es dort Stierkämpfe gibt, ist das neue Mediengesetz in Ungarn wirklich mit der Pressefreiheit vereinbar und dürfen Veranstalter Italien anbieten, obwohl dort ein sehr eigenwilliger Medienzar regiert?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Tourismus hat eine politische, soziale und ökologische Verantwortung und muss diese auch wahrnehmen. Aber wir sollten nicht nur unsere deutsche Brille aufsetzen, sondern auch schauen, wie die Urlaubsbranche in anderen Ländern Wohlstand und Arbeitsplätze schafft und so auch zum Wandel der Gesellschaft beiträgt.

Kommentare

von Cruisemaster007, 07.02.11, 10:33
Derartige Politikerkommentare zur Eigenprofilierung sind doch wahrlich beschämend. Den Glauben an diesen Berufsstand habe ich schon seit längerem verloren. Dass dieser Herr sich nunmehr derart äußert, zeigt m.E. nur, daß mal wieder ein Politiker seine Aufgabe missverstanden hat.

von Judith Hoppe, 07.02.11, 11:30
Die lokale Bevölkerung leidet in der Regel am meisten unter diesen Regierungen und nur wenn sie Zuspruch von aussen, sprich Touristen, die LOKAL konsumieren und Geld im Land lassen, erfahren, erhalten sie die nötigen Mittel und moralische Unterstützung, um sich gegen ihre Regierung zu wehren. Meiner Meinung nach sollte man in diesen Ländern lieber etwas genauer hinschauen und Hotels/Restaurants meiden, die mehrheitlich der Regierung gehören. Und ich gebe Klaus absolut recht, dass unsere Politiker wieder mal mit zweierlei Maß messen: Tourismus in Nordafrika ist auf einmal nicht mehr salonfähig, Geschäfte mit der ach so demokratischen und Menschenrechte respektierenden Regierung in China aber nach wie vor völlig in Ordnung?!

von Siggi, 07.02.11, 11:38
Es hilft ein Blick zurück: Immer dort, wo viele Touris und fremde Besucher kamen, mussten sich die Systeme langfristig ändern. Es ging auf Dauer nicht, eine grausame Militärdiktatur zu haben und gleichzeitig ein reges Touristengeschäft ( z.B. Griechenland Junta 67-74 oder Spanien Francozeit ). Immer, wenn ich in Länder reise, die eine wie auch immer genannte willkürliche Regierung haben, sind die Normalbürger froh, zu berichten, was tatsächlich passiert. Ein Satz hat sich mir eingeprägt, vor vielen Jahren sagte mein Fahrer auf Sri Lanka zu mir: " Wir sind so froh , dass Ihr da seid- so kann nach draussen berichtet werden, was wirklich ist - und sie ( die Regierung ) muss sich vorsehen, was sie tun " Indirekt schützt jeder fremde Besucher die normale Bevölkerung; je offener ein Land wird, desto mehr müssen die Oberen aufpassen. Und: die ersten, die das Wegbleiben der Touristen hart zu spüren bekommen, sind die Zimmerboys, Kellner, Gärtner, Reiseleiter etc und ihre Familien. Daher ist eine so undifferenzierte Aussage schlicht falsch.

von Bernhard, 07.02.11, 11:45
Wenn ich mich richtig erinnere, dann hatten die deutschen Welttourismuspolitiker Brähmig & Co. die Einladungen zu den DRV-Jahrestagungen in Tunesien und Ägypten (2009) gerne angenommen, ohne sich vor Ort in ähnlicher Form wie jetzt zu äußern. Und auch 2010 in Marokko hat sie nur eine besonders wichtige Bundestagssitzungswoche und keineswegs irgendwelche sonstige Bedenken von ihrer Teilnahme abgehalten.

von Ulli, 07.02.11, 17:28
weitsichtig, innovativ, nachhaltig und wertneutral, unabhängig, fast überparteilich. Ein ausgeklügelter, bestens durchdachter Vorschlag aus den eher hinteren Reihen des Bundestages. Ich werde auf Herrn Brähmigs Internetseite seine nächsten Dienstreisen mit Interesse verfolgen.

von Otto Schneider, 07.02.11, 18:38
Läßt sich der neue DRV-Präsident die Butter vom Brot nehmen? Gibt es einen Wettbewerb zwischen DRV-Präsident und BTW-Präsident, wer am schnellsten reagiert? Sind die Zuständigkeiten zwischen beiden Präsidenten geklärt?

von helmut, 07.02.11, 19:29
@otto schneider: Genau das hatte ich mich auch gefragt. War aber fast zu erwarten.

von Siegfried Egyptien, 08.02.11, 12:06
De Freiheit der Bereisten eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen ungestörten und ethisch unanfechtbaren Tourismus Die Volksaufstände in Tunesien und Ägypten (andere werden folgen) zeigen dies überdeutlich, Wir dürfen uns nichts vormachen: Mit jedem Euro, den wir den Arbeitnehmern rund um den Tourismus (und dem China-Fernseher) zukommen ließen, haben wir (leider) auch die Systeme gestützt. Das jetzt zu negieren ist ein Schritt in die falsche Richtung, denn damit ist ein „Weiter so“ vorprogrammiert. Unsere Branche muss sich jetzt eindeutig zu den ethischen Verpflichtungen für Freiheit, Umwelt und Menschenrechte bekennen, die sie als weltgrößter Wirtschaftssektor zu stemmen hat. Diese Verantwortung darf nicht an den Grenzen Ägyptens bzw. Tunesiens haltmachen. Unser Geschäftsfeld und damit unsere Verantwortung ist global. Es gilt für den Gazastreifen genauso wie für den Nordkaukasus und nicht nur umweltmäßig auch für z.B. Alaska und den Amazonas! Den Worten des Vorschreibers „Siggi“ möchte ich mich ausdrücklich anschließen Dass Freiheit der „Bereisten“ für die Branche nur von Nutzen sein kann sieht jeder, der nach Osten blickt. Ohne die Revolution der Deutschen und dem Zerfall des Sowjetimperiums wären der Branche viel Wachstum der letzten 20 Jahre und auch einige der heutigen Ausweichziele unmöglich gewesen. Das weiß der größte TUI-Aktionär. Und auch der Mann dahinter. Er erlebte den Wandel in Deutschland vor Ort, und erreichte in Moskau höchste Ämter. Es täte der Branche sehr gut, den Wandel in den arabischen Ländern zu begleiten und so zu gestalten, dass keine tourismusfeindlichen Kräfte die Oberhand behalten. Solche Aufgaben erfordern allerdings mehr Gedanken, als für Bau und Gestaltung von Hotels oder die Auslastungssteuerung von Flugzeugen. Es sind vor allem Vor- und Querdenker gefordert! Am ehesten werden wir freiheitlich soziale Lage unserer Mit- und Zuarbeiter und deren Familien verbessern, indem wir möglichst viele Touristen rüberschicken und uns für den Neuaufbau mit verantwortlich machen. Einer der Initiatoren und verantwortlichen Gestalter (aus den 1940´ern und 1950´ern) der Vereinten Nationen sagte mir mal: „Nur mit etwas, was (jetzt noch) nicht ist, kannst du etwas ändern, was (jetzt) nicht zu ändern ist!“ Wäre der touristische „Think-Tank“ nicht gerade gegründet worden, jetzt hätte er gegründet werden müssen. Wenn die Branche bereit ist, hierfür ein angemessenes finanzielles Opfer zu erbringen, kann ich den Erfinder des „Kyoto-Protokolls“ zur Mitarbeit bewegen. Für den Anfang können sich ja unsere Verbände mit NGO´s (ohne grünistischen Hintergrund) und freiheitsliebenden Ägyptern und Tunesiern zusammensetzen. Ein erstes Ziel: Bei der Bundesregieren eine Reduzierung der grünistischen begründeten Flugsteuer auf Null oder sogar Minusbeträge zum „Aufbau einer freiheitlich demokratischen Grundordnung (mit und durch Tourismus)“ durchsetzen. Ich glaube nicht, dass Bundesregierung und EU ein preiswerteres und effektiveres Mittel finden werden. Für die Zukunft des Tourismus Siegfried Egyptien

von Dietmar Pedersen, 08.02.11, 12:25
Jetzt hat der völlig unbekannte Hinterbänkler Klaus Brähmig mal die Gelegenheit genutzt, um auch mal einen halben Tag in der Presse erwähnt zu werden. Nehmt solche Leute doch nicht so wichtig - das sind sie nicht wert!

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