Ägypten

Mursi und die Touristiker

Viele Touristiker erlebten den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi in Berlin aus erster Hand. Doch das Bild bleibt zwiespältig.

von Klaus Hildebrandt, 31.01.2013, 09:21 Uhr

Auch ich war gestern beim Wirtschaftsgipfel anlässlich des Berlin-Besuchs von Mursi dabei – und traf sehr viele bekannte Gesichter von allen namhaften deutschen Veranstaltern und auch Ferienfliegern. Nach einer mehr als einstündigen Registrierung im Wirtschaftsministerium hielt Tourismusminister Hisham Zaazou einen von Michael Frenzel (TUI) in seiner Eigenschaft als BTW-Präsident moderierten Workshop mit den deutschen Partnern ab (siehe Bericht auf fvw.de).

Zaazou gilt Touristikern als der Aktivposten in der Regierung. Als Frenzel das Engagement des parteilosen und nicht der Muslimbruderschaft angehörenden Ministers, der selbst als Incoming-Unternehmer tätig war, lobte, gab es Beifall. Zaazou versucht sein Bestes, die Partner bei der Stange zu halten und agiert sehr pragmatisch. Aber gegen die Wucht der Bilder von den Unruhen in Kairo lässt sich nur schwer ankommen.

Mursi dagegen schlägt deutlich mehr Misstrauen entgegen. Zum Ende seiner Rede kam er zwar auf den Tourismus zu sprechen – vor allem auf den Besuch der antiken Stätten und Kunstschätze, weniger auf Sun & Beach. Natürlich sagte er vor einem Wirtschaftspublikum, dass er den Tourimus fördern will und appellierte an die Unternehmen, weiter in Ägypten zu investieren. Doch es ist nicht zu vermuten, dass der für das Land so wichtige Tourismus einschließlich Alkohol und Bikinis am Strand den Muslimbrüdern wirklich eine Herzensangelegenheit ist.

Da ist die Position der Veranstalter schon eine andere. Natürlich, sie brauchen das Land am Nil vor allem in der Wintersaison dringend als Destination und Alternative zu den Kanaren. Aber viele Reisemanager haben langjährige Beziehungen zu ihren ägyptischen Hotel- und Incomingpartnern und nehmen Anteil an den Menschen. So berichtete ein Touristiker von seinem Urlaub in Hurghada. Ein Hotelangestellter habe ihm erzählt, früher hätten zehn Menschen in seiner Familie von seinem Job gelebt. Nun müsse er aber wegen der steigenden Arbeitslosigkeit die doppelte Anzahl durchfüttern.

Auch die Sicherheit ist ein großes Thema. War das Land unter Mubarak ein Polizeistaat mit einem schwer bewaffneten Polizisten hinter jeder Ecke, so registrieren die Landeskenner jetzt genau das Gegenteil, denn die Ordnungshüter seien kaum noch präsent. Und der Einbruch der Wirtschaft verschärft die bislang niedrige Kriminalität, wie der Überfall auf das Interconti in Kairo zeigt.

Die einzige Hoffnung ist, dass das Land zur Ruhe kommt. Am Roten Meer ist von den gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Städten nichts zu spüren. Aber viele Urlauber haben nunmal keine Lust in ein Land zu fahren, in dem sich solche Szenen abspielen. Ägypten hat sich stets wieder schnell erholt, wenn die öffentliche (Medien-)Wahrnehmung sich ändert. Das zeigen die guten Buchungen in der ersten Januar-Hälfte nach dem flauen Dezember. Den Touristikern im Lande wäre es zu wünschen.

Kommentare

von Horst, 31.01.13, 11:26
Dazu empfehle ich folgenden Artikel: http://www.spiegel.de/politik/ausland/interview-mit-dem-pakistanischen-atomphysiker-pervez-hoodbhoy-a-879319.html Mitleid mit Ägypten hält sich bei mir deutlich in Grenzen. Wer Chancen auf Freiheit und Demokratie so schamlos in den Dreck tritt, sollte sich in Berlin (Besuch/einladung halte ich für falsch) nicht noch um die Unterstützung durch touristische Unternehmen anbiedern... Für alle, die in Nordafrika Veränderung, Freiheit und Unabhängigkeit fordern tut es mir aufrichtig leid...

von Ibrahim Attalla, 31.01.13, 12:08
@Horst & Klaus Leider wieder oberflächliche Beiträge. Ich bin kein Fan von Mursi. Gester Abend war ich auch bei einen fast persönliche Gespräch mit Mursi. Es klang Total anders. Liest bitte die News nochmal und bitte speziell über die Ursachen des ganze neue Dilema die in Port Said ihre Ursprung hatte.

von Bernhard, 31.01.13, 12:22
Im März 2012 habe ich eine Gruppe von 20 Stammkunden auf einer Rundreise durch Ägypten betreut. Die Kunden haben mir vertraut, dass ich mich an den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes orientiere und ggf alles abbreche. Das finanzielle Risiko lag bei mir. Wir hatten Glück und eine äußerst angenehme und erfolgreiche Reise. Aber schon damals haben wir gemerkt, dass Betrügereien, aufdringliche Verkäufer an "verbotenen" Stellen nerve und die Reisenden verärgern. Es gab ja niemanden mehr, der für Ordnung sorgte- da lag vielleicht sogar Absicht vor. Nachdem sich später wieder Vorfälle häuften, war ich froh, meine Tour nicht verschoben zu haben. Irgendwie wundere ich mich, dass das Auswärtige Amt nun dch nicht "schärfer" wird. Als kleiner Veranstalter kann man sich nicht lange damit beschäftigen, einem dermaßen gebeutelten Land "die Stange zu halten". Allerdings bin ich hin- und hergerissen: Einerseits muss man auch aus Haftpflichtgründen ein solches Land momentan boykottieren - andererseits tun mir die unzähligen ehrlichen, fleissigen und seriösen Menschen leid, die vom Tourismus abhängig sind.

von Horst, 31.01.13, 12:57
@Ibrahim Attalla Kleiner Tipp: Nicht auf die Propaganda reinfallen...

von Ibrahim attalla, 31.01.13, 13:11
again @Horst Danke für den Tipp. Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Ich lese auch Arabish und noch mehr zwischen die Zeilen. Da Spiel die Musik.

von Jürgen Barthel, 31.01.13, 15:50
Was ist richtig? Soll man das Volk in der Krise unterstützen, das unter der Regierung leidet, oder soll man das Land meiden um die Regierung zum Einlenken zu bewegen? Egal wie man es macht, es ist "falsch". Ärgerlich bin ich eher über den "Schmusekurs", den Mursi erfährt, die Kritik scheint sich nach aktueller, deutscher Berichterstattung sehr in Grenzen gehalten zu haben. So lange der Rubel rollt ist alles gut? Prinzip Hoffnung? Eiertanz statt klarer Worte jedenfalls.

von Stefan Werner, 31.01.13, 16:40
Boykotte haben noch nie etwas gebracht, selbst Nordkorea, Iran und früher Gaddafi und Saddam Hussein haben das locker ausgesessen. Was würde denn passieren, wenn deutsche Reisebüros und Veranstalter keine Ägypten-Reisen mehr verkaufen: Millionen von Menschen, vom Kellner bis zum Busfahrer, würden ihre Arbeit verlieren und wären leicht empfänglich für die Botschaften von islamistischen Fanatikern, die neue Hetzparolen gegen "böse Westler" verbreiten. Das haben die im Tourismus arbeitenden Ägypter, die ich immer als sehr gastfreundlich erlebt habe, nun wirklich nicht verdient! Auch wenn Mursis Muslimbrüder den jungen Menschen vom Tahrir Platz ihre Revolution klauen wollen, er ist immerhin einigermaßen demokratisch gewählt. Da gebe ich sogar mal unserem Außenminister Westerwelle Recht, der gestern im TV sagte, wenn wir Einfluss nehmen wollen auf Ägypten, müssen wir den Dialog und Geschäftsbeziehungen dorthin pflegen.

von Jürgen Barthel, 01.02.13, 09:21
Aus http://www.barthel.eu/lazarus_long/?pg=2 (1973) > Demokratie basiert auf der Annahme, dass eine Million Menschen schlauer sind als ein Mensch. Wie war das? Irgendwas habe ich da nicht verstanden. > Autokratie basiert auf der Annahme, dass ein Mann schlauer ist als eine Million Menschen. Lass uns das auch nochmal durchspielen. Wer entscheidet? Jede Regierung funktioniert wenn Authorität und Verantwortung gleichwertig und koordiniert existieren. Das stellt keine "gute" Regierung sicher; es sichert einfach, dass es funktioniert. Aber solche Regierungen sind selten... Die meisten Menschen möchten entscheiden, aber keine Verantwortung übernehmen. Das nennt sich das "Beiahrer-Syndrom".

von Dietmar Pedersen, 01.02.13, 17:08
Man braucht gar keinen Ägypten-Boykott auszurufen. Das machen die Ägypter doch selbst. Bei solchen Negativ-Meldungen sind immer mehr Kunden verunsichert und buchen statt Ägypten ein anderes Reiseziel.

von Horst, 04.02.13, 10:10
Es redet doch niemand von Boykott. a) sehr richtig, dass machen die Ägypter schon selbst b) jeder, der dort hinreisen möchte, entspannen kann und sich freut dass es aktuell so "billig" ist sollte das tun. Ob man bewusst zu Nordafrika steuert oder eine Verantwortung (bereits im Vorfeld) für seine Reisenden übernimmt kann ja jeder selbst entscheiden... Und der Reisende ist ja ebenfalls mündig genug. Hier wird bereits an weiteren Touristen-Attraktionen gearbeitet: http://www.focus.de/politik/ausland/krise-in-der-arabischen-welt/aegypten/polizeigewalt-in-aegypten-misshandlungen-und-ein-toter-bei-anti-mursi-protesten_aid_911319.html

von Der Zweifler, 17.04.13, 09:16
Ich kann den Optimismus einiger Kollegen hier nicht teilen. Dabei bezweifle ich nicht, dass Mursi bzw. die Muslimbrüder (zumindest in Teilen) die Gewalt und den „globalen Dschihad“ ablehnen, aber es gibt keine "gemässigten Muslimbrüder", keine "Hintertür" die einen, den Vorstellungen der Europäer entsprechenden, Pauschal-/Massentourismus in einem nach den Gesetzen der Scharia geführten Land erlauben würde. M.E. wird es noch "schlimmer" kommen bevor es, dann unter einen naderen Regierung, vielleicht einmal wieder besser wird. Dazu eine aktuelle Meldung: "Die politischen Spannungen in Ägypten bekommen auch die Touristen immer stärker zu spüren." http://www.spiegel.de/reise/aktuell/aegypten-schliesst-tal-der-koenige-fuer-touristen-a-894716.html

von Der Zweifler, 20.06.13, 17:01
Leben die Veranstalter in einer touristischen Parallelwelt? Allerorten hört man von Kontingentaufstockungen für Ägypten und dass man für die Destination "positiv gestimmt" sei ? ! ? ! Natürlich macht Mursi gute Miene zum "bösen Touristen-Spiel", aber wer glaubt auf die Zusagen eines Muslimbruders hin, auf einem westlich geprägten Tourismus in Ägypten setzen zu können, der baut nicht nur auf Sand, der spielt schon mit dem Feuer! An Ihren Taten sollt ihr sie messen und nicht an ihren Worten - und die Taten sprechen Bände: " Eine weitere innenpolitische Radikalisierung hat Ägyptens Staatspräsident Mohammed Mursi mit der Ernennung von insgesamt acht Provinzgouverneuren provoziert. Er bestellte sieben Muslimbrüder und einen ehemaligen islamistischen Terroristen in diese zentralen Verwaltungspositionen." http://www.unzensuriert.at/taxonomy/term/30086

von Der Zweifler, 30.06.13, 23:22
Na - was sagt die Branche zu den aktuellen Meldungen aus Ägypten, immer noch positiv gestimmt? http://www.welt.de/debatte/kommentare/article117564589/Aegypten-steht-kurz-vor-einem-Buergerkrieg.html

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