Ägypten

Ägypten-Urlaub mit Staatsstreich

Als Urlauber am Roten Meer: Ein Machtwechsel, besorgte Anfragen aus der Heimat und die pragmatische Sicht von Touristikern.

von Klaus Hildebrandt, 05.07.2013, 08:02 Uhr

Die Urlauber genießen am Strand der Makadi Bay die Sonne, als plötzlich vier Kampfjets des ägyptischen Militärs im Formationsflug ziemlich niedrig über die Urlaubsgebiete hinwegdonnern, eine Schleife drehen und nochmal ihr Schauspiel bieten. An der Straßenkontrolle zwischen Hurghada und Sahl Hasheesh werden Autos mit allein ägyptischen Insassen offenbar besonders gründlich kontrolliert, Urlauber dürfen durchfahren. Am Streckenposten sitzt ein junger Soldat und hält in der Hand ein Fähnchen mit der Nationalflagge.

Es ist Tag eins nach dem Machtwechsel in Ägpyten. Ich mache mit meiner Familie Urlaub am Roten Meer. Normalerweise blogge ich dann nicht. Aber normalerweise wird dann auch nicht die Regierung des Gastgeberlandes vom Militär hinweggefegt und erhalte ich besorgte Mails und SMS von Verwandten und Kollegen, ob denn auch alles in Ordnung sei.

Wenn wir Journalisten bei derartigen Umständen bei den Veranstaltern anrufen, hören wir immer, man solle Kairo meiden, aber in den Urlaubshochburgen am Roten Meer sei alles ruhig. Jetzt kann ich diesen Standardsatz aus eigener Anschauung bestätigen. Schließlich sind die meisten ägyptischen Bade-Ziele aus der Retorte entstandene Ansammlungen von (zumeist sehr schönen) Hotels. In Hurghada und Umgebung geht bei herrlichem Sommerwetter alles seinen gewohnten Gang, die Ereignisse in Kairo sind nicht nur geografisch fern, und die Kampfjets, die offenbar die Vereidigung des Übergangspräsidenten Adil Mansur umrahmten, der einzige reale Hinweis auf das poltiische Geschehen (dies auch zur Info für Tourismuspolitiker Klaus Brähmig, der sich schon vorsorgliche Gedanken zur Sicherheitslage macht).

Ein ägyptischer Hotelangestellter sagte mir, Präsident Mohammed Mursi habe zwar nicht gerade den Tourismus gefördert und insofern sei es gut, dass er nun weg sei. Aber insgesamt sei es doch ein schlechtes Signal, dass der erste frei gewählte Präsident nach nur einem Jahr schon vom Militär inhaftiert werde. Ein deutscher Hotelchef, mit dem ich in Hurghada sprach, sieht die Sache sehr pragmatisch: Indem das Militär nach den Massenprotesten so schnell handelte, werde hoffentlich eine Phase der Unsicherheit vermieden. Schließlich kommen jetzt die Kataloge für die für Ägypten wichtige Wintersaison auf den Markt, die Unruhen zum Jahrestag der Revolution im Januar hätten schon genug Familienbuchungen für den Sommer gekostet.

Dieser Hotelier dürfte auch anderen Touristikern aus der Seele sprechen. Als Präsident Mursi Ende Januar in Berlin um Investitionen für sein Land warb, hielt sich die Begeisterung der anwesenden Reisemanager in engen Grenzen. Denn der Islamist sprach zwar in seiner Rede viel von Tourismus, meinte damit aber immer nur die Kulturschätze am Nil, nicht den Badeurlaub mit Alkohol und Bikinis am Strand, der ihm offenbar nur als notwendiges Übel zur Aufrechterhaltung des so wichtigen Wirtschaftszweiges galt.

Hoffen wir also auf einen Neuanfang mit einem hoffentlich fähigen Tourismusminister (ob der in der deutschen Branche hochgeschätzte Hisham Zaazou nochmal ein Comeback erlebt?). Dem Land und seinen überaus gastfreundlichen Menschen wäre es nur zu wünschen. Ich jedenfalls komme auch als Urlauber gerne wieder!

Kommentare

von Carsten Kröger, 05.07.13, 10:41
Danke für die Berichterstattung vor Ort! Weiterhin einen ruhigen und erholsamen Urlaub Klaus!

von Claudia Ehry, 05.07.13, 10:41
Hallo Herr Hildebrandt, wir Journalisten können halt nicht still am Strand liegen, während um uns herum die Welt Purzelbäume schlägt... Interessant, Ihren Livebericht zu lesen. Die Entwarnung tut gut. Das Land hat es verdient. Hoffen wir, dass es schnell wieder auf die Beine kommt. Den Menschen zuliebe. Schönen Urlaub noch - und ab jetzt bitte ganz privat en famille :-)

von andreas w. schulz, 05.07.13, 13:30
Hallo Herr Hildebrandt, ja, man kann nur hoffen, dass sich die Lage rasch in geordnete Bahnen bewegt und der Tourismus wieder eine stabile Führung bekommt. Hatte selbst noch mit Hisham Zaazou Ende Mai über die aktuelle Lage gesprochen - die er damals sehr positiv (noch) bewertete. Bliebt zu hoffen, dass er tatsächlich wieder dabei ist, wenn ein neues Kabinett sich positioniert - das Land braucht stabile Signale ! Herzlichst und weiterhin gute Erholung, Andreas W. Schulz

von Mokhtar El Khatib, 06.07.13, 09:23
Sehr geehrter Herr Hildebrandt wir moechte Sie hier in Hurghada am Roten Meer herzlich willkommen heissen und danken Ihnen fuer Ihre professionelle und faire Berichterstattung. Ich kann nur Ihre Worte bestaetigen , dass alles hier in Hurghada sehr friedlich ist.

von Siegfried Egyptien, 08.07.13, 10:32
Möglicherweise hatte Herr Brämig diese Informationen schon vor der Veröffentlichung: http://www.kavkazcenter.com/eng/content/2013/07/07/18016.shtml Unsere Branche sehe ich in der Pflicht, alles, aber auch wirklich alles zu versuchen, eine solche von Islamisten gewünschte Eskalation des Konfliktes zu entschärfen. Das sind wir unseren Freunden, denen wir eine demokratische Hoffnung zu Zeiten Mubarak´scher Diktatur waren, schuldig!

von Horst, 08.07.13, 11:25
Man kann es sich einfachen machen und die Augen verschließen, aber: ob Mursi wirklich demokratisch gewählt war lässt sich doch sehr lange und ausgiebig diskutieren - daher haben die Proteste nach wie vor den demokratischen Charakter. Sich von einem weiteren hardliner-Islamisten regieren zu lassen kann und darf nicht das Ergebnis des arabischen Frühlings sein. Der Islam sollte m. M. die gleiche Entwicklung wie alle anderen Religionen auch durch- bzw. mitmachen. Weg von Tradition, Macht, ewig getrigen und Totalität hin zu Freiheit, Menschlichkeit, Respekt vor anders Denkenden und Glaubenden. Bedenklich, dass deutsche Touristiker, die damit ihr Geld verdienen (müssen) weiterhin zu Reisen in ein Land aufrufen, das sich derart instabil und unkontrollierbar aufstellt. Ägypten für 10 Jahre auch den Katalogen nehmen, das Land in sich selbst auskurieren lassen und dann völlig neu starten. Mit den Menschen und Persönlichkeiten, die sich auf großen Plätzen dafür einsetzen, dass sich etwas ändert. Mit den Muslimbrüdern (alles Salafisten, nennen sich nur anders) ist doch kein Staat oder Tourismus zu machen...

von Volkher Kirchhoff, 08.07.13, 15:28
Toll Herr Hildebrand, mehr solcher Vor-Ort- Recherchen sind genau das was das Land (schon seit 2 1/2 Jahren ) braucht. Man kann es nicht oft genug sagen ( es sagt ja auch kaum einer ), dass alle Vorkommnisse die in den Medien praesentiert werden, natuerlich auf einem oertlich sehr eng begrenztem Raum stattfinden. Wenn 5 oder 50 oder 500 km entfernt eine Demonstration stattfindet oder - leider oft genug in diesen Tagen - etwas aus dem Ruder laeuft dann sind dies oft genug dramatische und traurige Dinge. Aber fuer den Urlauber vor Ort ohne Relevanz. Die oeffentliche Wahrnehmung hat dem Land schon viele, viele Gaeste gekostet. Alle diese Gaeste haetten hier einen super Urlaub verbringen koennen. Dass sie es nicht getan haben ist ein grosser Schaden fuer das Land und die Menschen. Auch aus Luxor kann ich aktuell berichten : 33 Grad und die wenigen Gaeste sind entspannt und zufrieden. Herzlichen Gruss - Volkher Kirchhoff

von KAT, 11.07.13, 13:14
Top! Und genau die richtige Einschätzung zur richtigen Zeit! SPON sucht auch Urlauberstimmen... schreib denen doch einen Gastkommentar... erholsame Zeit in Ägypten, Liebe Grüße, Katja Sind Sie in Ägypten unterwegs? Sie tauchen und schnorcheln vor Hurghada? Oder genießen die Strände von Scharm el-Scheich? Oder Sie sind geschäftlich im Land unterwegs? Dann berichten Sie, was Sie unterwegs erlebt haben. Erzählen Sie uns von Ihren Begegnungen! Und zwar indem Sie sie an spon_reise@spiegel.de mailen, Betreff: Reisen in Ägypten.

von Thomas, 16.07.13, 16:18
Auch ich habe in vielen Jahren dieses Land und seine Menschen schätzen und lieben gelernt. Ich wünsche dem Land und vor allem den liebenswerten Menschen eine baldige, vor allem unblutige Wende zur Demokratie. Obwohl ich diese jetzt in noch weiterer Ferne sehe als vor Tagen. Was nützt der beste und friedvollste Umsturz, wenn keine starke, Regierungsfähige Opposition mit exakten Plänen und Strukturen zur Verfügung steht. Leider ist meiner Meinung nach, das Land im Moment in einer Verfassung, die muslimischen Radikalisten alle Tor öffnen. Seid auf der Hut. Ein zweites Syrien ist leider nicht fern. Schade.

von Inga, 22.07.13, 22:19
Toller Artikel und gut geschrieben. Ich selbst war erst vor 3 Wochen in Hurghada im Urlaub. Im schönen Dana Beach Resort (http://www.dana-beach-resort-hurghada.net). Wir haben auch einen Ausflug nach Hurghada unternommen. So kann ich bestätigen das es dort Ruhig ist. Die Ägypter wissen sehr gut das Sie vom Tourismus abhängig sind. Die würden sich ins eigene Knie schiessen wenn im Tourismusgebiet auch Krawalle wären. Ich kann Hurghada nur empfehlen! In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen angenehmen und erholsamen Urlaub.

von Robert, 14.08.13, 19:38
ganz schnell die Garantiebetten und Flugsitze loswerden !

von Pascal, 17.12.15, 10:52
Durch den letzten Terroranschlag (Flugzeug Sinai) streichen viele Veranstalter Ägypten von der Liste bzw. bieten alternativen an. Was der Region Hurghada, Sharm el Sheik, El Gouna, Soma Bay usw. nicht gut tut. Wie sollen denn die Hoteliers Ihre Hotels in Schuss halten und weiter ausbauen? Egal ob es das Kempinski in Soma Bay ist oder Steigenberger in Hurghada oder das http://www.hotel-danabeachresort-hurghada.de Dana Beach Resort. Alle werden Ihre Probleme habe und es wird sich negativ verändern. Ich hoffe das das Land endlich wieder stabiler wird.

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