Vorgesetzte

Wandel in der Führungskultur nötig

Was ist ein guter Chef? Autoritäre Patriarchen sind verbreitet, aber out. Gefragt sind Vorgesetzte auf Augenhöhe, die zuhören und keine Titel-Allüren haben.

von Evelyn Sander, 29.01.2015, 08:56 Uhr
Foto: Fotolia

Es ist ein Traditionsunternehmen, eins mit Glamour-Faktor. Als Jennifer (Name geändert) nach ihrem Bachelor-Studium die Jobzusage bekam, war sie „überglücklich und richtig stolz“. Hochmotiviert und euphorisch fing sie an. Und dann das: Der Umgangston war rau, nach dem Motto „Friss oder stirb“ wurde jeder Einwand abgebürstet, drei Überstunden täglich waren normal. Alles musste sofort fertig sein. „Ich stand extrem unter Druck und zweifelte an mir selbst“, sagt Jennifer. Sechs Wochen hielt sie durch, dann reichte sie die Kündigung ein. Kein Einzelfall, meint Tourismus-Professor Marco A. Gardini: „Viele Mitarbeiter erleben in Touristik-Unternehmen eine problematische Führungskultur.“ Das Verhalten der Chefs werde oft als konservativ, patriarchalisch, autoritär, hierarchisch und wenig mitarbeiterorientiert erlebt, so der Experte aus Kempten.

Ein grundlEgEndEr WandEl in Sachen Führungskultur sei „sehr dringend“ nötig. Im Vergleich zu anderen Branchen hinke die Touristik hinterher. Gardini: „Die Personalarbeit ist oft sehr unprofessionell und unterentwickelt.“ Während landauf, landab autoritäre Patriarchen-Chefs ins Abseits gestellt werden, bleibt die Atmosphäre in der Touristik eher „konservativ strukturiert“, bestätigt Coach Svenja Hofert von Karriereexperten in Hamburg.

Zwar würden große Firmen die Führungskräfte heute besser ausbilden, aber die Reisebranche sei eher von Mittelständlern geprägt. Hofert: „Da rutscht man häufig in Führungspositionen so rein und macht’s eben.“ Man erbt den Familienbetrieb oder wird befördert – ob sich jemand für Menschen interessiert, spielt in der Regel keine Rolle. Und so führen mitunter die Falschen, denn wenn es um Menschen geht, hilft Fachwissen nicht weiter.

Faktoren wie Wertschätzung, Einfühlungsvermögen oder Motivation gelten dagegen als nebensächlicher Psychokram. Hauptsache, der Profit stimmt. Theoretisch spielt das Thema Führungskompetenz zwar eine immer größere Rolle und jeder betont, wie wichtig motivierte Kollegen und gute Führungskräfte sind. Es bleibt aber oft bei Lippenbekenntnissen: Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist bei diesem Thema sehr groß, so eine Studie der Uni Osnabrück.

Nicht zuletzt würde die oberste Chefetage die Werte nicht vorleben. Dabei wird es für Unternehmen höchste Zeit, eine neue Führungskultur zu etablieren.

Generation Y will keine autoritären cHefS

Gute, wertschätzende Vorgesetzte sorgen für eine bessere Arbeitsqualität. Die Kollegen sind engagierter, loyaler und sogar seltener krank. Unzufriedene Mitarbeiter könne sich kein Unternehmen auf Dauer leisten, ist Gardini überzeugt. Vor allem in der Touristik mit direktem Kundenkontakt ist die Motivation entscheidend. Nicht zuletzt gilt: Je treuer und motivierter die Kollegen, desto intensiver ist auch die Kundenbindung. Abgesehen davon hat die Branche sowieso keine Wahl: Mit der demografischen Entwicklung geht die Zahl der Bewerber und potenziellen Mitarbeiter in den nächsten Jahren immer weiter zurück.

„Dieguten,hochqualifiziertenFachkräfte können sich ihren Chef aussuchen,“ sagt Coach Hofert. Und mit autoritären Patriarchen können Nachwuchskräfte nun mal nichts anfangen. 95 Prozent der Young Professionals in der Touristik legen großen Wert auf einen offenen, transparenten Führungsstil, so die fvw-Umfrage „Arbeiten in der Touristik“ (fvw 18/14, S. 14). 89 Prozent sind flache Hierarchien und die Arbeit in Teams sehr wichtig. Daneben ist für Einsteiger ein gutes Betriebsklima entscheidend – sogar noch wichtiger als Karriereaussichten oder Gehalt.

Die Branche muss sich auf die neuen Ansprüche der Generation Y einstellen. Und zwar schnell: „Der Druck steigt“, beobachtet Professor Gardini, der bislang nur einzelne positive Ansätze in der Touristik sieht. Vorbildlich findet er die Personalpolitik der Hotelkette Upstalsboom. Hier hat sich die Führungsriege komplett nach neuen Werten ausgerichtet. Man konzentriert sich voll auf die Mitarbeiterbedürfnisse und setzt sehr erfolgreich auf „Wertschöpfung durch Wertschätzung“. Was zählt bei der neuen Führung, ist ein komplett anderes Ziel: Statt auf Effizienz und Ertrag zu setzen, steht Kreativität und Erneuerung im Mittelpunkt, angetrieben von flexibel organisierten Teams. Statt um Controlling kümmern sich die Führungskräfte um Team Coaching.

Chefs sollten richtig zuhören, ihr Wissen weitergeben, Ideen und Probleme der Mitarbeiter ernst nehmen und auch wissen, welche Bedürfnisse jeder Kollege hat. „Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, hat das schon einen enormen positiven Einfluss“, sagt Personalerin Katrin Hörner von Thomas Cook. Daneben müssten Chefs die Arbeit des Einzelnen wertschätzen, loben und auch Erfolge gemeinsam feiern. „Es ist wichtig, dass man Spaß im Team hat“, so Hörner.

Mittlerweile hat auch Jennifer ihren ersten Job-Tiefschlag überwunden. Sie fand eine neue Stelle und einen Chef, mit dem sie diskutieren kann. „Ich freue mich richtig auf die Arbeit.“ Und die macht sie so gut, dass sie schon nach einem halben Jahr befördert wurde.

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