Personalführung

Auf Augenhöhe mit dem Chef

Unternehmen stehen vor einem tiefgreifenden Wandel. Klassische Hierarchien passen nicht länger zu schnell drehenden Märkten, heißt es von Firmen, die eine neue Kultur der Zusammenarbeit testen.

von Evelyn Sander, 06.10.2016, 10:32 Uhr
Foto: Thinkstock

Seine Karriere ging schnell. Erst führte er drei Kollegen, plötzlich waren es 25. Doch statt sich auf die Schulter zu klopfen, stellte sich Sven Franke immer mehr Fragen: Wie will ich führen? Wie können Mitarbeiter selbstbestimmter arbeiten? Wie sieht die Arbeitswelt in Zukunft aus? Seine Erkenntnis: Die klassische Pyramide aus Geschäftsführer, Abteilungs- und Teamleiter sowie Mitarbeiter hat ausgedient. Chefallüren sind passé, gefragt ist gleichberechtigte Zusammenarbeit.

„Wir brauchen Mut, um eingefahrene Wege zu verlassen“, sagt Franke, der mit vier Gleichgesinnten die Initiative Augenhöhe gründete. Sie hat inzwischen zwei Filme über eine neue Arbeitskultur gedreht. „Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, auf Augenhöhe statt hierarchisch zusammenzuarbeiten.“

Nicht nur möglich, sondern nötig, meint Franke. Durch die Digitalisierung wächst der Druck auf Unternehmen. Schnelle Entscheidungen und innovative Konzepte sind gefragt. Da kommen klassische Hierarchien nicht mehr mit. „Viele Unternehmen wissen, dass sie sich verändern müssen“, beobachtet er.

Es fehlt der Mut: Die Angst vor dem Kontrollverlust sei groß, hat man doch jahrzehntelang immer neue Steuerungsmechanismen etabliert: hier noch eine Checkliste, da eine Führungsebene, dort noch ein Jour Fixe. Das übliche Business-Theater eben.

Das wird in der Arbeitswelt der Zukunft nicht reichen. Zumal sich die begehrten Nachwuchskräfte von starren Hierarchien kaum angezogen fühlen. Sie wollen eine Arbeitskultur der Wertschätzung, des Respekts, eines besseren Miteinanders. Franke wirbt für mehr Vertrauen in die Mitarbeiter.

Jede Firma will die besten Kollegen. Franke: „Dann stellt man die Besten ein und behandelt sie wie Kinder.“ Hier werde extrem viel Potenzial verschenkt. Den Einwand, dass Mitarbeiter keine Verantwortung übernehmen wollen, lässt er nicht gelten: „Sie werden mutiger, wenn man ihnen den Raum gibt.“

Kein allgemeines Erfolgsrezept für alle

Ein Patentrezept, wie man sein Unternehmen umkrempelt, gibt es nicht. „Jede Firma muss ihren eigenen Weg finden, weil jeder Markt, jede Organisation und ihre Mitarbeiter anders sind“, betont Franke. Dabei hat der Abschied von Chefstrukturen nichts mit antiautoritärer Träumerei zu tun. Wenn Hierarchien verschwinden, stimmen sich Kollegen direkt aufeinander ab und entwickeln so eine neue soziale Ordnung.

Hierarchien über den Haufen zu werfen, davon sind die meisten Firmen weit entfernt. Doch es gibt Mutige wie das Portal Traum-Ferienwohnungen. Innerhalb von 15 Jahren wurde aus dem Start-up ein Unternehmen mit über 100 Mitarbeitern. „Durch das Wachstum wurden wir stetig langsamer“, sagt Thore Schäck, der für HR verantwortlich ist. Aus dem lockerem Jeder-kennt-jeden wurden immer komplexere Strukturen, Entscheidungswege dauerten länger.

Das Geschäft lief bestens, trotzdem nahm man den „Sand im Getriebe“ ernst. Ein Ausschuss aus Geschäftsführern und gewählten Mitarbeitern beschloss einen radikalen Schnitt: weg mit den formalen Führungsstrukturen. „Das sorgte natürlich für Unruhe“, sagt Laura Lötfering, die kein Problem hatte, ihre Stelle als Vertriebsleiterin abzugeben: „Ich habe mich ohnehin als Coach für die Kollegen gesehen.“ Heute unterstützt sie Teams bei Fragen und Problemen. „Meine Aufgaben haben sich kaum verändert“, so Lötfering.

Die der Mitarbeiter schon. Sie haben heute mehr Verantwortung und Entscheidungskompetenzen. Aus klassischen Abteilungen wie Entwicklung, Marketing oder Vertrieb wurden integrative Teams, die sich jeweils auf eine definierte Kundengruppe konzentrieren. So arbeiten in der Einheit für Privatkunden Kollegen aus dem Bereich IT, Marketing bis hin zum Vertrieb zusammen. „Unsere Kunden sind stärker in den Mittelpunkt gerückt“, erklärt Schäck. Nach einem Jahr habe das Unternehmen einige Kollegen verloren, die die neue Struktur ablehnten, andererseits bekomme das Unternehmen jede Menge Bewerbungen von motivierten Fachkräften, die genau das wollen. Schäck: „Wir stecken in einem laufender Prozess, in dem wir uns ständig hinterfragen und Strukturen immer wieder neu anpassen.“

Für den Augenhöhe-Initiator Franke ist diese Haltung entscheidend für den Wandel – hin zu einer anderen Arbeitswelt. Die Ausgangsfrage lautet: Wie betrachte ich meine Kollegen und Mitarbeiter? Franke: „Genau an dieser Stelle beginnt für mich der neue Weg.“

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