Karriere

Plötzlich Chefin

Von der Kollegin zur Vorgesetzten – natürlich ist der Aufstieg eine große Chance. Doch der frisch gebackene Boss kann auch viel falsch machen.

von Timo Teggatz, 25.05.2011, 17:00 Uhr
Foto: iStockphoto

An ihren ersten Tag kann sie sich noch gut erinnern, vor elf Jahren im Hofheimer Reisebüro. „Total aufgeregt und sogar ein bisschen schüchtern“ sei sie gewesen, erinnert sich Anja Lewerenz. Kein Wunder: Sie war Auszubildende. In der hessischen LCC-Agentur begann sie im Sommer 2000 ihre Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau. Heilfroh war sie, als sie nach ein paar Stunden an ihrem ersten Tag den Kollegen wenigstens mal einen Kaffee kochen konnte. Vor drei Jahren stand für Anja Lewerenz wieder ein Premieren-Tag auf dem Programm – und dieses Mal betrat sie als frischgebackene Büroleiterin jene Agentur, in der sie ihre Ausbildung begonnen hatte.

Vom Kollegen zum Vorgesetzten – nicht nur Anja Lewerenz hat diesen beruflichen Aufstieg geschafft. Denn in der Touristik werden oft Mitarbeiter befördert, um dann ihr ehemaliges Team zu leiten. Das passiert am Counter genauso wie bei Veranstaltern oder Airlines. Aus Sicht der Unternehmen macht das auch Sinn, denn der neue Chef braucht keine lange Zeit, um sich fachlich einzugewöhnen. Schließlich kennt er das Unternehmen bereits aus seiner Bühne, vor allem das eigene Team schaut mit Argusaugen auf den ehemaligen Kollegen. „Die meisten Probleme sind menschlicher Natur statt fachlicher“, sagt Dagmar Kohlmann, die neuen Führungskräften Coachings gibt und auch ein Buch zu dem Thema geschrieben hat.

Auch Anja Lewerenz war „im ersten Moment sehr überrascht“, als sie das Job-Angebot bekam. Packe ich das?, fragte sie sich und dachte an eine Kollegin, die schon 20 Jahre im Büro als Expedientin gearbeitet hatte und eigentlich die natürliche Wahl gewesen wäre. Doch dann freute sie sich auf den neuen Posten, den es vorher übrigens gar nicht gab. Inhaberin Verena Gerlach hatte die Funktion einer Büroleiterin geschaffen, um etwas entlastet zu werden. „Es war schön, dass sie auf mich gekommen ist“, sagt die Reiseverkehrskauffrau.

Die Premiere als Büroleiterin

Dann kam der erste Tag als Büroleiterin – und ein komisches Gefühl im Bauch. „ Jetzt war ich nicht mehr Kollegin, sondern Vorgesetzte.“ Doch an ihre neue Rolle gewöhnte sich Anja Lewerenz schnell, nicht zuletzt, weil die sechs Kolleginnen in dem Büro „ein tolles Team“ sind und auch jene Zeit als Mitarbeiter. Doch ganz reibungslos geht die Neubesetzung meistens nicht über die Kollegin mit den 20 Dienstjahren mit Anja Lewerenz’ Beförderung einverstanden war. Inzwischen, nach drei Dienstjahren als Büroleiterin, ist es für sie selbstverständlich, den Kolleginnen auch mal zu sagen, „dass die letzte Beratung zu lange gedauert hat“. Sonst hat sie an ihrem Arbeitsstil wenig geändert.

Fahrplan für die neue Rolle

Wer plötzlich seine ehemaligen Kollegen führen soll, muss einiges beachten – vor dem ersten Tag und danach.

Vor dem Antritt: Die Neubesetzung sollte vom Geschäftsführer verkündet werden – persönlich und nicht nur per mail. Sonst wird der neue Chef bei den Kollegen nicht richtig anerkannt.

Am ersten Tag: Der neue Boss sollte den Vorgänger weder kopieren noch auf Krampf alles anders machen. Beides würde den Kollegen sofort negativ auffallen und an der Autorität kratzen. Ein eigener authentischer Stil ist gefragt.

Auf lange Sicht: Wer befördert wird, macht oft einen Fehler: er nimmt seine Aufgaben aus der alten Position mit in die neue. Die Folge ist bis zu 40 Prozent mehr Arbeit. Besser ist es, die alten Aufgaben zu delegieren. So kann man sich auf die wesentlichen Sachen konzentrieren.

Damit hat Anja Lewerenz offenbar viel richtig gemacht, denn es kommt darauf an, in der neuen Rolle genauso authentisch rüberzukommen wie vorher, sagt Expertin Dagmar Kohlmann. „Sonst spricht sich schnell herum, dass die neue Chef-Rolle nur gespielt ist – und zwar nicht besonders gut.“ Dennoch möchte ein neuer Chef natürlich neue Sachen versuchen. Doch das sollte nicht von einem Tag auf den anderen passieren, rät die Expertin. „Niemand möchte gern raus aus seiner Komfort-Zone.“

Deshalb empfiehlt sie auch, größere Änderungen mit dem Team im Vorfeld zu planen. Denn so verschafft man sich Respekt, und das Team zieht mit. Angenehmer Nebeneffekt: Potenzielle Nörgler im Kollegenkreis werden mehr und mehr isoliert. Derart problematische Mitarbeiter sollte der neue Chef trotzdem weiter beobachten und im äußersten Notfall ein Vier-Augen-Gespräch suchen, so Dagmar Kohlmann. „Dann muss man aber auch klar sagen, wo die Probleme liegen und Konsequenzen androhen, falls sich die Lage nicht bessern sollte.“

Als heikel gilt der Umgang mit Kollegen, zu denen der neue Chef schon vorher eine Freundschaft pflegte. Natürlich schauen die Kollegen sehr genau, wie sich dieses Verhältnis entwickeln wird. Ein beliebter Fehler: Der frischgebackene Boss gewährt dem befreundeten Kollegen den einen oder anderen Bonus – und sei es nur ein Brückentag. Die Expertin rät, das offen anzusprechen: „Man sollte die Hoffnung ausdrücken, dass die Freundschaft nicht leidet.“

Trotz allem wird es für den Nachwuchs-Boss in seinem neuen Posten einsamer werden – das Los eines Chefs. Wer sich das vorher klarmacht, kommt damit besser zurecht. Frauen würden damit schlechter klarkommen als Männer, sagt Dagmar Kohlmann, und zwar aus einem einfachen Grund: „Frauen haben ein viel stärkeres Bedürfnis nach Harmonie.“

Die offene Bürotür

Ihr Bedürfnis nach Harmonie kann Lamia Azimi weiterhin stillen. Vor drei Jahren ist die ehemalige Produktleiterin bei Fünf vor Flug zur Geschäftsführerin aufgestiegen und leitet seitdem das Team von 15 Mitarbeitern der Last-Minute-Tochter von FTI. Ihre Maxime: „Das Wohlfühl-Gefühl der Kollegen stärken“. Damit das klappt, hält sie sich an eine ganz besondere Regel: immer die Bürotür offen lassen. „Dann kommen die Kollegen eher herein“, ist sie sich sicher.

Doch auch Lamia Azimi hatte so ihre Probleme im ersten Jahr, und zwar mit der Menge der Arbeit. Nach zwölf Monaten installierte sie Abteilungsleiter, die sie entlasteten. Doch die neue Chefin setzte sich auch selbst unter Druck: „Ich wollte schnell viel lernen“, erzählt sie. Deshalb arbeitete sie sich in die neuen Bereiche Service, Marketing und Vertrieb intensiv ein – nicht zuletzt, um mit den Mitarbeitern in Kontakt zu kommen. Offenbar mit Erfolg: Sowohl Stimmung als auch Geschäftszahlen bei Fünf vor Flug entwickeln sich gut.

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