Interview

„Inszenieren Sie sich selbst“

Interview mit Jürgen Hesse, Autor und Leiter des Büros für Berufsstrategie.

22.03.2016, 15:13 Uhr

Foto: Christian Wyrwa

Herr Hesse, wie sieht derzeit die Lage für Bewerber aus?
Jürgen Hesse: Das hängt natürlich stark von der Branche und der Region ab. IT-Profis sind sehr begehrt, auch Auszubildende haben heute mehr Chancen, für Akademiker ist die Jobsuche etwas schwieriger.

Machen sich Jobsucher heute mehr Stress als früher?
Das kann man natürlich nicht verallgemeinern: Einigen ist grundsätzlich ihr Privatleben wichtiger, und deshalb stecken sie auch weniger Herzblut in ihre Bewerbung. Auf der anderen Seite setzen sich viele junge Menschen extrem unter Druck. Sie sind unglaublich engagiert und stehen unter ständigem Stress, bloß alles richtig zu machen. Das ist dann eher zu viel des Guten.

Haben sich denn die Anforderungen an Bewerbungen so stark erhöht?
Früher reichte bei einer Bewerbung das klassische „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich.“ Das ist heute völlig anders. Die Bewerbung ist vom Notizzettel zur Speisekarte mutiert. Da muss man als Bewerber schon mit einem ganz großen Büfett aufwarten, um dem Personalentscheider Appetit zu machen. Es ist doch so: Bewerber müssen klar formulieren, was sie motiviert und warum sie genau in der Firma arbeiten wollen. Sie werden so zu Unternehmern in eigener Sache, die sich selbst, ihr Know-how und ihre Arbeitskraft verkaufen. Bewerber sollten ein Profil entwickeln und sich als Marke inszenieren.

Was für ein Profil kann denn ein junger Berufsanfänger überhaupt bieten?
Entscheidend sind die Persönlichkeit, Leistungsorientierung und Motivation. Personalabteilungen reden oft von Bewerbern, die authentisch rüberkommen sollen. Ich finde: Das ist Blödsinn. Jeder spielt eine Rolle – sei es privat, im Job oder bei Familienfeiern. Es geht also darum, seine Rolle als Bewerber möglichst glaubwürdig zu vermitteln, von sich und seiner Leistungsfähigkeit zu überzeugen.

Gerade in Gesprächen muss man seine Rolle ja überzeugend spielen ...
Genau! Leider gehen viele Bewerber schlecht vorbereitet ins Gespräch. Dabei sollte sich jeder vorher überlegen, was er zum Beispiel auf die berühmten Fragen nach Stärken und Schwächen antworten will. Als Schwäche „Ungeduld“ zu nennen, ist verbrannt. Hier würde ich lieber meine private Schwäche für Süßes zugeben. Dann wird vielleicht gelacht und noch einmal nach beruflichen Schwächen gefragt. Da kann man etwa sein verbesserungswürdiges Spanisch erwähnen. Die schlimmsten Fehler sollte man jedenfalls nicht verraten.

Also bloß nicht zu ehrlich sein?
Es ist doch nur ein Ritual: Ich darf dem Personaler keine Antwort schuldig bleiben, muss ihm aber klar machen, dass ich keinen Seelenstriptease abziehe. Entscheidend ist, ob Sie auf kritische Fragen gelassen und nett oder zickig bis stumm reagieren.

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