Erfahrene Touristiker

Alte Wurzeln, neuer Job

Erfahrene Touristiker sind gefragt. Nur bezahlen will sie oft keiner. Wie gestandene Profis mit 50 plus trotzdem punkten können.

von Evelyn Sander, 24.09.2015, 15:49 Uhr
Foto: Thinkstock

Sylvia Jahnke* ist Touristikerin durch und durch. Sie kennt sich aus in der Welt, hat einmal ein Büro geleitet und liebt ihren Job. Eigentlich müssten sich Reisebüro-Chefs um sie reißen. Aber sie ist 48 Jahre alt, und das war’s dann. Anderthalb Jahre sucht sie eine neue Stelle, vergeblich. Sie ist zu teuer, 2600 Euro brutto verdient eine Fachkraft mit über 25 Jahren Berufserfahrung. „Viele Büros können oder wollen so viel nicht zahlen.“ Zumal Berufsanfänger für 500 bis 700 Euro weniger arbeiten.

Und so stürzt man sich gern auf den Nachwuchs: Jung, leichter formbar und günstig – so sehen ideale Bewerber aus. Mit 50 plus sinken die Jobchancen, erfahrene Kollegen bleiben auf der Strecke, wechseln die Branche oder halten sich mit Teilzeit-Jobs über Wasser. Wer dann seinen 450-Euro-Job aufstocken will, scheitert nicht selten am Chef.

Nicht wenige wählen die Alternative als mobile Reiseverkäufer, auch wenn damit kein Vollzeitjob ersetzt werden kann. So wie Inge Schuth (51) aus Münster, die ihren Job kündigte und sich mit Solamento selbstständig machte. „Ein typischer Fall“, sagt Sascha Nitsche, Chef von Solamento. Menschen, die sich bei ihm melden, wollen ungebundener arbeiten, viele als „so eine Art Altersteilzeit“. Unter seinen Mobilen sind 40 Prozent älter als 45 Jahre. Nitsche: „Wenn einmal das Touristikherz in einem schlägt, ist es einfach schwer aufzuhören“, weiß er aus Gesprächen.

Insgesamt ist die Zahl der Touristiker ohne Job rückläufig. 2014 waren 3720 Tourismuskaufleute arbeitslos gemeldet, knapp 480 weniger als drei Jahre zuvor, so die Bundesagentur für Arbeit. Der Anteil arbeitsloser älterer Reiseverkäufer ist seit Jahren fast unverändert: 22 Prozent der Arbeitslosen sind zwischen 45 und 54 Jahre alt, 15 Prozent sind 55 Jahre und älter – insgesamt machen sie in der Branche 37 Prozent der Arbeitslosen aus.

Je älter der Jobsuchende, desto wenige Chancen

Viele erfahrene Kollegen landen bei der Jobsuche in einer beruflichen Sackgasse. „Je älter Arbeitslose, desto geringer sind die Chancen, einen neuen Job zu finden“, sagt Karrierebibel-Herausgeber und Autor Jochen Mai. Daran rüttelt auch die Diskussion um den Fachkräftemangel nicht. Die typischen Vorurteile halten sich zäh: Ältere Kollegen gelten als unflexibel, teuer und nicht mehr auf der Höhe der Zeit. „Viele kommen trotz wertvoller Qualifikation und Erfahrung kaum aus ihrer Defensive heraus und treten eher als Bittsteller auf. Aber so punktet keiner“, beobachtet Mai. Auch das Bundesprogramm „Perspektive 50 plus“ will Ältere bei Bewerbungen unterstützen. 2014 wurden so bundesweit fast 169.000 ältere Langzeitarbeitslose betreut, über 62.500 fanden dabei einen Job.

Es geht darum, Stärken herauszustellen. Schließlich schöpfen erfahrene Kollegen aus einem reichhaltigen Fundus, kennen auch andere Lösungswege. Auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und die Loyalität zum Arbeitgeber sind bei älteren Bewerbern oft stärker ausgeprägt. Sie haben die Familienphase oft abgeschlossen und können sich umso stärker auf den Beruf konzentrieren. „Langsam setzt auch in den Betrieben ein Umdenken ein“, beobachtet Anita Tisch, Expertin vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Bislang jedoch nur dort, wo Fachkräfte knapp sind.

„In den Reisebüros zählt jahrzehntelange Erfahrung wenig“, beobachtet dagegen eine 54-jährige Kollegin aus Süddeutschland. Die Selbstständige suchte mit 50 einen Job, stellte sich in einem ortsansässigen Reisebüro vor, das gleich mehrfach ein Stellenangebot inseriert hatte, und bekam zu hören, das man sie zwar schätze, aber eben Jüngere suche. „Ich war einfach zu alt.“ Sie findet den Hang zu jungen Mitarbeitern extrem. „Ein Reisebüro-Chef sagte dazu nur: Für eine alte Kollegin kann ich drei junge einstellen.“ Sie findet den Umgang respektlos. Und kurzsichtig. Dabei hat sie nicht wenige Neukunden gewonnen, die zuvor in einem jungen, hippen Konkurrenzbüro schlecht beraten wurden.

Vor allem Konzerne stellen wenig Ältere ein, so eine IAB-Studie. In kleineren Betrieben hätten sie deutlich bessere Chancen. Bei TUI sind knapp zwei Drittel der Mitarbeiter zwischen 21 und 40 Jahre alt. Die Altersgruppe 41 bis 50 macht konzernweit 22 Prozent aus, zehn Prozentpunkte weniger als im Bundesdurchschnitt. Dennoch sind in Hannover Bewerbungen von erfahrenen Kollegen gern gesehen, betont Peter Schmidt, Arbeitsdirektor von TUI Deutschland. Der Mix aus Junioren und erfahrenen Mitarbeitern ermögliche erfolgreiche Teams. Ein Umdenken, zumindest theoretisch. Doch in der Praxis steht die Frage, wie Fähigkeiten alternder Belegschaften besser gefördert und länger erhalten werden können, vielerorts erst am Anfang.

Für Sylvia Jahnke hat die zermürbende Jobsuche vorläufig ein glückliches Ende gefunden. Über Bekannte hörte die 48-Jährige von einer freien Stelle und bekam den Büroleiter-Job. Ihr Alter ist kein Problem. Bei den Kunden ist ihre Erfahrung sehr gefragt. „Es passt perfekt.“ Aber zu früh freuen mag sie sich nicht: „Über allem steht ja die Kosten-Nutzen-Frage.“ Ältere Kollegen müssen mehr Umsatz bringen als jüngere. Und dann kommen die reichen Rentner-Golfer, die es aber bitte schön günstig haben wollen.

Strategien für ältere Bewerber

1. Ziel definieren: Überlegen Sie genau, welche Art von Job Sie wollen. Wie soll die neue Stelle sein, was soll anders sein als bisher? Identifizieren Sie Firmen, die Ihnen bieten können, was Sie wünschen.

2. Klares Profil: Machen Sie deutlich, was Sie einzigartig macht. Kundennetzwerke, Projekterfahrung, Fachwissen, soziale Kompetenzen, Führungsqualitäten sprechen für Kandidaten 50 plus. Verkaufen Sie sich nicht als Allrounder oder Experte für alles. Legen Sie den Schwerpunkt auf spezielle Kenntnisse und Erfahrungen, die für den neuen Job bedeutsam sind. Machen Sie deutlich, ob Sie Teammitglied oder Projektleiter waren, was Ihre genaue Aufgabe war, mit wem Sie zusammengearbeitet haben und welchen Nutzen es dem Unternehmen gebracht hat. Das Layout und Foto der Bewerbung müssen auf jeden Fall modern sein und so optisch allen Klischees entgegenwirken.

3. Kontakt aufnehmen: Durchforsten Sie Stellenanzeigen und Fachartikel, um informell Kontakt mit interessanten Firmen aufzunehmen. Schalten Sie ein Stellengesuch, schöpfen Sie Möglichkeiten der Agentur für Arbeit aus, nutzen Sie Online-Jobbörsen, machen Sie sich auf Social-Media-Plattformen wie Xing sichtbar. Kontaktieren Sie Personaler auch persönlich auf Fachkonferenzen und Messen. Pflegen Sie Ihr berufliches und privates Netzwerk, und versenden Sie Initiativbewerbungen.

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