Betriebsführung

Förderung statt Frust

Fitnessraum, eigene Kita, Traineepläne – Bewerber fliegen auf Konzerne. Aber Mittelständler holen auf: Sie punkten mit flachen Hierarchien.

von Evelyn Sander, 30.07.2015, 13:43 Uhr
Foto: Thinkstock

Steinhagen, ausgerechnet in diesem kleinen Ort am Teutoburger Wald gründeten Karl Bock und Nils Wend Runa Reisen, einen Spezialveranstalter für barrierefreie Reisen. Dass sie nach neun Jahren auf 13 Mitarbeiter kommen, hätten sie damals nicht gedacht. Probleme, neue Kollegen zu bekommen, haben sie nicht – trotz Steinhagen, trotz erklärungsintensivem Produkt, trotz kleiner Firma. „Bei uns zählt das Persönliche und das funktioniert sehr gut“, erklärt Nils Wend. Man kennt sich, geht auf die Bedürfnisse jedes Mitarbeiters ein und die Azubis dürfen auch mal eine Abteilung umstrukturieren.

Auch Mittelstand bei Bewerbern beliebt

Angst, dass er Talente an große Unternehmen verliert, hat Wend nicht. Natürlich könne man mit Sozialleistungen von Konzernen nicht mithalten. Kita oder Zusatz- betriebsrenten sind in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) einfach nicht drin. „KMU und Konzerne sind zwei Welten“, bestätigt Coach Carsten Bollmann von „Die Kursoptimierer“. Die Großen wie TUI & Co strahlen als Marke, ziehen Talente an, locken mit Traineeprogrammen, Kindergärten und gutem Gehalt.

„Am ehesten werden die gehört, die am lautesten schreien“, weiß Bollmann. Trotzdem haben kleine Firmen keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. „Es stimmt nicht, dass wir bei der Mitarbeitersuche immer den Kürzeren ziehen“, ist Wend überzeugt. Es sei einfach eine Typsache, wer besser passt. Flexible Macher gehen eher zu Mittelständlern. Wem klare Strukturen und Standards wichtig sind, der bevorzugt Konzerne.

So sind KMU durchaus auch für die umworbenen Young Professionals attraktiv. „Zunehmend suchen sich Jobeinsteiger Mittelständler sogar bewusst aus“, weiß Coach Bollmann. Sie schätzen ein persönliches Umfeld, wollen Chefs, die Guten Morgen sagen und nicht Manager, die wortlos in den Aufzug preschen. Im Mittelstand habe man viel schneller die Möglichkeit, an der unternehmerischen Ausrichtung der Firma mitzuwirken. Flache Hierarchien bieten Gestaltungsfreiräume, die Konzerne mit eher langen Entscheidungswegen so nicht haben, sagt Bollmann, der selbst jahrzehntelang in einem Konzern gearbeitet hat.

Auch er wollte selbstbestimmter arbeiten, nicht mehr politisch agieren, und gründete 2011 seine Unternehmensberatung. „Es gibt viele Kollegen, die nach einigen Jahren den Konzernen bewusst den Rücken kehren“, beobachtet Bollmann. Er erklärt das mit der Verschiebung der Werte. Zählen am Anfang der Karriere vor allem Weiterbildungsangebote oder Karrierechancen, legen Mitarbeiter ab Mitte/Ende 40 viel Wert auf transparenten Führungsstil, flache Hierarchien und einen sicheren Arbeitsplatz. Das bestätigt auch die fvw Exklusiv-Studie „Arbeiten in der Touristik 2015“.

Was kleinen Firmen fehlt ist allerdings die Präsenz auf dem Arbeitsmarkt. Viele haben weder eine gute Job-Website noch eine Strategie für eine Arbeitgeber-Marke. Chefs kleiner Firmen stecken oft so tief im Alltagsgeschäft, dass ihnen kaum Zeit für Firmenkultur und Employer Branding-Strategien bleibt. „Ein typisches Problem,“ so Bollmann, der dringend rät, Aufgaben zu delegieren, Führungskräfte zu schulen und einen externen Moderator für Change-Prozesse einzubinden. Wer Kollegen gewinnen und halten will, muss heute ein attraktives Arbeitsumfeld bieten, eine positive Firmenkultur etablieren und seine Talente fördern. Mehr Tipps, wie Firmen punkten können, gibt er auf der fvw Fachtagung Personal.

Mitarbeiterförderung und Recruiting sind bei Runa Reisen Chefsache. „Die demografische Entwicklung wird jeden treffen, auch uns“, betont Wend, der seine Firma auch in Schulklassen vorstellt. „Unsere Stärke sind flache Hierarchien und Flexibilität“, sagt der Chef. Oft stehe man vor neuen Herausforderungen, auf die man reagieren müsse.

Standard-Jobs sind das nicht. Dafür werden alle Kollegen individuell gefördert, erhalten zweimal im Jahr Fortbildungen angeboten. Runa Reisen beteiligt sich an der Altersvorsorge und in der Mittagspause kommt ein Fitness-Trainer ins Büro. Um den Zusammenhalt zu stärken, organisieren die Azubis den Firmenausflug als Überraschungstour. Voriges Mal charterten sie ein Hausboot in Holland. Wend weiter: „Bis vor kurzem haben wir mittags gemeinsam gekocht, aber jetzt sind wir einfach zu viele.“

Am wichtigsten findet er, dass jeder Mitarbeiter gehört wird und der Job Spaß macht. In der fast zehnjährigen Firmengeschichte habe noch kein einziger Kollege frustriert gekündigt, sagt Wend. Eine bessere Werbung gibt’s eigentlich nicht.

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