Europas Kulturhauptstädte

Das Jahr des Nordens

Tschüs Essen, Istanbul und Pecs – hallo Tallinn und Turku: Zwei nordische Metropolen teilen sich in diesem Jahr den Titel der europäischen Kulturhauptstadt. Sie liegen gerade mal 200 Kilometer voneinander entfernt, einen Besuch lohnen beide.

von Oliver Graue, 07.01.2011, 15:07 Uhr
Tallinn möchte seine enge Bindung zum Meer wieder stärken – während der Sowjetzeit waren Häfen und Strände Sperrgebiet.
Foto: Visit Estonia

Durchgeknallte Rockbands wie Lordi und die Leningrad Cowboys, Weltmeisterschaften im Handy-Weitwurf und Luftgitarre-Spielen oder der gleichermaßen beliebte wie obskure Humppaa-Tanz: Die spinnen, die Finnen! Was viele nicht wissen: Als ähnlich abgedreht und sympathisch gelten die Esten, die vor wenigen Tagen die Einheitswährung Euro in ihrem Land einführten. Auch kulturell und sprachlich sind die beiden nordischen Nationen eng verwandt, und für dieses Jahr kommt eine weitere Gemeinsamkeit hinzu: Die estnische Hauptstadt Tallinn und das südwestfinnische Turku sind Europas Kulturhauptstädte 2011.

Das Gute: Urlaubern lässt sich problemlos ein Kombinationstrip verkaufen. Von Deutschland mit dem Flugzeug nach Tallinn, von dort weiter nach Turku und über Helsinki oder Stockholm zurück nach Deutschland – so ließe sich ein Kultururlaub bündeln. Für den Rückweg könnte sogar die Fähre gewählt werden, zumindest für den Weg über Stockholm.

In vielen Cafés kann man die Atmosphäre in Tallinns liebevoll sanierter Altstadt genießen.
Foto: Visit Estonia

Tallinn: Geschichten am Meer


Nordisch, Ostsee-Anrainer und einstige Hanse-Mitglieder: Soviel wie Turku und Tallinn auch gemeinsam haben – das Trennende überwiegt. Schon aus geschichtlichen Gründen: Unter dem Namen Reval und als Hauptort Alt-Livlands wurde das heutige Tallinn 600 Jahre lang von einer deutschen Bürgerschaft und nach Lübecker Recht regiert. Das Gesicht der mittelalterlichen Stadt von einst haben die Esten längst zurückgebracht: Nachdem sie 1990 die brutale sowjetische Besatzung ihres Landes abschüttelten und ihre Unabhängigkeit errangen, sanierten sie sorgfältig die hübsche Altstadt mit ihren vielen Gassen, Bürger-, Handels- und Lagerhäusern und der vollständig erhaltenen Stadtmauer. Als Kulturhauptstadt Europas ist Tallinn, zu Sowjetzeiten grau und verfallen, nun wieder ein Juwel: Das Mittelalter wird an allen Ecken und Enden zelebriert, die Cafes tragen Namen wie "Olde Hanse", "Peppersack" und "Kehrwieder".
Besucher, die 2011 durch die Stadt spazieren, werden vieles über Vergangenheit, Gegenwart und Träume erfahren. Unter dem Motto "Geschichten am Meer" sollen mehr als 200 Veranstaltungen "erzählen" – alte und moderne, traurige und lustige Geschichten.

Die spinnen, die Finnen: Da wird schon mal mit Quads durch den Wald geheizt.
Foto: Visit Finland

Turku: Stadt in Flammen


Architektonisch kann Turku mit Tallinn nicht mithalten. Etliche Brände und russische Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstörten große Teile der Stadt. Heute ist der Ort übersichtlich: in Planquadraten angelegt und in einer schlichten, kühlen Bauweise errichtet, an der Architekten wie Carl Ludwig Engel und Erik Bryggman Anteil hatten.

Anders als Tallinn, das in seinem Kulturjahr den Weg ans Meer erst zurückfinden will (Hafen und Strände waren zu Sowjetzeiten Sperrgebiet), profitiert Turku von seiner vorgelagerten, faszinierenden Schärenwelt mit Tausenden Inseln. Als "Turku in Flammen" – so das selbstironische Motto im Kulturjahr 2011 – will man in die Zukunft starten, als Stadt der Dynamik, der Forschung und Jugend. Immerhin jeder fünfte Einwohner ist Student, und Biotechnik und Schiffsbau prägen die Wirtschaft.

Auf Schritt und Tritt begegnet man in Turku der Finnland-typischen Schrägheit. Ein Beispiel ist das Puutorin Vessa auf dem Stadtplatz: In dem kreisrunden, einst öffentlichen WC hat sich heute eine Kneipe eingerichtet. Wo früher die Toiletten waren, stehen nun gemütliche, rote Sitzbänke, und das Bier gibt es stilecht aus Bettpfannen.

Einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Turku ist der Schiffsbau.
Foto: Visit Finland
Und das Programm der Kulturhauptstadt hält mit. Unterwasser-Konzerte gibt es ebenso wie Sauna-Workshops, Algen-Weben und Ameisen-Safaris.

www.tallinn2011.ee/eng
www.turku2011.fi/en

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