Oman

Mit Kamelen, aber ohne Plastikmüll durch die Wüste

Nomad-Gründerin Julietta Baums mit einem Beduinen beim Kameltrekking in Oman.
Nomad
Nomad-Gründerin Julietta Baums mit einem Beduinen beim Kameltrekking in Oman.

"Wir wollen nicht erziehen, sondern nur Optionen aufzeigen." Nomad-Geschäftsführerin Julietta Baums spricht über das erste nachhaltige Kameltrekking durch Omans Wüste, Zahnbürsten aus Holz und die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie.

Immer mehr Menschen suchen im Urlaub nicht nur außergewöhnliche Erfahrungen machen, sondern darüber hinaus neue persönliche Herausforderungen. Nomad Reisen hat ein solches Einmal-im-Leben-Abenteuer im Programm. Im Dezember 2019 führte in Oman erstmals ein Kameltrekking, bei dem kein Müll produziert wurde, durch die Wüste Rimal Al Wahiba.

Oman: Müllfrei durch Omans Wüste


Frau Baums, seit dem 17. März gilt wegen der Coronavirus-Pandemie ein Einreiseverbot für alle Ausländer in Oman.
Haben Sie noch Gäste vor Ort?
Ja, aber wir haben für alle die Rückreise regeln und für sie Plätze in diversen Flugzeugen sichern können.

Wie sehr ist Ihr Geschäft von der Coronavirus-Krise betroffen?
Es ist schlimm. Oman ist unsere wichtigste Destination, und wir haben alle Osterbuchungen verloren. Zum Glück geht die Saison erst wieder im Herbst los. Ich werde den Kopf aber nicht in den Sand stecken! Ich glaube an Oman und daran wie konsequent die Regierung die Quarantäne- und Vorsorgemaßnahmen durchsetzt. Dass die Zahl der Infektionsfälle so gering ist und nicht rasant ansteigt, ist beindruckend.

Zu unserem eigentlichen Gesprächsanlass: Wie kam es zum müllfreien Kameltrekking durch die Wüste Rimal Al Wahiba?
Die Idee zur Reise trugen der einheimische Reiseleiter Ibrahim al-Balushi und ich seit Jahren mit uns herum. Wobei es uns zunächst nur um ein Kameltrekking in der äußerst lebensfeindlichen Wüste Rub al-Khali ging. Die konkrete Idee, die Reise müllfrei zu gestalten, entstand 2017, als die Bilder der Müllteppiche auf den Meeren durch die sozialen Netzwerke gingen.

Im Porträt: Nomad Reisen
Der Spezialist für Erlebnisreisen in islamisch geprägte Länder wurde 1993 von Julietta Baums gegründet. Die heutige Geschäftsführerin war vorher Archäologin. Als Veranstalterin legte Baums (55) von Anfang an großen Wert darauf, ihre Reisen für alle Beteiligten gewinnbringend zu konzipieren. Nomad Reisen ist Mitglied im Forum Anders Reisen.
Das Thema Müllvermeidung in ihren Reiseländern beschäftigt Sie schon länger ...
Ja, in den 1990er Jahren habe ich als Reiseleiterin im Jemen erlebt, wie das Land von Jahr zu Jahr mehr im Müll versank. Da es damals im Jemen keinerlei funktionierende Müllentsorgung gab, war schon damals meine Maxime, Müll konsequent zu vermeiden. Das hat durchaus auch zu Konflikten mit unseren Mitreisenden und unseren Teams vor Ort geführt.

Wie ist die Reaktion heute?
Die Gäste sind inzwischen sensibilisiert. Und seitdem ich vor Ort herausstelle, dass die nomadischen Kulturen seit jeher nachhaltig mit Ressourcen umgehen und im Grunde ganz ohne Müll auskommen, weil alles wiederverwertet wird, und wir als Reiseveranstalter uns daran orientieren möchten, ist auch die Vermittlung in Oman kein Problem – ganz im Gegenteil!

Wie haben die Beduinen auf Ihr Vorhaben reagiert?
Unsere omanischen Partner vor Ort waren sofort von dem Projekt begeistert. Ihre Lebensweise erfährt durch die Reise eine neue Wertschätzung und gibt den Beduinen ein Stück Selbstwertgefühl zurück. Die Idee zu der Reise ist aus ihrer Tradition entstanden!

„Diese Reise ist ein wichtiger Beitrag zur Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung aller Akteure. Man signalisiert den Menschen hier in Europa und auch in den Reiseländern damit, dass sie in Sachen Verpackung umdenken müssen“
Nataly Bleuel, Journalistin
Wie ist die Nachfrage?
Das Interesse ist ausgesprochen hoch, vor allem seitens der Gäste, die bereits Wüstenreisen mit uns unternommen haben und für das Thema Achtsamkeit sensibilisiert sind. Allerdings blieben wir bei den Reiseterminen stets unter der Mindestteilnehmerzahl, so dass die Premierenreise erst rund um Weihachten letzten Jahres stattfand.

Warum gab es so wenige Buchungen?
Es ist ein spezielles Nischenprodukt. Die Vermarktung ist schwierig und kompliziert. Der Begriff Müllvermeidung ist im Tourismus – anders als zum Beispiel Sonnenschein – einfach noch nicht positiv besetzt. Viele Urlauber denken dabei automatisch an Verzicht. Der Gedanke an sich ist akzeptabel, aber nicht im Urlaub.

Wer ist der typische Kunde?
Alle Mitreisenden bringen ein ausgeprägtes Interesse an fremden Kulturen mit und sind in der Regel bereit, sich anderen Lebensweisen und Sitten anzupassen. Generell ist das Interesse von Frauen an Wüstenreisen und Reisen in die arabische Welt größer als bei Männern. Auch beim ersten Kameltrekking waren ausschließlich Frauen dabei.

Wüsten-Trekking ohne Müll
Das Kameltrekking von Nomad Reisen führt durch die Wüste Rimal Al Wahiba. Für das Geleit auf der plastikfreien Expedition ab/bis Muscat sorgen der deutschsprechende Trekking-Guide, Beduinen und Lastkamele. Übernachtet wird meist im Zelt oder unter freiem Himmel. Gerichte werden auf Gaskochern zubereitet, alle Zutaten sind aus der Region. CO²-Emissionen werden konsequent minimiert und die verbleibenden Emissionen kompensiert.
Gibt es in puncto Nachhaltigkeit Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Ich glaube, dass sich Frauen mehr Gedanken über nachhaltiges Reisen machen und darüber hinaus eher bereit sind, hierfür auch auf Dinge – wie zum Beispiel eisgekühltes Wasser beim Kameltrekking – zu verzichten.

Ist die Nachhaltigkeit der Reise ein Buchungsgrund?
Der Aspekt des CO2-Ausgleichs ist den Interessenten weniger wichtig als die Müllvermeidung. Ich glaube aber, dass es für die meisten Teilnehmer eher ein spannendes Experiment ist. Der Reiz liegt unter anderem in dem Gefühl, die Grenzen der Zivilisation hinter sich zu lassen.

Die körperlichen Herausforderungen in der Wüste sind extrem: Wie haben Sie die Reise auf Durchführbarkeit getestet?
Der erfolgreiche Probelauf fand mit Pressevertretern im Oktober 2018 in der Wüste Rub Al Khali statt. Die Teilnehmer unserer ersten kleinen Reisegruppe in der Wüste Rimal Al Wahiba liefen täglich zwischen sechs bis acht Stunden zu Fuß, das entspricht zehn bis fünfzehn Kilometern pro Tag.

Wie wird Müll auf der Reise vermieden?
Gemüse und Obst transportieren wir unverpackt und in verschiedenen Reifegraden. Wir nehmen traditionelle Shampoos, Deos und Zahnbürsten mit auf die Reise. Das Zahnputzholz Miswāk etwa besteht aus nachwachsenden Rohstoffen. Für die Teilnehmer ist das eine ungewohnte, oft auch irritierende Erfahrung. Es ist auch total okay, wenn sie irgendwann ihre mitgebrachte Zahnbürste benutzen. Oder lieber mit Besteck als mit den Händen essen. Wir wollen ja nicht erziehen, sondern nur Optionen aufzeigen.

Was wird auf der Reise gegessen?
Typisch omanische Gerichte mit traditionellen lokalen Lebensmitteln. Kohlenhydratreiche Bohnen- oder Linsengerichte oder Trockenfisch-Curry mit Reis. Auch Brot backen wir selbst, wenn es ausreichend Holz gibt. Ibrahim ist ein König, wenn es ums Kochen geht. Eines meiner Lieblingsgerichte ist gefüllter Kürbis, den er im Erdofen zubereitet. Das Kochen in der Wüste ist sehr aufwendig. Mohrrüben zum Beispiel werden abends im Sand verbuddelt und mit Wasser begossen, damit sie am nächsten Morgen noch knackig sind.

Welche Erfahrungen sollen die Teilnehmer machen?
Sie sollen ein paar Tage das althergebrachte Leben der Beduinen führen können. Es geht um das Erleben der Wüste, nicht um sportliche Höchstleistungen. Vor allem sollen sie erfahren, wie man überhaupt in der Wüste überleben und mit knappen Ressourcen auskommen kann.

Omans Tourismus wächst

2019 besuchten 1,81 Mio. internationale Touristen das Sultanat, ein Plus von 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dagegen stagnieren die Besucherzahlen aus Deutschland: 64.800 waren es im letzten Jahr, nur 208 mehr als im Vorjahr. Oman, das nur etwas kleiner ist als Deutschland, präsentiert sich als ursprüngliche Destination und als Luxusziel. Zuletzt wurde massiv in die Flughäfen investiert, jetzt wird der Hafen in der Hauptstadt Mascat zum Kreuzfahrt-Hub ausgebaut. Bei der diesjährigen ITB sollte Oman als Partnerland auftreten.

Wie kommunizieren die Teilnehmer mit den Beduinen?
Wir veranstalten keine Kennenlern-Events oder abendliche Trommelkonzerte, da bin ich kein Fan von. Der zumeist nonverbale Austausch findet im alltäglichen Zusammensein statt: Wenn man gemeinsam das Zelt aufbaut oder das Kamel belädt, beim gemeinsamen Abendessen. Und dann gibt es ja auch noch unseren Guide Ibrahim, der Deutsch übersetzen kann.

Was hoffen Sie, mit der Reise zu bewirken?
Mit unserer ersten müllfreien Reise leisten wir einen wichtigen Beitrag zum bewussten Reisen. Als Pionier freuen wir uns nun auf zahlreiche Wegbegleiter für diese Trendwende im Tourismus.

Was ist Ihr Ausblick für das Reiseziel Oman – sind Sie optimistisch?
Der Oman agiert sehr vernünftig in der Krise. Ich bin da guter Dinge. Wenn die entscheidungsfreudigen Individualreisenden wieder Interesse zeigen, ist es stets ein Zeichen dafür, dass es wieder besser wird. Erst gestern haben Kunden, die ich für sehr vernünftig halte, eine Dachzeltreise im November gebucht.



Kommentare

Ihre E-Mail wird weder veröffentlicht noch weitergegeben. Notwendige Felder haben einen *

Spielregeln

stats