Baseball für die Seele – und das Image

Fukushima wird olympisch

Soll wieder aufblühen: Das Fukushima Azuma Baseball Stadium wird ein Austragungsort des olympischen Baseball-Turniers.
Fukushima Prefecture Tourism & Local Products Association
Soll wieder aufblühen: Das Fukushima Azuma Baseball Stadium wird ein Austragungsort des olympischen Baseball-Turniers.

Ein denkwürdiges Ereignis verspricht das Baseball- und Softball-Turnier bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio zu werden. Einer der Spielorte heißt Fukushima.

Dass Großsportereignisse von den Gastgebern gerne für politische Botschaften genutzt werden ist bekannt. Die Olympischen Spiele in Tokio sind da keine Ausnahme. Unter dem Slogan "Reconstruction Olympics" will Japans Regierung der Welt den Fortschritt beim Wiederaufbau des Nordostens des Landes zeigen.

"Reconstruction Olympics": Fukushima als Symbol für den Wiederaufbau



In der eine Flugstunden von Tokio entfernten Region Tōhoku, zu der auch die Präfektur Fukushima gehört, kam es 2011 zu einer Dreichfachkatastrophe: Nach einem schweren Erdbeben und Tsunami, in dessen Folge ganze Städte ausgelöscht wurden und über 18.000 Menschen starben, kam es zusätzlich noch zu einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi. Jetzt hat das Internationale Olympischen Komitee (IOC) diesen Ort als einen Schauplatz für die Oympischen Spiele 2020 bestimmt.

Boost für die Seele, das Image und die Wirtschaft

Geplant sind sechs Softball-Spiele und eine Baseball-Partie im Fukushima Azuma Baseball Stadium. Die 1986 eröffnete Arena (Kapazität: 30.000 Zuschauer) ist die Heimat der Fukushima Hopes und wird aktuell renoviert. Vom No-go-Bereich um den havarierten Fukushima Daiichi-Reaktor ist das Stadion etwa 100 Kilometer entfernt. Auch im nahen Rifu in der ebenso vom Tsunami betroffenen Präfektur Miyagi werden zehn Partien des olympischen Fußball-Wettbewerbs ausgetragen.

Tokio-Spiele nicht nur in Tokio

Japans Hauptstadt ist vom 24. Juli bis 9. August 2020 zum zweiten Mal nach 1964 Gastgeber der Olympischen Sommerspiele. Neben in Tokio finden vereinzelt auch Wettbewerbe in von Tokio weit entfernten Städten wie Sapporo (830 km), Rifu (365 km) und Fukushima (240 km) statt. Autorisierter Ticket-Vertreiber für Deutschland ist Dertour.

Schon vor Beginn der Spiele hat Tokios Organisationskomitee mehrere Events in der Präfektur platziert. So startet der olympische Fackellauf nach Tokio Ende März 2020 am J-Village in Naraha. Das wieder eröffnete Fußballzentrum gehört zu den größten Sportanlagen Japans und diente nach der Reaktorkatastrophe als Krisenzentrale des Atomkraftbetreibers Tepco. Vor dem Fackellauf wird die Flamme dazu in den zwei benachbarten Präfekturen Miyagi und Iwate ausgestellt.

Mit den Entscheidungen soll die Unglücksregion nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich gestärkt werden. Profitieren von der olympischen Strahlkraft und dem damit verbundenen Bildern von Kontrolle und Normalität sollen vor allem die lokale Landwirtschaft und Fischerei, aber auch der Tourismus.

„Japan ist entschlossen, die Fortschritte beim Wiederaufbau der Region vorzustellen.“
Shinzō Abe, Premierminister Japan

Bei einer Umfrage der Japan Times unter 36 Bürgermeistern der Tōhoku-Region erhofften sich die Verantwortlichen, der Weltöffentlichkeit den Fortschritt des Wiederaufbaus zeigen zu können und einen Image-Boost für ihre Heimat.

Unter den Einheimischen ist die Meinung zu den geplanten Veranstaltungen indes gespalten. Als ein Home Run wird die Entscheidung der Regierung und des IOC jedenfalls nicht wahrgenommen. Viele fragen sich wie der längst nicht abgeschlossene und von der nationalen Reconstruction Agency verantwortete Wiederaufbau ihrer Heimat durch ein Sport-Event im 240 Kilometer entfernten Tokio begünstigt wird.

1250 Gäste aus Deutschland

Auch wenn die Marke Fukushima wohl für immer mit der Atomkatastrophe vor acht Jahren in Verbindung gebracht werden wird, einige Touristen lassen sich nicht davon abschrecken. Im Zuge von Japans anhaltenden Boom als Reiseziel konnte auch die Präfektur im letzten Jahr insgesamt 120.250 ausländische Besucher verzeichnen und überschritt damit erstmals seit 2011 wieder die 100.000-Grenze. Etwa 1250 Touristen kamen dabei aus Deutschland. Primär besuchen Urlauber aus Taiwan, China, Hongkong, Thailand und Australien die Präfektur. Seit April 2019 gibt es aus Taiwan sogar einen ganzjährigen Direktflug nach Fukushima.
Nippon boomt als Reiseziel
2018 besuchten 31 Mio. ausländische Touristen Japan – seit 2013 entspricht das einer Verdreifachung. Im gleichen Zeitraum stiegen die Ankünfte aus Deutschland um 76 Prozent auf gut 214.000. Allein 2018 entschieden sich knapp zehn Prozent mehr Deutsche für eine Nippon-Reise.

Kein dunkler Ort

Beliebte Ziele sind vor allem das historische Bergdorf Ouchijuku, die Tadami River No. 1 Bridge, der Oze-Nationalpark und das Sonnenblumenfeld im Hochland von Sannokura. Dazu ist die Präfektur für ihre Sake-Brauereien, Kulturfeste und Ski-Resorts bekannt. Ein Marketing-Fokus vom Tourismusamt von Fukushima ist die so genannte Diamond Route: eine Zugrundreise, die zum Beispiel ab Tokio durch die drei Präfekturen Fukushima, Tochigi und Ibaraki führt.

Shuzo Sasaki, ein Regierungsbeamter, der auch als Reiseführer für den lokalen Veranstalter Real Fukushima arbeitet, sagt gegenüber The Guardian: „Die Vorstellung, dass es Fukushima ist und darum gefährlich sein muss, ist komplett falsch. Die Leute von hier sind nicht glücklich darüber, dass viele Menschen glauben, sie würden an einem dunklen Ort leben.“

Das Thema Sicherheit

Acht Jahre nach dem Gau: Ist Fukushima wieder sicher zu bereisen? Die Betreiberfirma Tepco, die japanische Regierung und das IOC sagen ja. Mehrere Gemeinden in der einstigen Evakuierungszone wurden seit April 2019 wieder für bewohnbar erklärt. Die Umweltorganisation Greenpeace dagegen weist auf Basis eigener Messungen weiter auf die Strahlenrisiken hin.

„JNTO Frankfurt bewirbt Reisen nach Fukushima nicht, rät aber auch nicht davon ab.“
Bettina Kraemer, JNTO Frankfurt
Das japanische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt „bewirbt Reisen nach Fukushima nicht, rät aber auch nicht davon ab", so Bettina Kraemer. "Wir richten uns nach der Beurteilung der offiziellen Stellen in Japan und des Auswärtigen Amts.“ Letzteres gibt für Fukushima eine Teilreisewarnung heraus und warnt vor Reisen in die Rote Zone um das Kraftwerk von Fukushima, wie auch vor "unnötigen Reisen" in die Gelbe und Grüne Zone.

Service: Radioaktivitätsmonitor für Urlauber

Zur Aufklärung für Touristen, Veranstalter und Expedienten hält das Tourismusamt von Fukushima mehrere Informationsquellen bereit. So wurden etwa – auch auf Deutsch – eine Broschüre ("Schritte zum Wiederaufbau der Präfektur Fukushima") veröffentlicht und die Webseite Fukushima Revitalisierungsstation eingerichtet mit Angaben zur Sicherheit von Trinkwasser und Lebensmitteln, zum Fortschritt des Reaktorabbaus und vielem mehr.
Von ihrer Tourismus-Homepage verlinkt die Präfektur sogar auf einen Radioactivity Monitor. Dort werden die aktuellen Messdaten der radioaktiven Strahlung für diverse touristische Hotspots angezeigt.

„Wir erhalten nicht mehr viele Anfragen zum Thema Sicherheit. “
Jun Muto, Tourismusmanager Fukushima Prefecture Tourism & Local Products Association.
Laut Jun Muto, Tourismusmanager von der Fukushima Prefecture Tourism & Local Products Association fühlen sich Fukushima-Reisende immer komfortabler, auch beim Genuss von Lebensmitteln aus der Präfektur. "Inzwischen sind über acht Jahren seit dem großen Erdbeben, dem Tsunami und der Nuklearkatastrophe vergangen. Wir erhalten nicht mehr viele Anfragen zum Thema Sicherheit."
Fakten zu Fukushima
Die Präfektur (1,86 Mio. Einwohner) liegt in der nordöstlichen Region Tōhoku auf der Hauptinsel Honshū. Von Tokio aus ist Fukushima mit dem Shinkansen-Zug 90 Minuten entfernt. Mit einer Fläche von rund 13.800 km2 ist Fukushima etwa halb so groß wie Belgien.

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