Versäumnisse bei Anschlägen

Sri Lanka krempelt Sicherheitskräfte um

Der IS reklamiert die Anschläge in Sri Lanka für sich. Die Regierung glaubt an eine Vergeltungsmaßnahme für Christchurch. Weil Hinweise auf Anschlagspläne nicht weitergegeben wurden, soll es Konsequenzen für die Sicherheitsbehörden geben.

Nach den Anschlägen in Sri Lanka mit inzwischen mehr als 350 Toten will die Regierung die Chefs der Sicherheitsbehörden wegen mangelhafter Informationspolitik entlassen. Staatspräsident Maithripala Sirisena kündigte am späten Dienstagabend in einer Fernsehansprache an, die Führungen der Polizei und anderer Sicherheitskräfte binnen 24 Stunden umzukrempeln. Vorab vorliegende Hinweise auf Anschlagspläne seien nicht an die Regierung weitergegeben worden.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte die Selbstmordanschläge auf Hotels und christliche Kirchen in Sri Lanka für sich reklamiert. Nach Angaben von Sri Lankas Premierminister Ranil Wickremesinghe waren noch einige Verdächtige auf der Flucht, manche von ihnen seien im Besitz von Sprengstoff.

Nach Einschätzung der Regierung von Sri Lanka waren die Anschläge als Vergeltung für den Anschlag auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch im März gedacht, wie Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene erklärte. Ein Sprecher von Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte am Mittwoch allerdings, der Regierung des Pazifikstaats seien keine derartigen Geheimdienstinformationen bekannt. Bei dem Anschlag eines mutmaßlichen Einzeltäters – ein Rechtsextremist aus Australien – auf zwei Moscheen am 15. März waren während der Freitagsgebete 50 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden.

Video angeblicher Selbstmordattentäter aufgetaucht

Das IS-Sprachrohr Amak berichtete am Dienstag in sozialen Netzwerken, die Angreifer seien IS-Kämpfer gewesen. Es kursierte auch ein Video, das angeblich zeigte, wie die sieben Selbstmordattentäter aus Sri Lanka vor einer IS-Flagge dem IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi einen Treueeid leisteten. Kämpfer des Islamischen Staates hätten "Bürger der Koalition und die christliche Gemeinschaft" attackiert, hieß es. Eine Verbindung zu Christchurch stellte das Sprachrohr nicht her.

Mit "Bürgern der Koalition" bezeichnet der IS Staatsbürger von Ländern, die der internationalen Anti-IS-Koalition angehören, die die Terrormiliz in Syrien und im Irak bekämpft. Sri Lanka gehört der Koalition nicht an. Touristen in den angegriffenen Hotels könnten gemeint sein. Die Echtheit der Bekennernachricht ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Sie wurde über die üblichen Kanäle in sozialen Netzwerken verbreitet, in denen der IS auch in der Vergangenheit Anschläge für sich reklamiert hatte.

Attentäter hatten wohl Kontakte zum IS

Wickremesinghe sagte bei einer Pressekonferenz am Dienstag, es habe schon zuvor der Verdacht bestanden, dass die Attentäter Verbindungen zum IS gehabt haben könnten. Einige der Angreifer seien im Ausland gewesen, erklärte Wickremesinghe, ohne die Verbindungen zum IS zu bestätigen. Als Täter macht Sri Lanka eine einheimische Islamistengruppe verantwortlich. Über einen Ableger des IS in Sri Lanka ist bisher nichts bekannt.

Sieben sri-lankische Selbstmordattentäter hatten sich am Ostersonntag nahezu zeitgleich in drei Kirchen in mehreren Städten und drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo in die Luft gesprengt. Einige Stunden später gab es zwei weitere Explosionen in einem kleinen Hotel und einer Wohngegend in Vororten Colombos. Die Zahl der Toten liegt nach aktuellen Polizeiangaben bei 359 – darunter sind laut Außenministerium 34 Ausländer, 14 werden noch vermisst. Auch ein Deutsch-Amerikaner wurde getötet, wie das Auswärtige Amt mitteilte. Laut Unicef kamen auch 45 Kinder ums Leben. Mehr als 500 Verletzte wurden nach Angaben der Polizei noch in Krankenhäusern behandelt.

Viele Verdächtige in Polizeigewahrsam

60 Menschen sind laut Polizei derzeit in Gewahrsam – alle seien Sri Lanker. Dass auch ein syrischer Staatsbürger darunter war, wie die Polizei zunächst bestätigt hatte, dementierte Wickremesinghe. Er bestätigte aber einen Bericht, wonach es einen Anschlagsversuch auf ein weiteres Fünf-Sterne-Hotel gegeben hatte, der fehlschlug.

Es hatte vor den Attacken Hinweise auf Anschlagspläne der Gruppen gegeben, wie Kabinettssprecher Rajitha Senaratne erklärte. Ausländische Geheimdienste hätten bereits am 4. April über mögliche Selbstmordanschläge auf Kirchen und Touristenziele in Sri Lanka informiert – die Informationen stammten aus Indien, wie Wickremesinghe bekanntgab. "Wir tragen die Verantwortung, es tut uns sehr leid", sagte Senaratne im Namen der Regierung.

Spannungen in Regierung stören bei der Aufklärung

Mehrere Minister hatten kritisiert, Wickremesinghe sei jüngst nicht zu Sitzungen des Sicherheitsrates der Regierung eingeladen worden. Hintergrund sind Spannungen zwischen den in einer Koalition regierenden Parteien von Wickremesinghe und Staatspräsident Sirisena, dem als Verteidigungsminister die Sicherheitskräfte unterstehen. Sirisena hatte Wickremesinghe Ende vergangenen Jahres überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb im Amt. Noch vor Ablauf des Jahres steht eine Präsidentenwahl in Sri Lanka an.

Am Dienstag waren Notstandsbestimmungen in Kraft getreten, die den Sicherheitskräften nach Angaben von Sirisenas Büro weitreichende Befugnisse einräumen. Solche Bestimmungen waren während des Bürgerkriegs in Sri Lanka von 1983 bis 2009 fast dauerhaft in Kraft – und auch darüber hinaus noch bis ins Jahr 2011 hinein.

Die meisten Opfer hatte es bei den Anschlägen in den Kirchen gegeben, als gerade Ostergottesdienste stattfanden. In dem Inselstaat sind etwa sieben Prozent der 20 Mio. Einwohner Christen. Rund zehn Prozent sind Muslime. Die meisten Einwohner sind Buddhisten. Es hatte in der jüngeren Vergangenheit Gewalt von Buddhisten an Muslimen gegeben, die durch Gerüchte in sozialen Medien angeheizt wurden. Auch deshalb wurde nach den Anschlägen der Zugang zu sozialen Medien gesperrt. Größere Spannungen zwischen Muslimen und Christen hatte es in Sri Lanka zuvor nicht gegeben.
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