Expansion

Accor, Radisson und Steigenberger profitieren von chinesischen Investoren

China investiert in Deutschland kräftig.
Getty Images
China investiert in Deutschland kräftig.

Hotelunternehmen wie Accor, Radisson, Louvre und jetzt auch Steigenberger haben durch chinesische Beteiligungen und Besitzer mehr Möglichkeiten im Riesenmarkt China.

Für viele überraschend verkündete Mitte November das in Frankfurt ansässige Traditionsunternehmen Deutsche Hospitality seine Übernahme durch das chinesische Unternehmen Huazhu und wechselte damit auch von ägyptischer in chinesische Hand. Der Appetit asiatischer Investoren auf europäische Hotelgruppen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, die Haltedauer unterschiedlich.


Ein Kandidat, dessen Einkaufstour im Westen ein abruptes Ende fand, ist die HNA Hospitality Group. Sie war unter anderem bis 2018 an den NH Hotels und der Radisson Hotel Group beteiligt, trennte sich aber von beiden. Außerdem hielt sie einmal eine 26-prozentige Beteiligung an Hilton, verkaufte aber auch diese wieder.

"HNA wurde von der Zentralregierung gestoppt. Es ist ein halb privates Unternehmen, ein Geflecht von 15.000 Firmen, die gegenseitig aneinander Anteile halten", erklärt China-Experte Wolfgang Arlt vom Institut Cotri aus Hamburg. "Keiner weiß, wer eigentlich der Besitzer ist. HNA hatte zu viele Schulden aufgenommen."

Ob es ein Comeback gebe oder HNA auf die Ebene des Ursprungsgeschäfts, einer Fluggesellschaft, zurückgestuft bleibe, sei abzuwarten. Die thailändische Gruppe Minor International übernahm 94,1 Prozent NH-Anteile.

Radisson ging inklusive Prizeotel an Jin Jiang International und den Sino-CEE Fund. Jin Jiang hatte bereits 2015 die französische Louvre Hotels Group von Starwood Capital übernommen. Weiterhin gehört dem Staatsunternehmen aus Schanghai heute Plateno.

Einen früheren 50-prozentigen Anteil an den Interstate Hotels aus den USA verkaufte Jin Jiang wieder. Interstate fusionierte in diesem Jahr mit den Aimbridge Hotels aus Texas, deren Mehrheitsaktionär das Private-Equity-Unternehmen Advent International aus Boston ist. Advent soll zum Jahresende Mehrheitsaktionär des neu fusionierten Unternehmens aus Aimbridge und Interstate werden. Damit gehört Interstate dann wieder vollkommen US-Investoren.

Im Markt ist viel Bewegung

An Louvre und Radisson hat Jin Jiang sein Interesse bisher nicht verloren. Vielmehr wurde Radisson-CEO Federico J. González inzwischen Vorsitzender des Global Steering Committee der Radisson-Gruppe und durfte in diesem Sommer die Einführung eines Cobranding zwischen Radisson und Jin Jiang bekannt geben. Erstes Haus dieser Aktion wurde das Radisson Blu Frankfurt.

Insgesamt ist geplant, das Cobranding auf mehr als 30 Hotels von Radisson im Raum EMEA auszudehnen. Serviceleistungen des Cobranding sind zum Beispiel Willkommens- und Speisekarten in chinesischer Sprache, die Akzeptanz der einzigen chinesischen Kreditkarte China Union Pay sowie besondere Ausstattungen in den Zimmern der Etage 16 (16 ist eine chinesische Glückszahl) wie Teekocher und eine Auswahl an chinesischen Tees.

Den Gästen stehen zudem chinesisches Fernsehen sowie chinesische Tageszeitungen zur Verfügung, die über die Radisson Blu One Touch App erhältlich sind. Zum Frühstück gibt es im Radisson Blu Hotel Frankfurt zusätzliche Gerichte wie die chinesische Reissuppe Congee, Nudeln und Wan Tan. Im Restaurant werden eine Welcome Corner, chinesische Mahlzeiten und im Room-Service-Menü verschiedene chinesische Speisen angeboten. In der Vorbereitungsphase des Cobranding fand Anfang 2019 ein Talent-Austauschprogramm statt.

Um den Buchungsprozess für chinesische Reisende zu vereinfachen, wurden zum 30. Juni 53 Häuser der Radisson Hotel Group in die globale Buchungsplattform von Jin Jiang, We Hotel, integriert. Dass das Cobranding bereits jetzt Auswirkungen auf die Belegung hat, glaubt Michael Goetz, GM des Radisson Blu Frankfurt, eher nicht. „Wir konnten durch die Renovierung und Repositionierung des Hotels in diesem Jahr eine Ratensteigerung um zehn Prozent erreichen“, sagt er.

„Aber die Corporate-Verträge werden in der Regel nur einmal im Jahr abgeschlossen, dafür ist das Cobranding noch zu frisch. Wir verzeichnen eine erhöhte Nachfrage aus dem Bereich asiatischer Unternehmen und Konsulate, deren Auswirkungen wir im kommenden Jahr spüren dürften.“

Die chinesische Küche im Haus werde von allen Gästen sehr geschätzt. „In unserem Restaurant verkaufen sich die asiatischen Gerichte inzwischen am besten, und die asiatischen Komponenten auf dem Frühstücksbüfett kommen auch bei westlichen Gästen sehr gut an“, so Goetz.

An Accor hält Jin Jiang bisher einen Anteil von 12,5 Prozent, die neue Steigenberger-Mutter Huazhu hat Anteile an Accor in Höhe von 4,8 Prozent. Im Gegenzug dazu hielt Accor bis vor Kurzem 10,8 Prozent an Huazhu, hat aber am 5. Dezember 2019 bekanntgegeben, fünf Prozent von diesen zu verkaufen.

Der Wert, so die Pressemeldung dazu, habe sich seit der Übernahme im Jahr 2016 um das 4,5-Fache gesteigert. Huazhu ist der Master-Franchise-Nehmer von Accor in China. Seit Bekanntgabe der Partnerschaft vor vier Jahren wurden gemeinsam 200 ibis, Novotel und Mercure in China eröffnet. Weitere 250 Häuser für die nächsten drei Jahre sind in der Pipeline.

Eigenständiges Management

Im November, wenige Tage nach Bekanntgabe des Verkaufs von Deutsche Hospitality an Huazhu, hatte Accor eine neue strategische Partnerschaft mit dem chinesischen Online-Portal Alibaba bekannt gegeben, um gemeinsam digitale Anwendungen und Loyalty-Programme zu entwickeln. Seit 2017 managt Alibaba übrigens auch die digitalen chinesischen Kanäle von Marriott. Für chinesische Gäste außerhalb Chinas hat Accor das Programm China 2020 entwickelt, das in der DACH-Region bis 2020 auf 100 Hotels ausgeweitet sein soll.

Die beteiligten Hotels erhalten das Label Haoke. Ein ähnliches Programm unter dem Namen Peng You by Meliá hatte die spanische Meliá-Gruppe vor allem für Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien bereits 2015 eingeführt. Auf die europäische Unternehmenskultur von Accor haben die Beteiligungen von Jin Jiang und Huazhu bisher keine Auswirkungen.

In einem Interview mit der französischen Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" hatte Accor-CEO Sébastien Bazin im März dieses Jahres unterstrichen, dass es nicht gewünscht sei, dass ein Vertreter von Jin Jiang einen Sitz im Aufsichtsrat von Accor erhalte. „Dies würde einen direkten Wettbewerber in vielen Ländern und zu vielen Marken in den Aufsichtsrat bringen, und das erschiene mir kompliziert“, wird Bazin dort zitiert.

Die Frage danach aufgeworfen hatte das Stimmrecht Jin Jiangs bei Accor von fast 18 Prozent, das mit dem über zwölfprozentigen Anteil einherging. Jin Jiang als größten Aktionär zu haben sei weder ein Traum noch ein Albtraum, sagte Bazin, man treffe sich alle drei Monate.

Zusammenführung wird nicht forciert

Auch Radisson und Louvre scheinen unter ihrer Mutter Jin Jiang bisher relativ autark zu agieren, ihre Führungskräfte reisen allerdings häufiger nach China. „Die Zusammenarbeit läuft in den uns bekannten Fällen, in denen asiatische Investoren auf europäische Gruppen stießen, gut. Das liegt auch daran, dass jede dieser Hotelgruppen groß genug ist, um ein stabiles und eigenständiges Management zu haben, und dass die asiatischen Investoren den Hotelketten sehr viel Freiraum geben und sich nur wenig einmischen“, sagt Treugast-Geschäftsführer Michael Lidl.

„Bei jedem anderen Hotelinvestor, der auch selbst Hotels betreibt, würde man davon ausgehen, dass Louvre und Radisson schon längst enger zusammengeführt worden wären, um Synergieeffekte auszuschöpfen. Das ist allerdings bisher nicht geschehen, und als stiller Beobachter gewinnt man den Eindruck, dass der Grund auch darin liegt, dass von der Muttergesellschaft hierfür zu wenig Impulse kommen und die Zusammenführung nicht zwingend forciert wird.“

Weitere Asiaten auf Einkaufstour

Andere chinesische Unternehmen, die im westlichen Tourismus eine Rolle spielen oder spielen wollten, sind Wanda, Anbang und Fosun. „Ähnlich wie HNA war Wanda angetreten, um mit Themenparks Disney zu killen. Es hatte auch eine der größten Kinoketten gekauft und diverse andere Firmen, musste aber auf Druck der Zentralregierung deinvestieren“, weiß China-Experte Wolfgang Arlt.

Und zu dem Versicherungsunternehmen Anbang, das einst vergeblich gegen Marriott um Starwood geboten hatte und das Waldorf Astoria in New York besaß, sagt er: „Der Boss von Anbang sitzt inzwischen im Gefängnis, da ihm die Erlaubnis fehlte, mit geborgtem Geld Hotels zu Mondpreisen zu kaufen.“

Ins Gerede geraten ist durch ihre unglückliche Investition in Thomas Cook inzwischen auch die Fosun-Gruppe, die bis dahin offenbar ziemlich erfolgreich agierte. Im "Nikkei Asian Review" vom 5. Juli 2019 wird der Vorsitzende des Mischkonzerns, der Milliardär Guo Guangchang, als chinesischer Warren Buffett bezeichnet.

Im Bereich Tourismus gehören Fosun 98 Prozent der Club-Med-Aktien, außerdem ist Fosun Entwickler, Eigentümer und Betreiber des 1,6 Mrd. Dollar teuren Atlantis Resort im Süden der chinesischen Insel Hainan, hat in den Reisemittler Ctrip, in Cirque du Soleil und die schottische Flug-Metasuch-Maschine Skyscanner investiert. Und immerhin war Fosun am Ende schlau genug, nicht wie zeitweise angekündigt noch mehr in Thomas Cook zu investieren.

Club Med jedenfalls scheinen die Chinesen bisher gut zu tun. Nach einem Verlust von 9 Mio. Euro im Jahr 2014 vor der Übernahme durch Fosun schloss Club Med laut seinem Präsidenten Henri Giscard d‘Estaing 2018 ermutigend ab. Dafür war laut "Nikkei Asian Review" weniger das Business in Europa und Afrika verantwortlich als vielmehr das Wachstum in Asien, das stark zum operativen Gewinn von rund 58,8 Mio. Dollar beitrug.

Weniger Übernahmehunger

Während chinesische Investoren sich erst seit relativ kurzer Zeit international engagieren, haben Thailänder diesbezüglich schon eine längere Tradition. So gehörte Kempinski beispielsweise lange Zeit mehrheitlich Investoren im Umfeld des thailändischen Königshauses, erst seit Kurzem hält das Königshaus von Bahrain den größten Anteil.

Und Vienna House freut sich seit Anfang 2017 über seine neue Mutter, die thailändische U City, die es dem Unternehmen im Mai dieses Jahres ermöglichte, 19 Arcona-Hotels zu kaufen. Für viele Schlagzeilen in der westlichen Welt sorgt inzwischen auch das indische Unternehmen Oyo, das im September 2019 laut STR mit 880.000 Zimmern bereits den dritten Platz weltweit hinter Marriott (1,3 Mio.) und Hilton (905.000) einnahm. Jin Jiang lag mit 867.000 Zimmern auf Rang vier.

Experte empfiehlt Kultur-Intensivkurs

"Im Augenblick ist der Übernahmehunger in China etwas zurückgefahren worden, denn die staatliche Seite wirft ein größeres Augenmerk auf die Verschuldung der Unternehmen", sagt Arlt. Dass Huazhu, wie kolportiert wird, an Deutschland schnell die Lust verlieren könne, weil hierzulande in China unbekannte Vorschriften eingehalten werden müssten, hält der Experte dagegen für eher unrealistisch.

"Es ist immer wieder erstaunlich, dass Chinesen nach wie vor nicht ernst genommen werden und ihre Professionalität selbst heute noch teilweise für Verwunderung sorgt. Huazhu ist eine der zehn größten Hotelketten der Welt, wieso soll es sich nicht behaupten können? Vorschriften gibt es in China auch genug", sagt er. Dem Management eines durch Chinesen übernommenen Unternehmens rät er zu einem vierwöchigen Sprach- und Kultur-Intensivkurs in China und natürlich möglichst einem Coaching durch Cotri.

Portfolios für die nächste Generation

Bereits in einer Talkrunde auf der Expo Real 2017 hatte der heutige Kempinski-COO Bernold Schröder, der davor für Pan Pacific Hotels und Jin Jiang in China tätig war, darauf hingewiesen, dass Investorengruppen aus Asien sehr heterogen seien. Für chinesische Investoren mit überwiegend staatlichem Hintergrund sei die Diversifikation vorrangig.

Vermögende Privatleute dagegen brächten ihr Geld aus Sicherheitsgründen ins Ausland, weil sie Chinas Zukunft nicht als glänzend einstuften. Ganz anders Investoren aus Singapur: Sie würden ihre Investments lange Zeit halten und setzten auf einen langfristigen Cash Flow für sich und ihre Familien. Sie bauen Portfolien für die nächste Generation auf.

Huazhu jedenfalls hat Deutsche Hospitality über sein Tochterunternehmen in Singapur gekauft. In Frankfurt stößt die Gruppe nicht nur auf das doppelt gebrandete Radisson Blu, sondern auch auf andere chinesische Investoren mit Einzelhotels im Land.

So soll 2020 in der Mainmetropole endlich das von Diaoyutai MGM Hospitality Limited betriebene Hotel am neuen DFB-Stützpunkt an den Start gehen. Es ist ein Joint Venture zwischen der staatlichen Diaoyutai State Guesthouse und MGM Resorts.

In Offenbach hat das 2016 durch die New Century Group aus Hangzhou eröffnete New Century Hotel 2018 bereits wieder den Betreiber gewechselt und wird inzwischen vom niederländischen Pächter Odyssey unter der Marriott-Marke Delta betrieben. Vom chinesischen Modell verabschiedet hat sich auch das ehemalige Qgreenhotel am Opelkreisel in Frankfurt. Es war als Tryp Hotel eröffnet worden und wurde von Betreiber Meliá 2013 in Qgreenhotel umbenannt, um die Zusammenarbeit der Spanier mit der chinesischen Greenland-Gruppe zu unterstreichen und besonders chinesische Gäste anzusprechen. Heute nennt sich das Haus Hotel Frankfurt Messe managed by Meliá.

Dieser Artikel stammt aus der ebenfalls in der dfv Mediengruppe erscheinenden Allgemeinen Hotel- und Gastronomiezeitung.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Dietmar Rauter
    Erstellt 30. Dezember 2019 12:18 | Permanent-Link

    Die Chinesen kommen! Nicht nur als Touristen, die die Hotelketten gern annehmen, sondern auch als Anleger, die ihre Gewinne in den Märkten, in denen sie aktiv sind (und auf lange Sicht aufgrund ihrer zentralistischen Struktur die ganz großen Gewinner sein werden), einsetzen müssen. Wir haben bei Thomas Cook ja erlebt, wie sie dabei Interesse antäuschen, um über die Resterampe nachher viel erfolgreicher zu sein (mal sehen wie das bei Condor so läuft...) Da sind selbst die großen Player wie Black Rock oder KPMG in der Defensive. (Wer klärt Frau Merkel da auf, Trump hat zumindest die eigenen Truppen hinter sich vereint im 'freien' globalen Markt gibt es auch Verlierer!)

stats