Georgien

Trendziel zwischen Europa und Asien

Einsam mit Ausblick: Auf der Kazchi-Säule im Westen des Landes lebt ein Mönch. Georgien ist eine der ältesten christlichen Nationen weltweit.
Getty Images
Einsam mit Ausblick: Auf der Kazchi-Säule im Westen des Landes lebt ein Mönch. Georgien ist eine der ältesten christlichen Nationen weltweit.

Früher oder später wird wieder gereist. In diesem Produkt-Check wirft die fvw einen Blick auf das touristisch noch relativ wenig erschlossene Georgien und spricht mit dem Osteuropa-Spezialisten Tilo Lamm von Biss Aktivreisen.

Weinanbau und heiße Quellen, uralte Klöster und moderne Architektur, dazu leidenschaftliche Gastfreundschaft: Spätestens seit der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren, bei der Georgien als Gastland auftrat, ist das Land am Schwarzen Meer auch bei deutschen Urlaubern keine Unbekannte mehr. Inzwischen reisen pro Jahr rund 65.000 Urlauber aus Deutschland nach Georgien, damit liegen sie in der EU-Besucherstatistik ganz vorn.

Georgien: Wandern, Klöster, Kasinos



Georgien gilt als Brücke zwischen Europa und Asien. Rein geografisch liegt das Kaukasus-Land in Vorderasien. Nachdem das Land in seiner wechselhaften Geschichte unzählige Eroberungszüge von Osmanen, Mongolen, Persern und Russen erleben musste, sind bis heute die Spuren des Kommunismus noch deutlich erkennbar. "Bei Rundreisen lernen Gäste aber auch das starke Bestreben der Einheimischen kennen, sich dem Westen anzunähern", sagt Tilo Lamm, Co-Chef vom Georgien-Spezialisten Biss Aktivreisen.

Reich an Kontrasten

Kulturliebhaber schätzen das Land wegen seiner frühchristlichen und mittelalterlichen Klöstern und Wehrkirchen. Uralt ist auch die Weinkultur: Reben werden in Georgien seit rund 8.000 Jahren angebaut, Genießer schätzen die zahlreichen Weingüter. Städtereisende werden in der Metropole Tiflis oder der Hafen- und Glücksspielstadt Batumi am Schwarzen Meer vom Mix aus futuristischer Architektur und historischen Bauwerken überrascht sein. Beide Großstädte stehen mit ihren vielen Szene-Locations auch bei Nachtschwärmern hoch im Kurs.

Know-how zu Georgien
Georgien ist etwa so groß wie Bayern. Im Norden wird das 4,5-Millionen-Einwohner- Land von Russland, im Süden von der Türkei und Armenien, im Osten von Aserbaidschan begrenzt. Die Hauptstadt ist Tbilisi (Tiflis) im Osten des Landes. Der Zeitunterschied beträgt zwei Stunden.

Zum Unesco-Welterbe des Landes gehören die historischen Kirchen von Mzcheta, das Kloster Gelati und die Bergdörfer von Swanetien. Apropos: Die historische Region im Großen Kaukasus ist eine der atemberaubendsten Hochgebirgslandschaften – und ein inzwischen sehr beliebter Abenteuerspielplatz für Bergwanderer. Hier sind Tagestouren auf einer Höhe von gut 5000 Metern möglich, populär ist die Route von Mestia nach Uschguli. Die Natur ist praktisch unberührt, und weiße Gipfel wechseln mit sanften grünen Wiesen und tosenden Flüssen. Ihre ursprüngliche Kultur konnten auch die Bewohner der Bergdörfer mit ihren trutzigen Wehrtürmen weitgehend beibehalten – die Orte liegen isoliert.
Reizvoll ist auch die Region des Kasbek, mit 5047 Metern der dritthöchste Berg Georgiens. Überhaupt: Fast 90 Prozent der Landesfläche sind Gebirge und Vorgebirge.

Noch drei Tipps: Die Höhlenstadt Wardsia im Süden des Landes wurde im 12. Jahrhundert als Festung in den Fels geschlagen und war ursprünglich für 50.000 Menschen angelegt – samt Wohnräumen, Bibliotheken, Bädern, Weinkellern und Kirche. Ein Erlebnis sondergleichen ist auch das kultige Josef-Stalin-Museum in Gori, dem Geburtsort des Dikators. Und für Wellness-Fans: Georgien punktet mit über 2400 heißen Mineralquellen – zahlreiche Kurorte laden mit Resorts zum Entspannen und Gesund werden ein.

Fünf Fragen an... Tilo Lamm, Co-Chef von Biss Aktivreisen aus Berlin

Sie bieten seit Ende der 80er Jahre Reisen nach Georgien an. Was macht den Reiz des Landes aus?
Tilo Lamm: Für viele Russen war Georgien zu Sowjet-Zeiten das Paradies schlechthin, das lag an der schönen Natur, der exzellenten Küche und der ansteckenden Lebenslust der Menschen. Obwohl Georgien touristisch noch sehr unerschlossen ist – oder genau deswegen –, sind unsere Gäste von der ursprünglichen Bergwelt sowie der überwältigenden Gastfreundschaft immer wieder begeistert.

Georgien ist ein Nischenziel. Welche Frage stellen Ihnen Interessierte am häufigsten?
In der Vergangenheit gab es immer wieder die Frage nach der Sicherheitslage. Die Kaukasus-Region galt als Kriegs- und Krisengebiet. Diese Frage wird heute überhaupt nicht mehr gestellt. Warum das so ist, weiß ich nicht. Außerdem war Georgien 2018 Gastland der Frankfurter Buchmesse.

„Für viele Russen war Georgien zu Sowjet-Zeiten das Paradies schlechthin.“
Tilo Lamm, Biss Aktivreisen

Legendär soll die georgische Gastfreundschaft sein. Warum?
Georgien ist einer der ältesten christlichen Staaten überhaupt, das orthodoxe Christentum spielt hier eine große Rolle. Ein Gast gilt als von Gott gesandt. Und mit Gott möchte es sich niemand verderben. Deshalb wird der Gast traditionell sehr gut behandelt.

Wie zeigt sich das zum Beispiel?
Georgier sitzen gern an reichlich gedeckten Tafeln, essen und trinken stundenlang Wein. An dieser georgischen Tafel lernt man nicht nur die enge Verbindung des Weins mit der georgischen Küche kennen, sondern auch die Kunst des Feierns und Genießens in Gesellschaft. Es kann vorkommen, dass man spontan eingeladen und üppig bewirtet wird, ohne dass die Gastgeber dafür eine Gegenleistung erwarten. Mitunter sind spontan vorbeikommende Gäste dann auch ein willkommener Anlass, um dieser Leidenschaft nachgehen zu können.
Georgien und die Corona-Krise
Georgien hat wegen der Coronavirus-Pandemie seit dem 18. März eine generelle Einreisesperre für alle ausländischen Staatsangehörigen verhängt. Laut Tilo Lamm (Biss Aktivreisen) steigt die Zahl der Infektionsfälle in dem Land stetig, aber langsam an. Aktuelle Infos gibt es beim Auswärtigen Amt.

Was ist Ihr Ausblick für das Reiseziel Georgien?
Schwer zu sagen. Ärmere Länder wie Georgien werden ja vermutlich noch viel länger mit den Auswirkungen der Corona-Krise zu kämpfen haben, als wir in Deutschland. Vermutlich wird es in Georgien keine Rettungspakete für die Wirtschaft geben, und auch das Gesundheitssystem ist schlechter aufgestellt als bei uns. Was unser Geschäft betrifft: Unsere Reisen werden generell nur von Mai bis Oktober angeboten. Die Mai-Termine sind vorerst noch nicht abgesagt. Es ist natürlich ein harter Einschnitt. Je länger es dauert, umso existenzbedrohender wird es, auch für unsere in der Regel sehr kleinen Partner in den Reiseländern.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats