Achterbahn 2.0

Virtual Reality erobert die Freizeitparks

Für den zusätzlichen Adrenalin-Kick: Mit einer VR-Brille wird die reale Strecke durch eine Fantasiewelt ersetzt – auf Fliehkräfte und Kurven muss man aber nicht verzichten.
Hochschule Kaiserlautern
Für den zusätzlichen Adrenalin-Kick: Mit einer VR-Brille wird die reale Strecke durch eine Fantasiewelt ersetzt – auf Fliehkräfte und Kurven muss man aber nicht verzichten.

Neues Erlebnis: Mittels Virtual Reality werten Freizeitparks ihre älteren Fahrgeschäfte auf und erschaffen so eine komplett neue Erfahrung für Besucher.

Eigentlich hat die Wilde Maus ihre besten Zeiten hinter sich. Doch bei der jüngsten Ausgabe vom Hamburger Dom stand der Achterbahn-Klassiker wieder im Rampenlicht: Denn erstmals sausten auch Gäste mit VR-Brillen über die Strecke und erlebten den Ritt im computeranimierten Universum der Wilden Maus.

Was auf einem Volksfest noch eine Rarität darstellt, ist in den Freizeitparks weltweit ein Trend. Hier wird Virtual Reality genutzt um in die Jahre gekommen Fahrgeschäfte aufzuwerten. 2015 feierte der Alpenexpress Coastiality, der weltweit erste VR-Coaster im Europa-Park Premiere. Davor war die älteste Achterbahn des Freizeitparks 31 Jahre als „Alpenexpress Enzian“ unterwegs.

Vom Freifallturm bis zur Wasserrutsche: Virtual Reality im Freizeitpark


Wie aus betagt künstliche Realität wird

Mit der Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf erleben die Achterbahn-Gäste in 360-Grad-Ansicht simulierte Fantasiewelten, müssen jedoch nicht auf Kurven, Fahrtwind und Fliehkraft verzichten. Drehungen, Wendungen, Abfahrten und Anstiege während der realen Fahrt werden mit Bluetooth-Technik eins zu eins mit den virtuellen Bildern synchronisiert. Sensoren registrieren jede Bewegung des Kopfes. Insbesondere der Eindruck von Fahrgeschwindigkeit und Dimensionen – wie zum Beispiel Höhe oder Größe – lässt sich mit VR-Brillen visuell täuschend echt imitieren und immens verstärken. Wissenschaftler sprechen von Immersion, wenn man eine virtuelle Umgebung als real empfindet.

„Aus einer kleinen Achterbahn kann man in der virtuellen Welt eine riesengroße machen. Wenn man zum Beispiel in der realen Welt 20 Meter den Berg hinunterfährt, sind es vielleicht 80 Meter Hang in der virtuellen Welt.“

So entsteht ein komplett neues Achterbahnerlebnis. Und ein sehr abwechslungsreiches: Inzwischen haben Passagiere des Alpenexpress Coastiality im Europa-Park zum Beispiel die Wahl zwischen sechs völlig unterschiedlichen VR-Szenarien, darunter eine Schlittenfahrt, eine Verfolgungsjagd oder eine Ostfrieslandtour mit den Ottifanten. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, der Neuigkeitsfaktor lässt sich mit neuen Simulationsfilmen immer wieder herstellen. 

Bahnbrechendes aus dem Pfälzerwald

Idee und Technik für die Revolution im Achterbahnfahren stammen aus Kaiserslautern. Als sich Thomas Wagner, Virtual-Design-Professor an der Hochschule Kaiserslautern und Geschäftsführer des Startups VR Coaster, nach 15-monatiger Tüftelei mit seinen Programmier-Studenten, dem Europa-Park und dem Achterbahnhersteller Mack Rides das erste Mal zur Testfahrt in den Alpenexpress Coastiality setzte, war das „lebensverändernd“, so Wagner. „Natürlich ist so eine Achterbahnfahrt immer sehr intensiv, aber in der virtuellen Welt ist das nochmal eine ganz andere Sache.“

In der Branche ist die Erfindung voll eingeschlagen. Von den USA und Mexiko über Australien und Japan bis nach Dänemark und Deutschland stehen die Parks Schlange bei VR Coaster. Klar, der Neubau einer Fahrtattraktion kostet deutlich mehr als ein VR-Upgrade, und bei den Besuchern kommt die Achterbahn 2.0. gut an.

Erstkontakt im Freizeitpark

Viele Besucher machen im Freizeitpark nicht nur ihre erste Erfahrung mit VR-Achterbahnen, sondern auch generell mit VR-Brillen. Wegen der relativ hohen Preise für die Headsets ist die Technologie in den Wohnzimmern nicht so weit verbreitet wie von der Industrie erhofft.

Heute ist VR Coaster Marktführer und rüstet Achterbahnen weltweit mit ihrer patentierten Hard- und Software auf. 2017 erhielt das Startup die Auszeichnung "Beste Innovation" beim Deutschen Computerspielepreis.

Abseits von Achterbahnen, Freifalltürmen und sogar Wasserrutschen kommen VR-Brillen auch bei langsameren Fahrgeschäften zum Einsatz. Für den Erlebnispark Schloss Thurn haben VR Coaster und der Trackingtechnologie-Spezialist HolodeckVR einen alten Autoscooter aufgemotzt. Im Steampunk VR Scooter können Gäste seit April diesen Jahres mit VR-Brillen nun in einer virtuellen Wildwest-Arena gegen andere Fahrer, aber auch Roboter antreten. Nach der Dinolino-Achterbahn ist der Autoscooter bereits die zweite VR-Attraktion im Familienpark.

Als Avatar zum Achterbahn-Bahnhof

Ein neues Level von Immersion haben VR Coaster und HolodeckVR abermals im Europa-Park geschaffen. Während man in den herkömmlichen VR-Achterbahnen die Brille erst im Fahrtgeschäft erhält, zieht man beim Eurosat Coastiality (seit September 2018) bereits vor dem Start das VR-Headset auf: Besucher laufen damit zum Bahnhofsbereich und steigen so auch in den Wagen der Achterbahn ein.
Damit dies überhaupt möglich ist, wurde die reale, physische Umgebung in der virtuellen Realität maßstabsgetreu nachgebaut. Hochsensible Tracker sorgen dafür, dass die Gäste nicht miteinander kollidieren: Man erkennt sich gegenseitig als digitalisierte Person, auch Avatar genannt.

Augmented Reality ist das nächste große Ding

Der nächste Trend steht schon in den Startlöchern: Mit Augmented Reality (AR) können virtuelle Gegenstände und Informationen in die echte Welt eingeblendet werden – die physische und die berechnete Realität verschmelzen also. Disney hat bereits angekündigt, in absehbarer Zeit AR-Erlebnisse mit Hilfe einer App in seinen Star-Wars-Themenparks zu integrieren.

„Unsere digitale Erlebniswelt spielt beim hautnahen Erleben, aber auch beim modernen Wissenstransfer eine wichtige Rolle. “
Sabine Haas von der ZOOM Erlebniswelt Gelsenkirchen
Ein AR-Vorreiter in Deutschland ist die Zoom Erlebniswelt. "Zoos, Freizeitparks und andere Freizeiteinrichtungen müssen die Menschen da abholen, wo sie sind, um ihre Besucher zu erreichen", sagt Sprecherin Sabine Haas. In der AR-Installation Green Planet können Besucher seit 2018 durch das Dickicht eines Dschungels schlagen: Sobald man die Aktionsfläche betritt, wird man gefilmt und zeitgleich in den 3D-Film mit Elefanten, Orang-Utans, Pandas und Komodowaranen eingebaut. So entsteht der Eindruck, dass man mit den Tieren interagieren und sie anfassen kann.

VR ist ein individuelles Erlebnis

Einen Vorteil von AR gegenüber VR sieht Ingrid Heik vom Hansa-Park: „Grundsätzlich favorisieren wir Augmented Reality. Anders als bei Virtual Reality bleibt so das intensivere gemeinsame Erleben erhalten“. Eine ähnliche Meinung vertritt Jessica Demmer vom Movie Park Germany: „Zu einem gewissen Grad schränkt die VR-Technik auch immer etwas die Interaktion mit der Familie oder den Freunden ein, die neben einem sitzen.“ Ein Grund, warum der Park nicht auf den VR-Zug mit aufspringt.
„Zwei VR-Fahrgeschäfte sind ausreichend“, meint dann auch Benedikt Graf von Bentzel, Geschäftsführer vom Erlebnispark Schloss Thurn. Für ihn stehe das gemeinsame Erleben im Fokus, die Kommunikation unter den Gästen nach dem VR-Erlebnis sei „das Entscheidende“.
Aus alt wird VR

In Deutschland gibt es derzeit fünf Virtual-Reality-Achtbahnen.

  • Alpenexpress Coastiality und Eurosat Coastiality (Europa-Park)
  • Dinolino's VR-Ride (Erlebnispark Schloss Thurn)
  • Wilde Maus XXL (wechselnde Orte)
  • Gletscherblitz (Steinwasen Park)
  • Ab Sommer 2019: Crazy Bats (Phantasialand)
Wegen technischen Schwierigkeiten wurde der 2018 eröffnete VR-Ride "Das große Lego-Rennen" im Legoland geschlossen.


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