Corona-Warn-Apps

Wenn der Staat zum Dauerbegleiter wird

Wer eine Tracing App geladen hat, wird gewarnt, wenn er in diie Nähe eines Infizierten gerät. In Europa ist die Teilnahme freiwillig.
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Wer eine Tracing App geladen hat, wird gewarnt, wenn er in diie Nähe eines Infizierten gerät. In Europa ist die Teilnahme freiwillig.

Mit Tracing Apps versuchen Länder, die Corona-Pandemie einzudämmen. Auch Einreisende müssen sie installieren – der Datenschutz ist dabei längst nicht immer gewährleistet.

Klein, aber technisch weit vorn: Der südostasiatische Stadtstaat Singapur hat zum 12. Mai 2020 die App "Safe Entry" eingeführt. Betritt man etwa ein Büro, ein Geschäft, eine Schule oder ein Krankenhaus, muss man sich über diese Anwendung anmelden.

Das gilt auch für Hotels oder Taxis – womit auch Reisende um die Tracing App (siehe Kasten) nicht herumkommen. Ziel ist es, im Fall einer bekannt gewordenen Infektion all jene möglichst rasch zu informieren, die Kontakt zu dieser Person hatten. Sie müssten sich dann testen lassen beziehungsweise in Quarantäne begeben.

Das Gefährliche dabei: Mit Hilfe dieser Apps lassen sich komplette Bewegungsprofile ihrer Nutzer erstellen. Den Staat haben Bürger und Besucher sozusagen immer in ihrer Hosentasche – als Dauerbegleiter, der jederzeit erfährt, mit wem der Smartphone-Besitzer gerade Kontakt hat. Nach Angaben des amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) setzen derzeit 22 Länder Tracing Apps ein.
Die Methoden unterscheiden sich allerdings teilweise grundlegend. Indien, Katar und China verpflichten ihre Bürger dazu, die Anwendungen zu nutzen. Mindestens in China sind sie auch für Einreisende Pflicht: Passagiere berichten, dass sie bereits an den Flughäfen bestimmte QR-Codes scannen mussten.

In den allermeisten Ländern ist die Nutzung jedoch freiwillig, und als Ziel geben Politiker und Virologen an, dass mindestens 60 Prozent der Menschen sie laden, damit sie ihre Wirkung entfalten kann. In Deutschland soll die Anwendung – von Telekom und SAP entwickelt – frühestens Mitte Juni zur Verfügung stehen.

App ermöglicht Daten-Spionage

Also Technik statt Lockdown? Handy-Apps statt geschlossener Grenzen, Hotels und Restaurants, sollte es zu einer zweiten Corona-Welle kommen? Was in gesundheitlicher Hinsicht gut klingt, kann sich zum Horror für die Freiheitsrechte und Privatsphäre des Einzelnen entwickeln – nämlich dann, wenn der Datenschutz hintantritt. Auch für geschäftsreisende Unternehmen stellen sie eine erhebliche Gefahr dar: Dank der App erfährt das Gastland aus erster Hand von ihren wirtschaftlichen Aktivitäten.

"Wenn die Behörden, mit wem ich mich treffe, dann können sie daraus natürlich entsprechende Schlussfolgerungen ziehen", formuliert es ein deutscher Travel Manager. Diese können negativ für das Unternehmen sein, weil daraus möglicherweise geplante Aufkäufe oder Strategien ableitbar sind. In totalitären Staaten wie China können sie aber auch für die einheimischen Gesprächspartner böse enden.
Was Tracing von Tracking unterscheidet
Lesen Sie hier, wie Tracing Apps funktionieren, welche Systeme es gibt und was sie vom klassischen Tracking unterscheidet.
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"Würde die chinesische Regierung mitbekommen, dass ich sowohl mit einem Staatskonzern als auch mit einem Privatunternehmen über ein geplantes Geschäft verhandle", so der Travel Manager, "dann könnte dies für das Privatunternehmen üble Folgen haben." Und eventuelle Treffen mit Oppositionellen würden sofort aufgedeckt – wobei gut funktionierende Diktaturen darüber wohl auch ohne Tracing App Bescheid wissen.

Verletzung der Persönlichkeitsrechte

Hinzu kommt, dass ein Zwangs-Tracing die Persönlichkeitsrechte des (deutschen) Reisenden verletzen würde. "Schon rein rechtlich könnten wir daher keine Mitarbeiter zwingen, in ein Land zu reisen, in denen die Anwendung obligatorisch ist", sagt der Geschäftsreiseplaner eines anderen Unternehmens.

Und schließlich droht noch die Gefahr des unmittelbaren Datendiebstahls und der Spionage, den die zwangsinstallierten Apps möglich machen. "Dienstreisende werden hier ihre Vorbereitung überdenken müssen und entscheiden, welche digitalen Endgeräte sie künftig auf Reisen mitnehmen werden", sagt Julius Heintz, Inhaber des Visumdienstleisters DVKG. "Es ist beispielsweise nicht ausgeschlossen, dass Vielreisende mehrere Smartphones, Tablets und Notebooks für bestimmte Destinationen besitzen werden." 

Mehr Macht für US-Konzerne

Gefahr droht aber auch in den westlichen Demokratien. Zwar hat sich die Europäische Union nach wochenlangen Debatten gegen eine zentrale Datensammlung entschieden und will ihre Systeme lieber dezentral ausrichten, also jeweils nur auf den Handys der Nutzer (siehe Kasten). Dies wiederum funktioniert angesichts des weltweiten Oligopols bei den Betriebssystemen aber nur mit Hilfe von Google und Apple.

Damit schreiben diese beiden Konzerne den Regierungen vor, wie Corona-Daten gespeichert und ausgewertet werden, und werden gleichsam "zur virtuellen Passbehörde der Welt", wie es der Finanzexperte Norbert Häring befürchtet. Gegen zentrale Lösungen, wie sie Australien oder Großbritannien bieten, sperren sich Apple und Google – diese Apps lassen sich auf Android und iOS schlicht nicht laden und sind daher kaum verbreitet.

Zumindest vor einem "durch die Corona-Bekämpfung legitimierten Einfallstor für Staaten", Zugriff auf private Daten zu erhalten, warnt auch Heintz. Ohne dabei die positive Seite der Tracing Apps zu verschweigen: die Hilfe bei der Eindämmung der Pandemie. So sehen Virologen wie Christian Droste von der Berliner Charité in der (freiwilligen) Nutzung einen hohen medizinischen Mehrwert.

Zumal hinter möglichen Datenschutzlücken längst nicht immer böser Wille steckt. "Viele dieser Anwendungen sind schnell entwickelt worden", sagt der DVKG-Chef: "Sicherheitsrevelante Fragen hatten da vielleicht nicht immer hohe Priorität."

Tracing-App-Flickenteppich

Ein weiteres Problem für Geschäftsreisende ergibt sich, wenn es zu einem Flickenteppich an Tracing Apps kommt und für jedes Land eine separate Anwendung geladen werden muss. Zwar hat sich die EU inzwischen auf die dezentrale Lösung als gemeinsamen Standard geeinigt, doch manche Länder haben bereits zuvor eigene zentrale Lösungen gebaut.

Gerade die französische App "Stop Covid" stößt zusätzlich bei Datenschützern auf Bedenken. Sie befürchten, dass die auf zentralen Servern lagernden Daten leichter in die Hände des Staates gelangen.


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