Unternehmenskultur

Wie Führungskräfte besser aus der Krise kommen

Mitarbeiterbindung ist ein Top-Thema für Michael Vivell, Geschäftsführer Derpart Reisebüro Vivell in Landsberg am Lech.
Julian Leitenstorfer
Mitarbeiterbindung ist ein Top-Thema für Michael Vivell, Geschäftsführer Derpart Reisebüro Vivell in Landsberg am Lech.

Corona hat den Wandel der Führungskultur vorangetrieben, heroische Macher sind in der Krise weniger gefragt. Worauf Führungskräfte gerade jetzt achten sollten.

Der Corona-Lockdown traf das Reisebüro wie eine Vollbremsung von 100 auf null. Und doch hatten die letzten 15 Monate für Michael Vivell auch etwas Gutes: "Wir haben uns gegenseitig geholfen und unter die Arme gegriffen, alle haben dieses Gefühl, dass wir die Krise nur gemeinsam durchstehen", erzählt der Reisebüro-Chef aus Landsberg am Lech. Statt sich um seine Kunden zu sorgen, fürchtete er sich vor allem davor, seine 14 Fachkräfte zu verlieren.

Um den Kontakt zu halten, organisiert er regelmäßige virtuelle Treffen. "Hier geht es auch um Privates, es ist ein sehr offener und ehrlicher Austausch", sagt Vivell, der seinen Führungsstil mit den Worten Vertrauen, Sicherheit und Perspektive umreißt. Für ihn ist heute klarer den je: "Mit einer guten Vertrauenskultur kommt man viel besser durch eine Krise."

Tatsächlich schlägt in dieser Krise nicht die Stunde der "heroischen Macher" früherer Zeiten, sondern es ist die Stunde der vermittelnden, kooperativen Führungskräfte. "Krisen können für Beschäftigte wie auch für ihre Führungskräfte traumatisch sein", sagt Benjamin Jost, Chef der Gästebewertungsplattform Trust You. Um so eine Situation zu meistern, sei eine "empathische Haltung" unerlässlich.

"Eine offene und ehrliche Kommunikation ist viel wertvoller, als vorzugeben, die Situation bestens unter Kontrolle zu haben. Hier gilt für Führungskräfte, ihre verletzliche Seite zu zeigen und sich als Mensch zu präsentieren", sagt Jost. Wer sich dann noch täglich mit seinem Team kurzschließe, dieses regelmäßig auf dem Laufenden halte und so ein Gespür für die aktuelle Stimmungslage entwickle, sorge für einen besseren Zusammenhalt in der Krise.

Um das Unternehmen aus dem Krisenmodus zu führen, geht es zunächst darum, schrittweise seinen Blick und seine Ressourcen nach vorn auszurichten. "Jetzt ist der Zeitpunkt für eine Energiebilanz gekommen", sagt der Trendforscher Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut. Führungskräfte müssten analysieren, wie die Krisenbewältigung lief, wo es Schwachstellen gibt und wo Stärken liegen, auf die künftig aufgebaut werden kann.

Den Drang vieler Chefs, jetzt noch mehr auf Leistungssteigerung, Effizienz und optimierte Prozesse zu setzen, nennt Gatterer dagegen kurzsichtig. Stattdessen sollte sie sich mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen: Was geschieht mit unserer Arbeitsweise, wenn sich Büroarbeit durch Digitalisierung tatsächlich massiv verändert? Wie verändern sich unsere Wertschöpfungsmodelle, wenn ganze Marktsegmente einbrechen? Wie reagieren wir, wenn sich die Absatzchancen gesamter Produktkategorien verändern?

Ein Weiter-so oder Zurück in die alte Arbeitswelt wird kaum möglich sein. Corona hat die Digitalisierung und Vernetzung der Arbeit entscheidend vorangetrieben, auch in Zukunft gibt es mehr flexibles oder mobiles Arbeiten. "Eine der Hauptanforderungen in der nächsten Zeit besteht darin, wirklich zuzuhören – meinem Team und meinen Kunden", sagt Trust-You-Chef Jost.

Digitalisierung schafft neue Freiräume. Gatterer: "So können wir uns wieder verstärkt der Fantasie und dem persönlichen Austausch, kreativen und sozialen Tätigkeiten widmen." Führung müsse sich in Zukunft wieder auf dieses "originär Menschliche beziehen und Menschlichkeit als Potenzial, als wertvolle Ressource sehen", sagt der Zukunftsforscher. Das bedeute nicht nur, die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Menschen mit individuellen Stärken, Schwächen und Bedürfnissen zu verstehen, sondern auch sich selbst als Führungskraft wieder mehr als Mensch und weniger als rationaler Entscheider zu begreifen.

Vivell sieht denn auch Corona "als Weckruf für Veränderung". Der Reisebüro-Chef hat für sich persönlich seine Arbeitszeit reduziert, seine Ernährung umgestellt, ein neues Rennrad gekauft und macht so viel Sport wie nie. Im Büro hat er die Zukunftsthemen Nachhaltigkeit, Buchungsentgelte und Terminberatung angeschoben. Vivell: "Und das Schönste ist, dass nach 15 Monaten Krise mein Team noch da ist!" Einen Dreh- und Angelpunkt sieht er in Zukunft darin, wie weit hybrides Arbeiten gelingt. "Hier zeigt sich in den nächsten Monaten, wer einen Schritt weitergekommen ist."
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