Roundtable

Reisebüro-Azubis erklären, was sie heute motiviert

Die Zahl der neuen Reisebüro-Azubis ist in der Coronakrise 2020 stark gesunken. Dabei haben Arbeitgeber einige Hebel, um den Nachwuchs für die Branche zu begeistern.
GettyImages
Die Zahl der neuen Reisebüro-Azubis ist in der Coronakrise 2020 stark gesunken. Dabei haben Arbeitgeber einige Hebel, um den Nachwuchs für die Branche zu begeistern.

Wie fühlt es sich an, mitten in der Corona-Krise eine Lehre im Reisebüro zu starten? Zwei Azubis berichten von ihren ersten Monaten, dazu gibt ein Fachlehrer Motivationstipps für Arbeitgeber.

Die meisten Freunde haben nicht verstanden, warum Maxine Sophie Lengers eine Ausbildung im Reisebüro machen will. Da bucht man doch nicht, geht doch alles online. Der jungen Frau war das egal. Nach einem Reisebüro-Praktikum stand ihr Berufswunsch fest.

Jetzt startete sie im August ihre Ausbildung im Alltours Reisecenter Coesfeld. Trotz Corona-Krise. "Ich durfte gleich in der ersten Woche auf eine Info-Reise mit nach Bulgarien fliegen", schwärmt sie. Eine Überraschung vom Chef. "Mit solchen Erfahrungen kann ich später die Kunden viel besser beraten", findet sie.

Sie hatte Glück. Azubi Mario Mamic, der seit Februar im Reisebüro Timmermann in Unna lernt, war noch nicht unterwegs. Mamic: "Die meisten Info-Reisen werden coronabedingt abgesagt." Von seinem Chef fühlt er sich dennoch gut unterstützt. "Er ermutigt mich immer wieder und würde die Reise auch bezahlen." Allein: Es fehlen die Angebote für Auszubildende, bedauert Mamic, der über einen Job im Hotel zum Reisebüro kam.

Diesen Engpass kritisiert auch der Hamburger Berufsschullehrer Dirk Aufermann, der sich zudem im ASR-Verband für den Branchennachwuchs engagiert. "Es gibt viel zu wenig Info-Reisen für Azubis, hier muss massiv aufgestockt werden", fordert Aufermann. Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, sollten auch die Unternehmen selbst in die Bresche springen: "Sie könnten zum Beispiel damit werben, dass jeder Azubi eine Fernreise macht."

Reisen motiviert, zumal üppige Gehälter besonders in kleinen Büros "einfach nicht machbar sind", weiß Aufermann. Abgesehen davon bezweifelt er, dass höhere Gehälter automatisch mehr junge Menschen in die Branche ziehen könnten. "Entscheidend sind vielmehr persönliche Wertschätzung und individuelle Goodies", findet Aufermann. Pauschale Motivationsrezepte für alle gebe es dagegen nicht.

"Fliegt der Azubi in den Urlaub, könnte der Chef den Mietwagen spendieren." Macht jemand Sport, motivieren Fitness-Gutscheine. Und eine Auszubildende, die Pferdesport macht und Turniere reitet, freut sich darüber, wenn sie das ganze Jahr an ihren Turniersamstagen frei hat. "Was wen motiviert, ist sehr individuell", sagt Aufermann. Eins sei in allen Fällen gleich: Fühlen sich Azubis richtig motiviert und gefördert, spricht sich das herum.
Azubis wollen realistische Informationen
Die Corona-Krise hat den Trend zum Kandidatenmarkt in der dualen Ausbildung nicht gebrochen: 71 Prozent der befragten Azubis haben mehr als ein Angebot bekommen, zeigt die aktuelle Studie "Azubi-Recruiting-Trends 2021" von U-Form Testsysteme. Und welche Arbeitgeber machen das Rennen? Laut Studie wünschen sich potenzielle Azubis in der Bewerbungsphase vor allem belastbare Informationen. Diese erhalten sie nicht immer. So möchten zwei Drittel über Verdienstmöglichkeiten nach der Übernahme informiert werden, doch nur bei sechs Prozent der Ausbildungsbetriebe finden sie dazu Angaben auf der Karriere-Website. Auch vom coronabedingten Trend zu Bewerbungsgesprächen per Video sind junge Bewerber nicht begeistert: 87 Prozent ziehen das persönliche Gespräch vor. Dagegen wollen 51 Prozent der befragten Ausbilder an den Video-Interviews auch nach Corona festhalten. Insgesamt wird ein geschöntes Bild in der Bewerbungsphase kritisiert: Nur ein Drittel der Azubis gibt an, dass die Arbeitswirklichkeit voll und ganz dem entspricht, was zuvor angekündigt wurde.

Dass sich heute immer weniger Schüler für eine Ausbildung am Counter interessieren, finden sie schade. Die Berufsschulklasse von Mamic zählt nur fünf Reisebüro-Azubis, bei Lengers sind es immerhin 15.

Die Corona-Krise sorgte 2020 für einen nie dagewesenen Rückgang an neuen Reisebüro-Azubis. Bundesweit begannen im vergangenen Jahr 621 Nachwuchskräfte ihre Ausbildung als Tourismuskaufmann oder -frau, so die Statistik des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Im Vergleich zum Vorjahr waren es 1000 Reisebüro-Azubis weniger – ein Minus von 62 Prozent. Für das aktuelle Jahr liegen noch keine Daten vor, doch eine Erholung gilt als unwahrscheinlich.

Einen Knackpunkt sehen die Azubis darin, dass die Berufsorientierung in Corona-Zeiten erschwert war. Karrieremessen fielen aus, Praktika waren kaum möglich. Um ihre Ausbildung und die Vielfalt des Jobs bekannter zu machen, wünscht sich Lengers mehr Engagement der Reisebüros: "Ich habe damals mehrere Karrieremessen besucht und kein einziges Reisebüro gesehen – dafür aber jede Menge Versicherungen oder Banken."

Und nicht zuletzt ist die Begeisterung der Azubis selbst die beste Werbung: "Der Beruf ist so vielseitig, jeder Kunde ist anders, und ich darf schon vieles selbstständig machen", schwärmt Lengers. Mamic freut sich, dass er "richtig gut" eingearbeitet worden und immer jemand da sei, wenn er mal nicht weiterkomme. Aufermann lächelt: "Glückliche Azubis, die ihre Erfahrungen weitergeben, sind am Ende die besten Influencer für die ganze Branche."

Sie können diese Nachricht nicht mehr kommentieren.



stats