Klaus Gengenbach

Wie ein Senior-Experte Azubis unterstützt

Tourismus-Urgestein Klaus Gengenbach war vor seinem Ruhestand viele Jahre bei Dertour sowie bei der Hotelgesellschaft Robinson Club tätig. Heute engagiert er sich ehrenamtlich beim Travel Industry Club und im SES.
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Tourismus-Urgestein Klaus Gengenbach war vor seinem Ruhestand viele Jahre bei Dertour sowie bei der Hotelgesellschaft Robinson Club tätig. Heute engagiert er sich ehrenamtlich beim Travel Industry Club und im SES.

Ruhestand bedeutet für Tourismusurgestein Klaus Gengenbach alles außer Ruhe. Er bleibt der Branche als freiwilliger Senior-Experte treu und unterstützt Azubis sowie touristische Betriebe weltweit.

Experte für den Unruhestand – so nennt er sich selbst. Nach einem ganzen Berufsleben im Tourismus kann sich Klaus Gengenbach auch heute als Rentner nicht von der Branche trennen und ist ehrenamtlich in einigen Hilfsprojekten aktiv. Damals war er verantwortlich für die Markeneinführung von Dertour und später Bereichsleiter für Marketing und Vertrieb bei der Hotelgesellschaft Robinson Club.

Während die allermeisten sich im Ruhestand tatsächlich zur Ruhe setzen, bereist der 70-Jährige nun weiterhin die Welt und engagiert sich unter anderem seit 2016 beim Senior Experten Service (SES), einer Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit, die sich für touristische Unternehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern sowie für Azubis der Tourismusbranche innerhalb Deutschlands einsetzt.
„SES-Experten werden mit Wertschätzung und Dankbarkeit vergütet.“
Klaus Gengenbach

"Wenn man wie ich im Unruhestand ist, kann man Menschen mit seinem Know-how und seiner Zeit weiterbringen", sagt Gengenbach im Gespräch mit fvw|TravelTalk. Ihm sei immer klar gewesen: Als Rentner wolle er sich Herausforderungen stellen und sich für etwas Bedeutendes einsetzen. Ehemalige Kollegen aus dem Tourismus machten ihn letztlich auf den SES aufmerksam. Schon vorher hatte er sich bei der gemeinnützigen Organisation Travel Industry Club engagiert.

Eine Chance für junge Ausbildungsabbrecher

Er interessierte sich für Menschen. Da sei es naheliegend, sich als Senior-Experte einzusetzen. "Speziell für junge Fachkräfte in der Ausbildung hat der SES das Projekt Vera aufgesetzt, das Senior-Experten mit Auszubildenden zusammenbringt, denen ein Abbruch ihrer Lehre droht", erklärt Gengenbach. Laut dem aktuellen Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung brachen 2020 bundesweit 25 Prozent der Auszubildenden ihre Lehre ab.

Verzweifelte Nachwuchskräfte können sich beim SES bewerben und werden daraufhin an einen Experten wie Gengenbach mit passendem Fachgebiet weitervermittelt. Sie sollen durch das Vera-Programm in gemeinsamen Sitzungen von der Erfahrung ihrer Mentoren profitieren. "Wir besprechen mit den Azubis Hausaufgaben, erklären ihnen Fachbegriffe und bereiten sie auf Prüfungen vor", sagt Gengenbach. Rund 20.000 Paare konnte das Projekt Vera bereits zusammenführen.

"Ich habe bereits einige Azubis betreut, etwa einen Jungen aus Pakistan mit Ausbildung zur Service-Kraft im Gastgewerbe oder einen syrischen Lehrer mit zehn Jahren Berufserfahrung, dessen Ausbildung in Deutschland aberkannt wurde." Ihnen hat Tourismusexperte Gengenbach via SES-Vera zum Abschluss sowie mithilfe seines Netzwerks zu passenden Stellen verholfen. "Bei unseren Treffen arbeiten wir ganz vertrauensvoll zusammen, und die Nachwuchskräfte können auch mal ungeschickte Fragen stellen."
So helfen Senior-Experten
Der Senior Experten Service (SES) ist eine gemeinnützige Institution, die in erster Linie ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit an hilfebedürftige Unternehmen entsendet. Je nach eigenem Fachgebiet unterstützen die Senior-Experten etwa kleine und mittelständische Unternehmen, Bildungseinrichtungen oder Wirtschaftsverbände in Schwellen- und Entwicklungsländern.

12.700 Fachkräfte im Ruhestand mit diversen Expertengebieten entsendete der SES bisher auf etwa 63.400 Einsätze weltweit. Nach dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" nehmen diese vor Ort für drei Wochen bis sechs Monate beratende Funktionen ein. Seit 2017 bietet der SES diesen Service mit der Initiative Weltdienst 30+ auch für ehrenamtliche Fachleute im mittleren Alter an.

Innerhalb Deutschlands stellt der SES im Zuge des Projekts Vera Senior-Experten für die Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen. Die Profis betreuen, begleiten und unterstützen kostenfrei Auszubildende, die vor dem Abbruch stehen, um sie zum erfolgreichen Berufsabschluss zu führen. Bisher wurden 20.000 Azubis größtenteils mit Migrationshintergrund vermittelt.

Häufig beschäftigen sich die SES-Profis aber auch mit tief greifenden Probleme ihrer Schützlinge: "Wir SES-Experten sind meist nicht nur Nachhilfelehrer, sondern auch Coach, Mentor und Ersatzfamilie", sagt Gengenbach. "Der junge Pakistani, den ich betreut habe, ist ohne seine Familie nach Deutschland eingewandert und kannte hier niemanden. Da spiele ich auch schon mal den Ersatzonkel." Der Pakistani habe in der Heimat nur fünf Jahre eine Schule besucht. Dreisatz, Prozentrechnung, Deutsch und Fachbegriffe: Gengenbach half ihm, Grundlagen zu lernen, und bereitete ihn mit Prüfungsbögen auf den Abschluss vor.

So wie der Junge aus Pakistan besitze ein Großteil der Azubis im Vera-Programm einen Migrationshintergrund, habe keine Ansprechpartner in Deutschland und sehe sich mit Sprachbarrieren konfrontiert, erzählt Gengenbach. Das größte Problem in der Ausbildung sei meist die anspruchsvolle Prüfungssprache, gepaart mit mangelnden Deutschkenntnissen der Auszubildenden.

Auch die Rücksprache mit den Betrieben steht daher für Gengenbach auf dem Plan. "Oft bleibt die Familie der Azubis im Heimatland, und dann fehlt es ihnen an Rückhalt. Viele Betriebe geben dann nicht ausreichend Unterstützung", sagt Gengenbach. Beim Erfahrungsaustausch mit den Unternehmen gibt er Verbesserungsvorschläge zur Unterstützung der Auszubildenden sowie zu Prüfungsinhalten und Sprache.

Mit Gengenbachs Hilfe hat der junge Pakistani seinen Abschluss heute in der Tasche. Aufgrund von Stellenkürzungen habe ihn sein Ausbildungshotel jedoch nicht einstellen können, erzählt Gengenbach. Nach erfolgloser Jobsuche habe er sich letztlich arbeitslos gemeldet und sei beinahe abgeschoben worden. "Ich habe dann einen alten Robinson-Kollegen angeschrieben, der Kontakte zu einem Hotel hat, wo sich der Junge beworben hatte. Der hat dann die Bewerbung weitergeleitet, und anschließend wurde er dort eingestellt."

Häufig endet der Kontakt zwischen Azubi und Senior-Experten nicht mit dem Ausbildungsabschluss. Viele der Profis stehen ihren Schützlingen auch darüber hinaus mit ihrem Know-how und Netzwerk zur Seite.

Einsatz für Touristiker im Ausland weltweit

Über das Projekt Vera hinaus betreut Klaus Gengenbach im Rahmen des SES zudem lokale und mittelständische Touristiker in Schwellen- und Entwicklungsländern in Sachen Marketing, Vertrieb und Social Media. Zwölf Einsätze mit einer Dauer von drei Wochen bis sechs Monaten hat er bereits absolviert.

In der Mongolei etwa half er einem sogenannten Ger-Camp, einem Campingplatz mit traditionellen Rundzelten, beim Online-Marketing. "Das Camp besaß zuvor fünf verschiedene Visitenkarten sowie drei Websites, und überall hieß es anders. Das war online natürlich überhaupt nicht auffindbar", erzählt Gengenbach und beginnt zu lachen.

In Bali trainierte er Lehrkräfte einer Hotelfachschule und stand ihnen bei der Implementierung eines dualen Systems zur Seite. In der Ukraine half er bei der Konzepterstellung für das Stadtmarketing der Kommune Rivne. Und in Casablanca unterstützte er die Stiftung einer Moschee bei der Entwicklung eines Kommunikationskonzepts für touristische, soziale und kulturelle Abteilungen. Die Liste lässt sich fortsetzen. Mehr über seine Erlebnisse mit dem Senior Experten Service im Ausland verrät Gengenbach im Podcast "Gelassen älter werden".

75 Prozent der Azubis, die am Projekt SES Vera teilnehmen, schaffen mit Unterstützung eines Senior-Experten ihren Abschluss.

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