Kurzarbeit

Touristiker sorgen für Boom bei Weiterbildung

Viele Touristiker nutzen die Pandemie, um sich online weiterzubilden.
Getty Images
Viele Touristiker nutzen die Pandemie, um sich online weiterzubilden.

Immer mehr Reiseprofis nutzen ihre derzeitige Kurzarbeit für Weiterbildungen, um sich für die Zukunft besser aufzustellen. Besonders gefragt sind Angebote zum Tourismusfachwirt.

Sie hat schon einige Umstrukturierungen und Sparrunden miterlebt, aber nie so etwas wie jetzt. "Ich habe das erste Mal Angst um meinen Job", sagt Melanie Weinel, Assistentin eines Vertriebsleiters bei der Deutschen Lufthansa. Schon seit März 2020, dem Beginn der Corona-Krise ist sie in Kurzarbeit und arbeitet nur noch einen Tag in der Woche. Einfach abwarten, bis die Krise vorbei ist, kam für sie nicht in Frage: "Ich möchte mich für die Zukunft besser aufstellen", sagt Weinel. Mit ihrer Weiterbildung zur Tourismusfachwirtin an der Schule für Touristik ist sie fast fertig, parallel begann sie einen Kurs zur Betriebswirtin. "Ich habe im Moment ja viel Zeit", lächelt sie.

Damit ist sie nicht allein: In der Branche ist Kurzarbeit an der Tagesordnung. Freizeit, die immer mehr Beschäftigte für Bildung nutzen. "Touristiker sind einfach unerschütterliche Optimisten, die nach vorne schauen", freut sich Petra Weigand-Datz von der Schule für Touristik. Davon profitiert vor allem die Weiterbildung zum Tourismusfachwirt. "2020 kletterte die Teilnehmerzahl auf 120, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 103 Prozent", berichtet die Schulleiterin. Auch bei anderen Bildungsanbietern wie der Deutschen Angestellten Akademie (DAA), dem IST-Studieninstitut oder der Fernakademie Touristik ist der Tourismusfachwirt gefragt.

Dabei hat die Pandemie auch den Weiterbildungsmarkt durcheinander gewirbelt. Der Präsenzkurs von Melanie Weinel läuft jetzt online. Weinel: "Ich bin glücklich, dass es weitergeht." Dafür hat die Schule für Touristik ein neues Format entwickelt. "Im neuen Onlinekurs wurde darauf geachtet, dass sich Teilnehmende und Dozenten in virtuellen Räumen treffen und austauschen können", erklärt die Schulleiterin Weigand-Datz. Die neue Version habe sich bewährt. Auch an der DAA hat man mit der Umstellung von Präsenz- auf Online-Unterricht gute Erfahrungen gesammelt. Koordinator Christian Schlaghecke setzt auf Hybrid-Unterricht und will diesen auch in Zukunft für bestimmte Inhalte beibehalten.

Neue Konzepte brauchten Fernkurs-Anbieter dagegen nicht. "Bei uns läuft alles nach Plan", sagt Michael Schröder, Leiter der Fernakademie Touristik. Er bietet generell keine Vor-Ort-Seminare an. Das IST-Studieninstitut musste lediglich ein paar Präsenztermine rund um die Prüfung ins Web verlegen. "Uns ist es sehr wichtig, dass alle ohne Unterbrechung weiter studieren können", so das IST. Besonders beliebt seien Zertifikatskurse über Destinationsmanagement und nachhaltigen Tourismus. "Viele Touristiker wollen in einem kurzen Zeitraum ihre Kenntnisse vertiefen oder erweitern", so das IST.

Den Boom beim Fachwirt sieht Schlaghecke von der DAA nicht unkritisch: "Manche Touristiker wollen in der Krise einfach irgendetwas machen und wissen gar nicht, was der Fachwirt-Kurs wirklich bedeutet." Für so eine Fortbildung müsse man jedoch "brennen" und ein Ziel vor Augen haben. Die Weiterbildung ist anspruchsvoll, nicht zuletzt erhalten IHK-geprüfte Tourismusfachwirte gleichzeitig den Titel Bachelor Professional. Durch den europäischen und deutschen Qualifikationsrahmen ist der Fachwirt dem Bachelor-Abschluss mittlerweile gleichgestellt.

Es geht um Themen wie Personalführung, betriebswirtschaftliche Steuerung, Projektmanagement und Marketing – eine Qualifikation für angehende Führungskräfte oder künftige Selbstständige. "Der Kurs hat meinen Horizont unglaublich erweitert", erzählt Weinel, die kurz vor ihrem Abschluss steht. Heute habe sie einen anderen Blick auf Unternehmen, das Management und die Branche. Natürlich weiß sie nicht, wie es mit ihrem Job weitergeht. Angst vor der Zukunft hat sie trotzdem nicht: "Ich habe die Zeit gut genutzt!"

Sie können diese Nachricht nicht mehr kommentieren.



stats