Corona-Folgen für die Touristik

Es gibt dramatisch weniger Azubis

Schwierige Zeiten für den Nachwuchs: Durch die Pandemie rutschte die Zahl der neuen Azubis auf ein historisches Tief.
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Schwierige Zeiten für den Nachwuchs: Durch die Pandemie rutschte die Zahl der neuen Azubis auf ein historisches Tief.

Jetzt ist es amtlich: Die Corona-Krise sorgte in der Touristik für einen nie dagewesenen Rückgang an neuen Auszubildenden. Auch für 2021 sieht es düster aus. Dabei gibt es neue Anreize auszubilden.

Der Nachwuchs bleibt in der Pandemie zunehmend auf der Strecke. Im Vergleich zu 2019 ging die Zahl aller neuen Ausbildungsverträge 2020 branchenübergreifend um neun Prozent zurück. Ein Minus, von dem die Touristik nur träumen kann: Die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge für angehende Tourismuskaufleute rauschte um 62 Prozent in den Keller. Im Vergleich zu 2019 ein Verlust von mehr als 1000 Reisebüro-Azubis, so die Statistik des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Dieser Rückgang sei "mehr als nur besorgniserregend", sagt Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV). Je länger der Lockdown andauere und von touristischen Reisen abgeraten werde, umso prekärer werde die Situation für die Auszubildenden. Viele Unternehmen kämpfen derzeit um ihre Existenz. "In dieser Lage fällt es ihnen verständlicherweise schwer, für die nächsten drei Jahre Verantwortung für einen jungen Menschen zu übernehmen und eine qualitativ hochwertige Berufsausbildung anbieten zu können", erklärt Fiebig.

Für den Azubi-Jahrgang 2021 sieht es entsprechend düster aus. Reisebüros und Veranstalter warten ab, FTI und TUI wollen sich noch nicht konkret äußern. DER Touristik kündigt bereits jetzt an, diesen Sommer "ausnahmsweise" keine Auszubildenden einzustellen. Im Konzern hoffe man aber, dass die Entwicklung es 2022 wieder zulasse.

Es droht ein Corona-Jahrgang, den nicht nur Arbeitsminister Hubertus Heil dringend verhindern will. Er appelliert seit Monaten an die Wirtschaft, auch in der Corona-Krise auszubilden, um zukünftigen Fachkräftemangel zu umgehen. Das Bundesförderprogramm "Ausbildungsplätze sichern" wurde aufgestockt. Damit gebe es für die neuen Azubis 2021 mehr Förderungsmöglichkeiten, die Prämien für ausbildende Unternehmen wurden verdoppelt.
Bund: Förderprogramm bietet mehr Zuschüsse
Ausbildungsprämie: Betriebe, die im neuen Ausbildungsjahr 2021 genauso viele Ausbildungsplätze besetzen wie in den drei Vorjahren, erhalten für jeden neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag 4000 Euro. Voraussetzungen sind hohe Umsatzeinbußen durch Corona oder wenigstens ein Monat Kurzarbeit. Bekamen bislang nur kleine und mittelständische Betriebe die Prämie, sind jetzt auch Unternehmen mit bis zu 499 Beschäftigten förderberechtigt.
Ausbildungsplatzprämie: Wer sein Angebot an Lehrstellen im Vergleich zu den drei Vorjahren anhebt, erhält für jeden zusätzlichen Ausbildungsvertrag eine Prämie von 6000 Euro. Es gelten die gleichen Voraussetzungen wie bei der Ausbildungsprämie.
Sonderzuschuss: Kleinstbetriebe mit bis zu vier Mitarbeitern, die im zweiten Lockdown ihr normales Geschäft weitgehend einstellen mussten, bekommen pauschal 1 000 Euro, wenn sie ihre Ausbildungstätigkeit für mindestens 30 Tage fortgesetzt haben.
Übernahmeprämie: Wer bis Ende 2021 Auszubildende aus einem Insolvenzfall auch bei pandemiebedingter Kündigung oder bei Abschluss eines Auflösungsvertrags unterstützt, bekommt pro übernommenem Azubi 6000 Euro.
Gehaltszuschuss: Unternehmen, die ihre Auszubildenden trotz Corona-Belastungen weiter ausbilden, erhalten 75 Prozent der Brutto-Ausbildungsvergütung für jeden Monat, in dem der Arbeitsausfall mindestens 50 Prozent beträgt. Die Azubis dürfen nicht von Kurzarbeit betroffen sein. Neu ist, dass künftig auch Zuschüsse zur Vergütung der Ausbilderin oder des Ausbilders gezahlt werden können, wenn diese nicht in Kurzarbeit gehen.
Prüfungskurse: Künftig werden für pandemiebetroffene Unternehmen die Kosten für externe Abschlussprüfungsvorbereitungskurse für Auszubildende zur Hälfte bezuschusst– maximal mit 500 Euro.

Ob solche Prämien das Ruder herumreißen könnten, ist allerdings fraglich. "Eine Prämie wird die Situation nicht grundlegend verbessern", ist DRV-Präsident Fiebig überzeugt. Stattdessen brauche die Reisewirtschaft neue Perspektiven und eine verlässliche Öffnungsstrategie. Fiebig: "Nur wenn Unternehmen wissen, wann und wie sie wieder arbeiten dürfen, können sie sich ernsthaft Gedanken darüber machen, wieder auszubilden."

Darüber hinaus fordert die Allianz selbständiger Reiseunternehmen (ASR) konkrete Nachbesserungen am Bundesprogramm: Unternehmen sollten den Zuschuss zur Ausbildungsvergütung auch nachträglich beantragen können, und die Übernahme von Fort- und Weiterbildungskosten durch den Staat müsse vereinfacht werden. "Weiterbildungskonten für berufliche Weiterbildung sind die effektivste Lösung für Auszubildende, um die Krisenzeit zu überbrücken", findet Berufsschullehrer und ASR-Bildungsexperte Dirk Aufermann.

Nicht wenige angehende Tourismuskaufleute machen sich Sorgen um ihren Job. "Viele Auszubildende müssen damit rechnen, bei anhaltender Buchungslage ihre Ausbildung nicht regulär beenden zu können", befürchtet Bildungsexperte Aufermann. Er fordert für alle dualen Auszubildenden im zweiten und dritten Lehrjahr eine Garantie, die Abschlussprüfung ablegen zu können, auch wenn das ausbildende Unternehmen nicht mehr existiere. Dafür müssten die IHK-Verantwortlichen allerdings noch flexibler werden. Aufermann: "Dies ist ein entscheidender Schritt, um den Nachwuchs in der Branche halten zu können."

Der ASR befürchtet, dass sogar die wirtschaftliche Erholung der Touristik durch den Mangel an Fachkräften bedroht werden könnte. Anfang des Jahres hätten sich zahlreiche Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen von langjährigen Mitarbeitern getrennt, viele Fachkräfte hätten sich umorientiert und stünden der Branche nicht mehr zur Verfügung.

"Corona ist der letzte Weckruf für die Branche", sagt Professor Marco A. Gardini, zweiter Vorsitzender des Bayerischen Zentrums für Tourismus. Nicht für alles, was in der Vergangenheit versäumt wurde, dürfe die Pandemie als Ausrede herhalten. Die Lage auf dem touristischen Ausbildungsmarkt sei schon seit Jahren angespannt. Und während andere Branchen längst mit professionellem Personalmanagement um die Herzen und Köpfe der besten Mitarbeiter kämpfen, stünden hier weite Teile der Tourismusbranche ganz am Anfang. "Das Arbeitgeberimage der Branche ist betrüblich", urteilt Gardini.

Erschwerend kommen die demografische Entwicklung, der Trend zum Studium und die Abwanderung von Fachkräften in andere, besser bezahlte Branchen hinzu. "Das Ausmaß des akademischen Brain Drain unserer Branche ist erschreckend", findet der Professor. Umfragen belegen, dass rund 40 Prozent der Tourismusabsolventen ihren Job in anderen Branchen finden. Touristiker müssten ihre Personalarbeit endlich systematischer angehen. "Hier und heute ist ein guter Moment, sich als Branche und als Arbeitgeber neu zu erfinden."
2 Kommentare Kommentieren

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2.
Renate Voelkel-Hanne
Erstellt 16. April 2021 13:50 | Permanent-Link

Overtourism - Klima - CO2 - Kreuzfahrten - Busreisen - Flugverkehr - Höchstgefahr, sich in der Pandemie anzustecken usw. : Würden Sie heute eine Ausbildung in einem Beruf beginnen, der systematisch von allen Seiten - Regierung und Medien vorneweg - stigmatisiert wird, seine Notwendigkeit mindestens aber hinterfragt wird ?
In Zeiten, wo der Öffentlichkeit permanent Zusammenhänge mit diesen heißen Themen signalisiert werden, ohne auf die weltrelevante Bedeutung der Tourismus-Branche mit Millionen Arbeitskräften, Steuerzahlern, erheblichen Bemühungen um Nachhaltigkeit und bei Entwicklungshilfeprojekten hinzuweisen, können wir unsere jungen Leute nur schwer motivieren, den Beruf in erster Linie aus Leidenschaft und per Hinweis "Du verdienst weniger als andere, aber lernst mehr von der Welt kennen als andere. Und das ist eine Menge wert - auch monetär !" zu erlernen.

Im Zeitalter rasanten Fortschritts "Digitaler Reisewelten" kommt dann noch hinzu, dass die Zahl derer, die ihre Ausbilder"Berufung" noch so sehen, auch immer kleiner wird. Ja, tatsächlich müssten sich die Pioniere der Branche zusammen mit den IHK's mehr als bisher mit Berufsvorschlägen in den 10. Klassen der Schulen einbringen. Ausbildung, nach der ich in meinem Berufsleben 38 Touristiker auf den Weg gebracht habe, macht Riesenspaß... und glücklich. Ob man das in anderen Berufen als Ausbilder auch so erlebt ? Wünschte mir, dass wir noch die Kurve kriegen.













1.
Ingo Simandi
Erstellt 15. April 2021 12:05 | Permanent-Link

Professor Marco A. Gardini spricht mir voll und ganz aus der Seele. Sehr oft habe ich gehört, dass die Auszubildenden alleine im Büro die Stellung halten müssen, Verantwortung wie eine Vollkraft übernehmen müssen. Hand aufs Herz, was für eine Perspektive hat ein Auszubildender in der Reisebranche? In kleinen Büros keine, in größeren Unternehmen unter Umständen Büroleiter, in den Zentralen Abteilungsleiter (wenn der Vorgänger einen frühen Herztod erleidet, ansonsten ewig warten).
Hatte der ASR nicht ein Zählwerk, auf dem all die der Touristik verlorenen Arbeitnehmer/innen angezeigt werden, leider kann ich diese Anzeige nicht mehr finden?
Das DER macht es insofern richtig, es stellt keine Auszubildenden ein, es hat genügend Mitarbeiter entlassen und Büros geschlossen, sonst munkelt man, dass die Auszubildenden aus Kostengründen als Ersatz herhalten müssen.
Einige, die die Branche verlassen haben, kann man als Schläfer betrachten, die sicherlich gerne zurückkommen würden, aber die allgemeinen Konditionen sollten sich dann ändern. Aber auch dies hatte ich schon vor Jahren bemängelt.
Ausgebildete Touristiker werden von anderen Branchen gerne genommen, denn hier findet man ein sehr guten Allgemeinwissen vor, kundenorientiertes Serviceverhalten und auch Leidensfähigkeit, über die man sich so manches mal despektierlich geäußert hat.
Um es offen zu sagen, auch wenn es mancher nicht hören mag, die Touristik als solches steht vor einem Scherbenhaufen, nun gilt es neu zu Beginnen, aber mit neuen Ideen, Änderungen die Zukunftsorientiert sind und keine mantramäßigen Forderung stellen, die abgedroschener nicht sein können.
Das heißt aber auch, dass die Preise marginal angehoben werden müssen, Leistung und Qualität kosten.
Die Änderungen kommen, so oder so, nun gilt es, diese Änderungen mit zu gestalten.

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