Russischsprachige Reisebüro-Besitzer

Große Sorgen um Familie, Freunde und ums Geschäft

Dunkle Wolken über der Heimat: Nur wenige russischstämmige Bürger wagen derzeit Reisen etwa nach Moskau.
Moscow City Committee
Dunkle Wolken über der Heimat: Nur wenige russischstämmige Bürger wagen derzeit Reisen etwa nach Moskau.

In Deutschland gibt es etwa 1000 Reisebüros mit russischsprachigen Besitzern. Wie erleben sie den Krieg in der Ukraine, wie wirkt er sich für sie privat und geschäftlich aus? fvw|TravelTalk hat sich umgehört.

Seit mehr als einem Monat herrscht Krieg in der Ukraine. Der Westen verhängt Sanktionen gegen Russland, Flugrouten sind lahmgelegt und die Kontaktaufnahme in betroffene Gebiete ist erschwert.

Weil Russland seinen Luftraum für Deutschland gesperrt hat, ist die Einreise nach Russland deutlich erschwert – aber nicht unmöglich. Einige Reisebüros berichten von vereinzelten russischstämmigen Deutschen, die den Aufwand auf sich nehmen, um ihre Familien und Verwandten in der Heimat zu besuchen.

Reisen nach Russland sind unsicher und kompliziert. Die Route verläuft dann über Drittstaaten, die den russischen Luftraum immer noch nutzen dürfen. Beispielsweise ist die Einreise über einen Zwischenstopp in Istanbul oder in Serbiens Hauptstadt Belgrad möglich. Von dort aus geht es dann mit dem Flugzeug weiter nach Russland. Einige Familien seien, erzählen Reisebüro-Inhaber, auch mit dem Minibus nach Kaliningrad gefahren und dann nach Moskau gereist.

Kompliziert, unsicher und teuer

Solche Reisen seien meist aber sehr unsicher, kompliziert und teuer, schildert Natalia I., Inhaberin eines russischsprachigen Reisebüros in Deutschland. Man müsse mit bis zu 1000 Euro für so eine Reise rechnen. Dabei bestehe außerdem immer das Risiko, dass der Flug dann doch nicht wie geplant stattfindet. Für die meisten Betroffenen komme eine solche Reise jedoch selbst bei familiären Notfällen in der Heimat nicht infrage, erklärt Natalia I., die das in ihrem eigenen Umfeld selbst miterleben musste.

"So viele Unschuldige müssen für die Taten eines Idioten büßen", sagt sie in einem Gespräch mit fvw|TravelTalk und kann dabei ihre Wut nicht verbergen. Sie positioniere sich absolut gegen Putin und den Krieg.

Ihren richtigen Namen gibt sie nicht preis, aus Angst vor der politischen Situation. So mutig wie sie, sich zu dem heiklen Thema überhaupt zu äußern, sind nicht alle: Einige russischstämmige Reisebüro-Inhaber wollen zum Krieg gar nichts sagen.

Neben der emotionalen Betroffenheit beeinflusst der Krieg massiv Natalias Geschäft. In ihrem Büro herrsche Stillstand, berichtet die Inhaberin. Wie ihr geht es auch vielen anderen russischsprachigen Büros in Deutschland. Es gibt etwa 1000 hierzulande. Wegen der Krise streichen Airlines geplante Russland-Flüge, die bis Ende Mai stattfinden sollten. Internationale Reisen zwischen Juni und August würden Kunden vermehrt selbst stornieren – aus Angst und Ungewissheit, heißt es bei Reisebüros.

Der Kundenstamm von Natalia I., nach eigener Aussage zu 90 Prozent russischsprachig, sei unter anderem verunsichert, weil die gegensätzliche Berichterstattung in deutschen und russischen Medien es schwer mache, die Situation einzuschätzen.
So reisen russischsprachige Deutsche
Russischsprachige in Deutschland reisen normalerweise ähnlich wie andere Bürger des Landes auch. Griechenland, die Kanaren oder die Türkei seien sogar beliebter als Heimatreisen. Diese Kunden haben insgesamt eine sehr hohe Kaufkraft, buchen aber Reisen in allen Preisklassen.

Nach Angaben des Reisefachmagazins "Russki Voyage" zählt die Community insgesamt etwa 4,5 Mio. Angehörige in Deutschland. Zu einem Großteil sind das Deutsche, die nach 1990, also nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen sind. Etwa 1000 russischsprachige Reisebüro-Inhaber gibt es laut "Russki Voyage" hierzulande.

Trotz der erschwerten Einreise besuchen einige russischsprachige Deutsche noch Freunde und Verwandte in Russland. Sie machen dann oft Zwischenstopps in Belgrad oder Istanbul, um von dort aus nach Russland zu fliegen. Die Reisen sind sehr unsicher und teuer. Dieses Risiko nehmen nur sehr Wenige auf sich.

Aus Angst, der Krieg könne sich weiter ausbreiten, gebe es daher unter ihren Kunden auch Zurückhaltung für Buchungen von Reisen in beliebte Länder außerhalb Russlands.

Doch es gibt auch russischsprachige Reisebüro-Besitzer, deren Geschäft durch den Krieg nur geringfügig beeinträchtigt ist. Elena M. etwa ist ein Beispiel dafür. Zwar seien die Flüge nach Russland ausgefallen, sagt sie. Ihr zur Hälfte aus russischstämmigen Deutschen bestehender Kundenstamm buche jedoch wie gewohnt auch weiterhin Reisen in andere Länder. Auch sie möchte ihren richtigen Namen nicht nennen, um ihre Angehörigen in Russland zu schützen.

Obwohl der Krieg ihr Geschäft nicht so sehr beeinflusst wie das anderer Reisebüros, ist ihre Betroffenheit groß: Denn sie sei neben Russland auch in der Ukraine gut vernetzt und habe dort Freunde, mit denen sie regelmäßig spreche und um die sie sich große Sorgen mache.

Damit ist sie nicht allein: Viele verlieren wochenlang den Kontakt zu Freunden oder Verwandten. Darum ist auch unter russischsprachigen Reisebüro-Inhabern die Solidarität groß. Viele von ihnen nehmen an Hilfsaktionen teil und unterstützen Betroffene in den Krisengebieten. Elena M. selbst nimmt etwa eine geflüchtete Familie bei sich zu Hause auf.

Bisher keine Anfeindungen

Andere nutzen die Vorzüge ihrer Reisebüros und stellen Busse und andere Verkehrsmittel zur Verfügung, die ansonsten stillstehen würden, um Flüchtlingen befördern zu können. Dabei arbeiten ukrainisch- und russischstämmige Deutsche in vielen Reisebüros Hand in Hand. Denn ein großer Teil der russischsprachigen Reisebüros wird von Deutschen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft geführt.
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Zu Konflikten führe ihre unterschiedliche Abstammung nicht. Keiner der von fvw|TravelTalk Befragten berichtete von Auseinandersetzungen oder Anfeindungen zwischen den Mitarbeitenden oder von Kunden. Deren Fazit: Es sei egal, woher Kunden oder Mitarbeiter stammen, man müsse sie als Einzelperson betrachten und nicht aufgrund der politischen Situation im Herkunftsland vorverurteilen.

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