Live-Talk auf Counter Place

"Lage in Polen genauso sicher wie in Deutschland"

Live-Talk auf dem Counter Place zu den Branchenfolgen des Ukraine-Kriegs: Jochen Szech (Go East) und Dirk Inger (DRV) stellten sich den Fragen von Leserschaft und Redaktion.
FVW Medien/KW
Live-Talk auf dem Counter Place zu den Branchenfolgen des Ukraine-Kriegs: Jochen Szech (Go East) und Dirk Inger (DRV) stellten sich den Fragen von Leserschaft und Redaktion.

Welche Folgen hat Russlands Angriff auf die Ukraine für den Tourismus? Go-East-Chef Jochen Szech und DRV-Geschäftsführer Dirk Inger lieferten erste Einschätzungen im Live-Talk auf dem Counter Place.

Tief bestürzt über den russischen Angriff auf die Ukraine und zugleich glücklich, einen ukrainischen Geschäftspartner in Kiew nach drei langen Tagen wieder am Telefon erreicht zu haben: So beschreibt Jochen Szech, Inhaber des Osteuropa-Spezialisten Go East, die emotionale Anspannung angesichts der Lage im Kriegsgebiet.



Was bedeutet Russlands Krieg für den Tourismus? Worauf muss sich die Branche einstellen? Diesen Fragen stellte sich Szech, zugleich Chef des Mittelstandsverbands ASR, gemeinsam mit DRV-Hauptgeschäftsführer Dirk Inger beim Live-Talk auf der neuen Plattform Counter Place.

Szechs Unternehmen gehört mit einem Anteil von 60 Prozent Russland-Reisen und pro Jahr etwa 150 Reisen in die Ukraine zu den besonders betroffenen Veranstaltern. Eine russische Geschäftspartnerin, mit der er bereits seit Jahrzehnten zusammenarbeite, sei am Telefon in Tränen ausgebrochen, weil sie angesichts ausbleibender Touristen nun entlassen worden sei, sagte Szech.

Auch Kombireisen in das als Exklave zu Russland gehörende Kaliningrader Gebiet würden vorerst so nicht stattfinden, sondern alternative Routen entwickelt, höre er von anderen Osteuropa-Spezialisten. Die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen seien vor einer Woche noch gut gebucht worden, und Polen sei sehr gut gelaufen, erläuterte Szech.

Buchungen für Osteuropa leiden deutlich

Das habe sich geändert. Für bestehende Buchungen gebe es bislang zwar nur wenige Stornierungen. Was neue Buchungen betrifft, sei es aber inzwischen sehr ruhig geworden. "Dabei ist es im Baltikum, in Polen, Rumänien sowie Bulgarien genauso sicher wie in Deutschland", erklärte der Go-East-Chef.

DRV-Hauptgeschäftsführer Dirk Inger Inger lobte die klare Haltung der Branche, die den Krieg verurteile. Reiseanbieter mit starkem Geschäft in Sankt Petersburg träfen die Kriegsfolgen doppelt hart, weil sie nach dem neuerlichen Corona-Winter wie die gesamte Branche gerade erst wieder durchstarten wollten. Die Buchungen für klassische Pauschalreiseziele rund um das Mittelmeer zeigten bislang keinen Einbruch, so Inger. Auch skandinavische Reiseländer seien bislang nicht betroffen.

Ob dies so bleibe, sei kaum voraussagbar und hänge von der weiteren Kriegsentwicklung ab. "Unsicherheit ist der Feind des Reisens, und Menschen, die Angst haben, buchen keine Reisen", sagte Inger. Es gehe darum, einen kühlen Kopf zu wahren, auch wenn die neue Unsicherheit "Gift für die Branche" sei.

Die großen Hilfsorganisationen unterstützen

Vor große Herausforderungen seien auch die Fluggesellschaften durch die wechselseitige Sperrung der Lufträume gestellt. Diese müssten nun umplanen und längere Routen wählen, um Asien anzufliegen. Die Kreuzfahrt-Reedereien wiederum zögen wegen der Herausnahme von Sankt Petersburg Kapazitäten aus dem gesamten Ostseeraum ab.



Der DRV-Geschäftsführer wollte nicht ausschließen, dass der Verband erneut bei der Politik vorstellig werden müsse, um Hilfen für besonders betroffene Reiseanbieter zu bewirken. Jetzt sei dafür aber noch nicht der richtige Zeitpunkt.

Jochen Szech ist es wichtig, dass die große Spendenbereitschaft in der Branche richtig kanalisiert wird. Es sei wichtig, professionelle Organisationen zu unterstützen, die die Güter in der Ukraine auch ausliefern können. "Unterstützt die großen Hilfsorganisationen", appellierte Szech. Von den Menschen im Kriegsgebiet gefragt seien beispielsweise Powerbanks zum Handyladen und Taschenlampen, jedenfalls keine alten Kleider oder Schuhe.

Gesprächsfäden nicht abreißen lassen

Einig waren sich Szech und Inger darin, die Gesprächsfäden nach Russland nicht abreißen zu lassen. Er mache sich große Sorge, dass das, was die Zivilgesellschaft in mehr als 70 Jahren beispielsweise über Städtepartnerschaften aufgebaut habe, nun in Rekordzeit eingerissen werde, sagte Dirk Inger.

Es bestehe schließlich bei aller berechtigten Ablehnung der Kriegspolitik des russischen Präsidenten Putin keine Auseinandersetzung mit dem russischen Volk. "Ich bin mir sicher, dass die Branche eine wichtige, tragende Rolle spielen wird, um die Menschen wieder zueinanderzubringen", urteilte Inger.

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