Meine Woche | KW 43

Was Sprache alles so bewirken kann

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Dienstag, 20. Oktober 2020

Gewiss, für viele junge Menschen ist die Corona-Krise hart. Sie müssen (oder sollten) darauf verzichten, die Nächte durchzumachen und endlos Partys zu feiern. Auch wessen herbeigesehnte Weltreise oder geplanter Studienaufenthalt im Ausland nun verschoben werden muss, ist zu bedauern.

Wenn Soziologen aber von einer "Generation Corona" sprechen, die "schwere Narben" davontrage und für ihr ganzes Leben "gefrustet" sein werde, dann halte ich das – vorsichtig ausgedrückt – für etwas übertrieben. Ich bin mir  ziemlich sicher: Es wächst derzeit keine "verlorene Generation" heran.

Und: Wer das permanente Partyfeiern in der Großstadt zum unverzichtbaren Lebensinhalt der Jugend erklärt, der diskreditiert automatisch jene, die sowieso darauf verzichten. Zum Beispiel, weil sie abgelegen auf dem Land leben oder gar kein gesteigertes Interesse daran haben. Sind solche Jugendlichen also "unnormal" und "ungesund"?

Ein Bekannter von mir leidet seit Ewigkeiten an einer schweren chronischen Erkrankung – ein Leben mit vielen Partys hat er daher schon als Jugendlicher nicht führen können. Und trotzdem kommt er mir ganz und gar nicht "gefrustet" oder "verloren" vor. Irgendwelche Schädigungen kann ich jedenfalls nicht bei ihm erkennen.

Ja, wir haben Corona. Und ja, das ist schlimm (übrigens nicht nur für Jugendliche, sondern für alle). Und nochmal ja, wir müssen daher mit gewissen Einschränkungen leben. In Katastrophen-Sprache zu verfallen und eine Art Weltuntergang zu prophezeien, halte ich aber für reichlich übertrieben. Denn wir haben keinen Krieg. Auch hat die Erde nicht gebebt. Und verhungern müssen wir auch nicht.

Montag, 19.10.2020

Ende Mai hatte ich an dieser Stelle von meiner Liebe zu Dialekten berichtet. Ich finde es faszinierend, welch unterschiedlichste Ausdrücke es im Deutschen für ein und denselben Begriff gibt, zum Beispiel für das Brötchen, das wir in Hamburg "Rundstück" nennen (mit spitzem "s" natürlich!).

Nun fiel mir ein Buch in die Hand, das ich jedem Sprachen-Freund nur empfehlen kann. Zwar geht es darin nicht um deutsche Dialekte. Vorgestellt werden jedoch 50 Sprachen aus aller Welt, die zumeist nur noch von ganz wenigen Menschen gesprochen werden (der "Atlas der verlorenen Sprachen" ist gerade frisch im Duden-Verlag erschienen, hat 240 Seiten und kostet 28 Euro).

Duden


Kennen Sie zum Beispiel Nuu-ch-Nulth? Ganze 130 Ur-Einwohner auf Vancouver Island in Kanada beherrschen diese voller spannender Besonderheiten steckende Sprache noch. Und in Europa stehen zum Beispiel Sami, Piktisch, Kornisch und Saterfriesisch auf der "Roten Liste". Letzteres wird von 1500 bis 2500 Menschen in der niedersächsischen Gemeinde Saterland gesprochen – der laut Guinness-Buch der Rekorde "kleinsten Sprachinsel in Europa".

Eine Sprachprobe gefällig? "Foar do maaste Bupperloundere is et wät gediegen, dat do Seelter ljauer Tee as Koafje drinke." Die Übersetzung findet sich im "Atlas der verlorenen Sprachen", doch wir verraten sie hier schon: "Für die meisten Fremden ist es komisch, dass die Saterfriesen lieber Tee als Kaffee trinken."

Das liebevoll gestaltete Buch mit vielen Zeichnungen, Land- und Weltkarten sowie Sprachbeispielen ist eine Schatztruhe für alle, die Sprachen mögen!
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