Meine Woche | KW44

Warum die DDR Reiseweltmeister war

FDGB-Ferienheim "Fritz Reuter" in Schwerin-Zippendorf (1985).
Bundesarchiv / Wolfried Pätzold
FDGB-Ferienheim "Fritz Reuter" in Schwerin-Zippendorf (1985).

Oliver Graue ist bei fvw|TravelTalk unter anderen für das Thema Business Travel zuständig. In seinem wöchentlichen Blog berichtet er aus dem Leben eines Reiseredakteurs.

Samstag, 29. Oktober 2022

Dass der Urlaub für die Deutschen eine Herzensangelegenheit darstellt, ist bekannt: Nur wenige andere Völker geben so viel Geld für Reisen aus wie wir. Glaubt man der offiziellen Statistik, waren wir bis 2012 sogar Reiseweltmeister, wurden dann zunächst von den Chinesen und später auch von den USA überholt.

Was mir (und Ihnen möglicherweise auch) bislang nicht bekannt war: Auf die Zahl der Reiseintensität bezogen gebührte der Weltmeistertitel 1989 der DDR. Also ausgerechnet in dem Jahr, in dem (auch) der Wunsch nach Reisefreiheit zum Zusammenbruch des zwischen Mauer und Stacheldraht eingezwängten "real existierenden Sozialismus" führte. Tatsächlich waren 1989, vor der friedlichen Revolution, gut 80 Prozent der DDR-Bürger touristisch für mindestens fünf Tage unterwegs – wenn auch in den weitaus meisten Fällen im eigenen Land, zwischen Rügen und Sächsischer Schweiz.

Bücher, die fast 200 Seiten dick sind und die so spannend und kurzweilig geschrieben sind, dass ich sie innerhalb von zwei Tagen lese – das ist eher selten. "Urlaub macht Geschichte" gehört dazu. Der Historiker und Soziologe Hasso Spode nimmt sich darin eines Themas an, das in der DDR-Vergangenheitsforschung bislang wenig Beachtung fand: dem Tourismus. Und das macht der Berliner nicht nur sehr fundiert und umfassend. Vor allem ist sein Buch ausgezeichnet verfasst: spannend und kurzweilig eben. Und ohne jede ostalgische Verklärung.
Bebra-Verlag

Spode beschreibt das "kleine" Camping-Glück der Ostdeutschen ebenso wie die staatlich organisierte Reiselust: vom FDGB-Feriendienst über das FDJ-Ferienlager bis zu sozialistischen Kreuzfahrtträumen. Auslandsreisen treuer Parteikader in "befreundete" Staaten sind ebenso Thema wie Reisen in die DDR. Vor allem in den sogenannten Interhotels wurden bevorzugt Gäste aus dem sozialistischen Ausland (SW) und den "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebieten" (NSW) beherbergt. Steter Zimmergast war – wenn auch unsichtbar – der Staatssicherheitsdienst.

Profund beschreibt Spode den ideologischen Auftrag des Tourismus in der DDR, der weit über die einschlägigen Parolen in den Frühstücksräumen hinausging. Erholung sollte zur Planerfüllung beitragen, und sie war Teil des Wohlstandsversprechens, mit dem sich das Regime die Menschen trotz Freiheitsentzugs gewogen halten wollte. Das hat bekanntlich nicht geklappt.

Ein Buch, das ich jedem empfehle, der sich für Tourismus und/oder für DDR-Geschichte interessiert!

Sonntag, 30. Oktober 2022

"Wie – Ihr arbeitet am Montag nicht?!" Seit nunmehr fünf Jahren ist der 31. Oktober 2022 – der Reformationstag – gesetzlicher Feiertag in Ost- und Norddeutschland: in Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Hamburg, Thüringen, Niedersachsen und Bremen. Doch auch in diesem Jahr reagierten die Kollegen in Frankfurt wieder überrascht, als wir ihnen am Freitag sagten, dass sie am Montag in unserer Hamburger Redaktion niemanden erreichen würden.

Und eine Kollegin aus eben dieser Redaktion tappte böse in die Falle, als sie antwortete: "Wieso ärgert Euch das? Ihr habt doch dafür am Dienstag frei!" Naja, da hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht, oder besser gesagt: ohne Hessen. Denn der 1. November – Allerheiligen – ist "nur" in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland arbeitsfrei. Die Frankfurter müssen ran. Also an beiden Tagen.

Ein Grund, neidisch zu sein, ist das aber trotzdem nicht. Weder für die Hessen noch für die anderen Bundesländer, die am 31. Oktober und am 1. November zur Arbeit müssen. Denn wussten Sie, auf welche Feiertage wir in Hamburg verzichten? Es sind Fronleichnam (unter anderem Hessen), Heilige Drei Könige (unter anderem Sachsen-Anhalt), Frauentag (Berlin) und Buß- und Bettag (Sachsen) – von Allerheiligen ganz zu schweigen.

Aber schlimmer noch: In diesem Jahr ist der 31. Oktober der gefühlt einzige Feiertag, der nicht auf einen Samstag oder Sonntag fällt. Nun gut, das betrifft wiederum alle Bundesländer.

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