Meine Woche | KW 39

Wandern Sie noch – oder schlendern Sie schon?

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet Oliver Graue, Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk, über seine Woche im Business Travel.

Montag, 27. September 2021

Spazieren? Das war etwas für Senioren. Und vielleicht noch für Mütter mit Kinderwagen oder für verliebte Pärchen am Wochenende. Und als Kind habe ich das Spaziergehen irgendwann zutiefst gehasst: ganz besonders in Form des Sonntagsspaziergangs, zu dem meine Eltern regelmäßig mit uns Kindern aufgebrochen sind.

Spätestens mit Corona hat sich das geändert: Fast jeder geht heute spazieren. Selbst durch Gebiete, die man früher allerhöchstens durchjoggt hat, wird heute gemütlich geschlendert. Vor allem zu Homeoffice-Zeiten war (und ist) Spazierengehen eine schöne Abwechslung. Ansonsten bleibt ja oft nur der Gang vom Schlafzimmer an den Schreibtisch und zurück.

Aber so einfach, wie das jetzt klingen mag, ist das alles gar nicht. Denn auch Spazieren will gelernt sein. Der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt hat sogar eine eigene wissenschaftliche Diszipin geschaffen: die sogenannte Promenadologie, auch Spaziergangswissenschaft genannt. Vor "kulturwissenschaftlichem und ästhetischem Hintergrund", so berichtete kürzlich die Zeitschrift National Geographic, will er "die Bedingungen der Umweltwahrnehmung bewusst machen".

Was das konkret bedeutet? Keine Ahnung. Amüsant ist allerdings der englische Terminus für diese neue Disziplin: Er lautet "Strollology". Besonders gut spricht sich das nach dem dritten Bier aus (was ich – abends – ganz gern nach Spaziergängen genieße), heißt aber nichts anderes als: gemütlich schlendern.

Was mich betrifft: Ich plane fest, meine Spaziergangsaktivitäten nachhaltig fortzusetzen – also auch in der neuen Normalität nach Corona. Und das als Laie. Denn zum Spaziergangswissenschaftler (oder Promenadologen) tauge ich vermutlich nicht, und irgendwie sähe es auch blöd aus, wenn über meinen Artikeln künftig stünde: "Von Dr. prom. Oliver Graue".

Dienstag, 28. September 2021

Er gehört zu den Autoren, von denen ich mir kein neues Buch entgehen lasse: Der Schweizer Adolf Muschg, 1934 geboren, hat mit "Aberleben" sein bereits 14. Werk in diesem Jahrtausend und insgesamt 37. veröffentlicht. Zugegeben: Das Buch, erschienen im Verlag C. H. Beck (366 Seiten, 26 Euro) ist ein wenig speziell.
C. H. Beck

Muschg schreibt nämlich über seine eigene Branche – die Schriftstellerei, die Literatur. Genauer gesagt handelt der Roman vom todkranken Autor A., der mit der Flucht aus Wohnort, Ehe und Behandlung nach Berlin versucht, dem Sterben ein Schnippchen zu schlagen. Dort wiederum begibt er sich an seinen letzten Roman, lässt eine längst "verstorbene" Hauptperson aus einem früheren Buch wiederauferstehen und arbeitet sich an den großen Themen rund um Leben und Tod ab.

Ganz einfach zu lesen ist der Roman nicht. Wer diese Mühe auf sich nimmt, wird jedoch belohnt mit eine Unzahl an Erkenntnissen über unser Dasein und Lebensweisheiten. Als "religiös" bezeichnet Muschg sein Buch. Tatsächlich ist es aber sehr vieles in einem: Es geht auf aktuelle Ereignisse ein (sogar auf Corona), beschreibt das Leben in Berlin und im Osten Deutschlands, geht aufs Altwerden und aufs Aussteigen aus der Gesellschaft ein, erörtert Literatur und Schriftsteller-Dasein – und es reflektiert vor allem das Leben an sich.

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