Meine Woche | KW31

Warum man Rewe nicht alles glauben sollte

Oliver Graue ist Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk.
FVW Medien
Oliver Graue ist Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk.

An dieser Stelle berichtet Oliver Graue, Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk, über seine Woche im Business Travel – und über andere Begebenheiten.

Montag, 1. August 2022

Ich gebe zu: Ich mag Papier – Papier und Gedrucktes. Entsprechende Sammelleidenschaften pflege ich seit vielen Jahren. Das gilt für Bahn-Zugbegleiter (leider seit 2021 eingestellt), für Flug-Kotztüten (immer mehr Airlines verwenden leider schlichte weiße Tüten) und für die jeweils ersten Seiten von Tageszeitungen (wenn auch nur von jeder Zeitung eine einzige Seite). Und natürlich für Bücher.

Und nein: Angebotszettel von Supermärkten und Discountern sammel ich nicht. Dennoch schätze ich sie. Immer freitags liegt ein ganzer Stapel von ihnen dem bei uns erscheinenden Anzeigenblättchen bei, das – so meine Vermutung – wirtschaftlich von ihnen lebt. Gern blättere ich sie dann am Wochenende in Ruhe durch und finde immer wieder spannende Angebote.

Die Entscheidung von Rewe, künftig keine Papierprospekte mehr verteilen zu lassen, bedauere ich daher. Und ich bin nicht der einzige: Vor allem für viele ältere Leute, die gern nach Sonderangeboten Ausschau halten und aufgrund der Werbeblätter ihren Einkaufszettel zusammenstellen, dürfte die Entscheidung enttäuschend sein. Da sie nicht im Internet unterwegs sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Rewe sie als Kunden verliert.

Das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal – denn noch gibt es ja Edeka, Tegut, Famila, K+K, Aldi, Netto, Norma, Globus, Penny, Lidl und einige andere, die noch Prospekte drucken und auf die man daher ausweichen kann. Scheinheilig finde ich allerdings die Argumentation, mit der Rewe den Rückzug begründet: mit Nachhaltigkeit.

Warum scheinheilig? Erstens, weil das Papier sowieso längst zum weitaus größten Teil aus recyceltem Material besteht und der Rest aus nachhaltigem Waldbau stammt. Wäre der Verzicht auf Papier nachhaltig, dürften wir weder Zeitungen noch Bücher drucken – welch erbärmliche Kultur wäre das!

Zweitens aber ist die Behauptung, Tausende Tonnen an CO2 durch Herstellung und Transport einzusparen, sehr kurz gegriffen. Zu kurz! Sie wäre höchstens dann richtig, wenn die Kunden sich in Zukunft gar nicht mehr über die Angebote von Rewe informieren würden, wenn also niemand mehr auf sein Geld achten müsste. Gerade in Zeiten galoppierender Inflation ist das ganz sicher Unsinn. Also will der Konzern sie stattdessen ins Internet locken.

Was die Manager dabei nicht beachten (oder nicht beachten wollen): Internet-Nutzung ist alles andere als klimafreundlich. Nicht nur die Großrechner der Tech-Konzerne benötigen Unmengen an Strom, sondern jeder einzelne Klick, jede Suchanfrage, jeder Download, jede Minute, die ein Computer arbeitet, summiert sich zu einem gewaltigen Energieverbrauch.

Der jährliche CO2-Ausstoß des weltweiten Internets ist inzwischen fast doppelt so groß wie der des globalen Flugverkehrs. Und er steigt weiterhin enorm an.

Experten haben es genau ausgerechnet: Im Durchschnitt liest jeder Deutsche 312 Tageszeitungen pro Jahr. Diese erzeugen bei der Herstellung eine Emission von 79 Kilogramm CO2 pro Person. Demgegenüber kommen 312 Online-Zeitungen zwar "nur" auf 48 Kilogramm CO2 pro Person, allerdings werden gedruckte Zeitungen anders als diese im Durchschnitt von 2,8 Personen gelesen. Damit reduziert sich der CO2-Ausstoß auf 28,2 Kilogramm pro Leser. Werden iPad oder iPhone hingegen weitergerecht, verbraucht das Teil weiterhin Strom und produziert von neuem CO2.

Das Thema "Nachhaltigkeit" zieht, und gern legen sich Unternehmen daher ein grünes Mäntelchen um. Umso vorsichtiger sollte man sein, wenn sie mit Nachhaltigkeit werben, wenn es eigentlich nur darum geht, Kosten zu sparen. Und die Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Werbezettel können Sie, liebe Leserinnen und Leser, weiterhin unbesorgt durchstöbern!


7 Kommentare Kommentieren

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4.
Holger Kähler
Erstellt 2. August 2022 10:46 | Permanent-Link

Der Trend geht in vielen Bereichen immer mehr in Richtung "digitale Prospekte". Es ist ja auch unsinng, mit hohem Ressourceneinsatz Papier zu produzieren, wenn dieses unbeachtet in der (Altpapier-)Tonne landet. Doch oft wird vergessen, das bestimmte Zielgruppen keinen oder einen arg reduzierten Zugang zu digitalen Medien haben.
Wir haben für diese Saison den Kreis der Empfänger unseres Kataloges für Seniorenreisen auf die Kunden mit echtem Interesse reduziert – und im Gegenzug den Katalog um einen ausführlichen FAQ Teil ergänzt. Die Reaktionen der Kunden waren sehr positiv: Sie schätzen, dass wir gegen den allgemeinen Trend "auf Papier" informieren und das auch noch sehr zielgruppengerecht (Durchschnittsalter 82 Jahre), ausführlich und transparent.
Klasse statt Masse ist nachhaltig.
Und auch bestimmte Zielgruppen nicht auszuschliessen ist nachhaltig.
Schein-Nachhaltigkeit ist allerdings nicht nachhaltig, liebe Rewe-Leute.

3.
Waldi Werle
Erstellt 1. August 2022 13:20 | Permanent-Link

Sind Sie wirklich alle nur noch auf Schnäppchen aus? Stimmt es, was mir ein Kollege vor ca. 20 Jahren gesagt hat: Sie werden sehen, der Slogan "Geiz ist Geil" wird sich bei den Deutschen sehr schnell verankern und jeder wir stolz auf sein Schnäppchen sein.
Wo bleibt gerade beim Kauf von Lebensmitteln der gesunde und nachhaltige Menschenverstand? Nutzen Sie das Wochenende wirklich um zu vergleichen in welchem Supermarkt die Milch um x Cent günstiger ist, wo das verpackte Fleisch (das nach Polen transportiert und dort geschlachtet worden ist) günstiger ist, wieviel Cent ich bei den Eiern von Legehühnern sparen kann, wieviel das Hähnchen aus der Legebatterie mit dem ich max. 1 Person ernähren kann, beim jeweiligen Supermarkt kostet ? Wie traurig ist es, wenn man sich am Freitag auf die Flut von Werbeblättchen freut, damit man sich am Wochenende damit beschäftigen kann.
Man könnte das Wochenende aber auch damit verbringen sich den Speiseplan für die Woche zu überlegen mit gesunden, nahrhaften und nachhaltigen Lebensmitteln. Die Freude auf die Woche scheint mir dann eine wesentlich Größere zu sein.
Es ist nicht nur ein Frage des Geldes sondern auch der Wertigkeit die ich dem Essen beimesse.
Deutschland ist das Land mit den meisten Discountern und den größten Autos sowie den teuersten Küchen. Das, was dann auf den Tisch kommt ist dabei nicht wichtig, denn keiner sieht es.

Ingo Simandi
Erstellt 1. August 2022 15:14 | Permanent-Link

@Waldi Werle: Lieber Herr Werle, wenn Sie die Blättchen tatsächlich mal vergleichen, werden Sie feststellen, das die Preise/Angebote äußerst identisch sind. Wenn man in einen Discounter ist und dann zum nächsten tingelt, liegen ja alle fußläufig nebeneinander (zumindest bei uns), dann kann einem der Gedanke kommen, die haben alle den gleichen Einkauf.
Nun zum Argument Lebensmittel und Qualität. Das Deutschland nicht das Land der gehoben Lebensmittel ist, kann jeder feststellen, der sich im Ausland aufhält. Teilweise werden bei uns Lebensmittel als 1a Qualität angeboten, die in Spanien und auch woanders unter B und C Qualität rangieren. Bei Lidl habe ich erlebt, kaufe für einen Euro ein und erhalten verschiedene Dinge kostenfrei, unter anderem eine Familienpackung Eis. Aber man muss die App haben und dies greift immer mehr um sich. Solange Lebensmittel bei uns verramscht werden, werden sie keinen Sinneswandel erleben. Ein kurzer Ausflug in die Geschichte, noch 1920 haben die meisten Menschen für Lebensmittel prozentual mehr Geld ausgegeben als heute, damals ca. 30 bis 40 Prozent und die Lebensmittel waren nicht so hochwertig wie heute, heute ca. 15 Prozent, inclusive Sekt und exotischer Früchte.
Damit ich mir ein großes Auto, eine teure Küche und einen Grill für mehrere tausend Euro, ein Handy und vieles mehr leisten kann, muss ich am Essen sparen. Schuhbeck sagte richtig, solange die Menschen mehr Geld fürs Motoröl, statt für Speiseöl ausgeben sollte man sich nicht wundern. Woher kommen einige die Zivilisationskrankheiten, sicherlich auch vom Essen, aber auch das ist eine alte Weisheit.

2.
Florian Berthold
Erstellt 1. August 2022 13:14 | Permanent-Link

Ich würde annehmen, dass das analytische Ergebnis "Im Durchschnitt liest jeder Deutsche 312 Tageszeitungen pro Jahr." bereits den Multiplikator von 2,8 mit einbezieht. Das hieße, man dürfte den CO2-Footprint pro Leser nicht noch einmal bereinigen. Zumindest ist es schwer vorstellbar, dass tatsächlich jeder Deutsche faktisch jeden Tag im Jahr eine Tageszeitung liest (man müsste schließlich die Wochenenden und Urlaub bereinigen). In jedem Fall wäre eine Quellenangabe hilfreich, um die Berechnungen nachvollziehen zu können.

Oliver Graue Moderator
Erstellt 1. August 2022 15:16 | Permanent-Link
bearbeitet

@Florian Berthold: Besten Dank für Ihren Hinweis! Es handelt sich um eine Studie des Fraunhofer Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT sowie des IZT Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Wörtlich heißt es darin: "Deutsche lesen nach dem generischen Ansatz der UMSICHT-Studie 312 Tages Zeitungen im Jahr. Dabei wird angenommen, dass jede Zeitungsausgabe von durchschnittlich 2,8 Menschen gelesen wird. Das entspricht der Herstellung von 111 Tageszeitungen pro Jahr und Person. Der damit verbundene Primärenergieaufwand liegt bei durchschnittlich 525 MJ. Allerdings ist die Spannbreite von 170 bis 1290 MJ sehr groß. Sie hängt vor allem ab von der Qualität des Papiers und dem unterschiedlichen Energieverbrauch beim Druck. Die Treibhausgasemissionen betragen für 111 Zeitungen 28 Kilogramm CO2." Allerdings räumt die Studie ein, dass der Verbrauch geringer ist, wenn die Zeitung auf einem elektronischen Lesegerät wie Tolino oder Kindle gelesen wird (nur 50 MJ), während beim iPad 927 MJ anfallen. Und: Bei einem einseitigen Werbeblatt "fällt die ökologische Untersuchung eindeutig zugunsten der elektronischen Variante gegenüber der gedruckten aus". Viele Grüße!

Florian Berthold
Erstellt 2. August 2022 10:08 | Permanent-Link

@Oliver Graue: Alles klar, damit ist es klarer geworden.

1.
Ingo Simandi
Erstellt 1. August 2022 07:58 | Permanent-Link

Danke für diesen wirklich guten Kommentar, der mal reale Welt und Internet vergleicht. Und auch ich kann nun nicht mehr die Angebote von Rewe mit den anderen vergleichen, ein weitere Kunde weniger.



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