Meine Woche | KW29

Von falscher Toleranz und Respekt im Umgang

Oliver Graue ist Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk.
FVW Medien
Oliver Graue ist Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk.

An dieser Stelle berichtet Oliver Graue, Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk, über seine Woche im Business Travel – und über andere Begebenheiten.

Montag, 18. Juli 2022


Wie liberal, wie tolerant darf eine Gesellschaft sein, damit sie als Gesellschaft überleben kann? Und was heißt überhaupt "Toleranz"? Zugegeben: Die Frage ist ein wenig seltsam, in jedem Fall philosophisch und natürlich provokativ. Und mit Reisen – also unserem Thema – scheint sie auch nichts zu tun zu haben.

Hat sie aber doch. Deutsche Bahnen sind nicht gerade dafür bekannt, eine Oase der Ruhe zu sein. Ebensowenig wie der Nahverkehr. Es wird geredet, telefoniert, manche unterhalten sich fast schreiend oder haben die Musik auf ihrem Kopfhörer so laut, dass auch ihre Mitfahrer etwas davon haben.

In der Schweiz: undenkbar. Bereits in den normalen Bereichen der S-Bahnen, des IR oder IC ist kaum ein Wort zu hören, und wer sprechen will, der flüstert. Vor allem jedoch besteht ein großer Teil der Züge aus sogenannten Ruhezonen. Dann aber gilt absolutes Sprechverbot.

Wie sehr sich die Menschen darauf verlassen, habe ich bei meinem letzten Schweiz-Besuch gleich zweimal erfahren. Beide Male hatten wir übersehen, dass wir uns in einer Ruhezone befinden – und haben uns unterhalten (nicht laut). In beiden Fällen wurden wir aber sehr schnell und klar auf das Verbot hingewiesen.

Auch ein Überqueren der Straße bei roter Ampel ist in der Schweiz nicht vorstellbar – egal, wie leer die Straße ist. Abfälle einfach auf die Straße zu werfen, das traut sich niemand, und Schmierereien an Mauern oder Hauswänden sind bei den Eidgenossen eine absolute Seltenheit.

Zwar wird immer wieder die Liberalität der Schweizer in puncto Maskenpflicht betont. Nicht gesagt wird aber, dass die Menschen dort äußerst rücksichtsvoll miteinander umgehen und (auch ohne Corona)  ausreichende Abstände voneinander einhalten. Niemand rückt dem anderen nah auf den Leib oder drängelt gar.

Spießig? Konservativ? Vielleicht. Aber ich muss sagen: Dann bin ich gern spießig und konservativ. In Deutschland wird unter "Toleranz" mitunter verstanden, dass sich jeder so benehmen kann, wie er es will – ohne Rücksicht auf andere. Dass neben Ansprüchen und Forderungen auch Pflichten und Respekt dazu gehören, wird hierzulande manchmal vergessen. Dabei würde es das Leben angenehmer machen. Für alle.

Sonntag, 17. Juli 2022

Sechs Jahre lang hat Nicola Albrecht das ZDF-Studio in Tel Aviv geleitet. Schon vorher berichtete sie über Nahost-Themen – unter anderem in Zeiten des Arabischen Frühlings. Wie sehr sich die 47-Jährige in der Region auskennt und wie sehr sie ihr ans Herz gewachsen ist, das wird in ihrem Buch "Mein Israel und ich" deutlich (erschienen bei Polyglott, 224 Seiten, Preis: 16,99 Euro).

Polyglott


Für das Werk hat sich Nicola Albrecht auf die Road 90 begeben, die mit ihren 480 Kilometern Länge die längste Straße Israels darstellt. Doch sie ist mehr als das – sie führt quer durch die Lebenswelten der hier wohnenden Menschen, in den "Hinterhof des Heiligen Landes", wie es heißt.

Und aus diesem berichtet die Autorin. Sie schildert ihre Gespräche etwa mit dem Besitzer einer Apfelplantage direkt an der Sperranlage zum Libanon, mit Pater Jonas und Paul im Kloster Tabgha oder mit den Siedlern Lesley und Kuki im Westjordanland. Es sind Menschen, die von ihren Probleme, ihrem Leben offen berichten.

Natürlich stellt Albrecht auch die großartigen Naturlandschaften vor, schreibt über die Historie der Region und ihre Religionen. Dazu gibt es Tipps für Leser, die abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten das Land erkunden wollen und sogar Rezeptideen.

Ein sehr sympatisches Reisebuch!

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