Meine Woche | KW 24

Warum "spießig reisen" heute wieder cool ist

Oliver Graue ist Chefredakteur von BizTravel.
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur von BizTravel.

An dieser Stelle berichtet Oliver Graue, Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk, über seine Woche im Business Travel.

Montag, 14. Juni 2021

Spießig, hoffnungslos verstaubt und völlig uncool – das war ich vermutlich vor gut 30 Jahren. Denn meine Urlaube habe ich damals gern in Deutschland (oder im angrenzenden Ausland) verbracht, bin gewandert, habe Wert darauf gelegt, Regionen authentisch kennenzulernen. Wie Menschen anderswo ihren Alltag leben, was sie denken – das hat mich sehr interessiert.

Und mein absolutes Lieblingsmobilitätsmittel war die Bahn: Schon die Anfahrt gehörte für mich zum Urlaubserlebnis, und selbst wenn diese auf der Schiene mehr als zehn Stunden gedauert hat, war das für mich kein Grund, nicht Bahn zu fahren. Finanzielle oder ökologische Gründe hatte all dies damals nicht (oder nicht nur) – es hat mir einfach Spaß gemacht.

Worüber damals viele meiner Freunde und Kollegen den Kopf geschüttelt haben – "Du reist ja wie die alten Leute!" –, das liegt plötzlich voll im Trend. Und das keinesfalls erst seit der Corona-Pandemie, die den Branchenbeobachtern zufolge für eine Trend in Richtung Nahziele und Natur sorgt (angesichts der Jumbo-Jets, die nun nach Mallorca eingesetzt werden, bin ich mir dessen aber nicht mehr so sicher).

War ich damals schon – zugegeben unfreiwillig – eine Art männliche Greta? Ein Gretius vielleicht? Immerhin handelte ich ja durch und durch klimafreundlich.

Zumindest ist das, was ich damals tat, längst nicht mehr uncool und spießig. "Voll retro" finden das jüngere Menschen, denen ich davon erzähle. Und retro ist toll. "Anders reisen"? Nein, für mich was das damals "normal reisen".

Übrigens lese ich meine Zeitungen nach wie vor auf Papier. Statt gestreamter Musik höre ich CDs. Online bestelle ich nur selten – und gar nicht nicht bei den einschlägigen Tech-Giganten.

Spießig? Veraltet? Machen nur alte Leute? Warten Sie mal ab – 30 Jahre oder so ...

Dienstag, 15. Juni 2021

Jetzt wird es doch etwas paradox – denn heute setze ich mich natürlich längst auch ins Flugzeug, um ferne Kulturen und Länder kennenzulernen. Per Bahn geht das leider nicht (oder würde zumindest viel zu lange dauern, da macht mein Arbeitgeber nicht mit).

Und ich gestehe: Nach 16 flugfreien Monaten freue ich mich auf die ersten Trips, die mich schon in wenigen Wochen gleich mehrfach nach Italien sowie nach England und nach Armenien führen werden. Mindestens. Das jedenfalls sind die dienstlich bedingten Reisen.

Wohin es uns privat zieht, das wissen wir noch nicht. Möglicherweise bleiben wir ja in Deutschland. Voll retro eben.
3 Kommentare Kommentieren

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3.
Elke Spiegel
Erstellt 16. Juni 2021 10:26 | Permanent-Link

„Entschleunigt“ reisen. Tut gut!

2.
Sabine Wegener
Erstellt 16. Juni 2021 10:01 | Permanent-Link

Ganz genau so geht es mir auch, letztes Jahr und auch dieses Jahr wieder Urlaub in Deutschland mit der Bahn in einer schönen Ferienwohnung, spazieren gehen, Fahrrad fahren, schwimmen, gut essen und trinken, einfach dieSeele baumeln lassen - und vielleicht im nächsten Jahr mal wieder mit dem Fliegers ins Ausland

1.
Silke Edel-Pfannschmidt
Erstellt 16. Juni 2021 09:49 | Permanent-Link

Ich finde mich hier voll wieder. Auch mir geht es genau so. Natürlich fliege ich auch gerne mal weit weg, innerdeutsch bin ich aber nur mit der Bahn unterwegs. Es ist entspannt, ich kann ein Buch lesen oder andere Dinge erledigen und komme oft auch ins Gespräch mit netten Mitreisenden.

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