Meine Woche | KW 17

Von Schlumpfcreme und sozialem Klimawandel

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet Oliver Graue, Redaktionsleiter Business Travel bei fvw | TravelTalk, über seine Woche im Business Travel.

Montag, 26. April 2021

Es ist eine Art Ritual (nicht erst seit Corona): Auf dem Weg vom Büro in den freitäglichen Feierabend wird ein Stopp beim Lieblings-Eissalon eingelegt. Wurde das Eis bis zum Corona-Ausbruch gemütlich im oder vor dem Salon genossen, nehme ich es nun mit nach Hause.

Die Sorten wechseln recht häufig. Diesen Freitag habe ich mich für Daim und Nutella entschieden. Und für die dritte Kugel schwankte ich zwischen Oreo und Schlumpfeis. Nur: Was bitte schön ist in Schlumpfeis drin?

Kurzerhand habe ich diese Frage der netten Bedienung gestellt. Ihrem erstaunten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hat sie sich zuächst über meine Ignoranz gewundert. Um wenig später mit der Antwort herauszurücken: "Na, Schlumpfcreme natürlich!"

Wie konnte ich nur fragen ...

Dienstag, 27. April 2021

Es ist eines der Bücher, die ich als Jugendlicher gelesen habe (1984) und das mein Weltbild auf einen Schlag geändert hat: In "Ein Planet wird geplündert" schildert Herbert Gruhl, einst CDU-Abgeordneter und 1978 Gründer der ersten ökologischen Partei ("Grüne Aktion Zukunft"), wie brutal und verantwortungslos wir Menschen mit unserer natürlichen Umwelt umgehen. Vor 43 Jahren!

Nun habe ich ein Buch gelesen, das auf mich einen ähnlichen Effekt hat: In "Ausgeliefert – Amerika im Griff von Amazon" schildert Alec MacGillis, wie brutal und verantwortungslos Amazon Menschen, Städte und ganze Wirtschaftsregionen zerstört (Verlag S. Fischer, 448 Seiten, Preis 26 Euro). Gründer Jeff Bezos – reichster Mann der Welt – hat so viel Geld, dass er einfach alles aufkauft, was sich ihm in den Weg stellt, bis hin zur altehrwürdigen Washington Post.

S.Fischer


Zu den Opfern des US-Internet-Giganten gehören aber auch die Einzelhändler, die ihr Geschäft verlieren, weil die Menschen lieber bequem online bestellen – und hinterher bedauern, dass auch unsere Innenstädte sterben. Anders als die Einzelhändler zahlt Amazon so gut wie keine Steuern und pfeift auf das soziale Wohlergehen der Menschen.

Ganz deutlich wird das im Buch von MacGillis an seinen detaillierten Beschreibungen menschlicher Schicksale. Zehn Jahre lang hat der Amerikaner für sein Buch rechechiert, hat mit Amazonmitarbeitern und deren Familien gesprochen, auf die der Konzern massiven Druck ausübt und Durchschnittslöhne drastisch senkt.

Deutlich wird, wie sehr Amazon die Spaltung Amerikas vorantreibt, indem er dafür sorgt, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, und wie der Konzern immer mehr Reichtum und Macht auf sich konzentriert. In ähnlicher Weise ließe sich das wohl auch auf Giganten wie Google oder Facebook übertragen.

Und es lässt erschrecken, wie wenig gewillt amerikanische Politiker scheinen, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Selbst der angeblich so sozial agierende Altpräsident Obama lobte Amazon in höchsten Tönen. Eine wirkliche Aufsicht scheint es nicht zu geben, während im Nicht-Internet-Handel jede Fusion mit Argusaugen geprüft und oft untersagt wird – aus Sorge vor Monopolen. Das aber hat Amazon längst!

"Ausgeliefert" zeigt auf beängstigende Weise, wie ein ganzes Land in die Fänge eines Mega-Konzerns gerät, der sich überdies höchst asozial verhält. Natürlich lassen sich die USA nicht ohne weiteres mit Deutschland oder Europa vergleichen. Dennoch mahnt dieses Buch die Politiker – hoffentlich –, welchen Preis wir alle als Gesellschaft zahlen werden, wenn man ein solches Monopol zulässt: Amazon zerstört Lebensgrundlagen, Lebenswerke, Traditionen und eine Stadt nach der anderen. Es ist der "soziale" Klimawandel, der uns droht.

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