Meine Woche | KW 11

Warum wir jetzt mehr "Sisu" brauchen

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet Oliver Graue, Redaktionsleiter Business Travel bei fvw|TravelTalk, über seine Woche im Business Travel.

 

Montag, 15. März 2021

Corona und kein Ende: Wie sehr bei vielen Deutschen inzwischen die Nerven blank liegen, Frust und Ärger herrschen, macht jede Nachrichtensendung im Fernsehen deutlich. Minutenlang prallen auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer Worte voller Enttäuschung und Aggressivität ein. Wir Deutschen scheinen mal wieder voll unserem Klischee gerecht zu werden – ein Volk von Meckerern und Jammerern.

Ich glaube nicht, dass dies der Realität entspricht. Denn wenn ich mit Freunden und Bekannten spreche, entspricht das meist so gar nicht dem, was in den Nachrichtensendungen gezeigt wird. Natürlich herrschen Niedergeschlagenheit und Pandemie-Müdigkeit. Aber ebenso dominiert auch die Einsicht, dass "wir da durchmüssen", dass uns nichts anderes übrigbleibt, als zu hoffen und uns möglichst viel Optimismus zu bewahren.

Denn trotz aller Probleme, die wir derzeit mit dem Impfen haben: Noch vor einem halben Jahr hätte niemand damit gerechnet, dass wir überhaupt jetzt schon über Impfstoffe verfügen würden. Und bei all dem neidvollen Blick auf Länder wie Israel und Großbritannien, die schneller impfen als wir: Deutschland steht, was die Zahl der Impfungen angeht, weltweit in den Top-10 – und das bei gut 200 Staaten, die es auf unserem Planeten gibt.

Ohne Frage: Corona nervt – sogar ganz gewaltig! Und sehr vielen Menschen beschert es massive finanzielle Verluste (gerade auch mir und Ihnen, die wir im Tourismus tätig sind). Aber wie sinnvoll ist es, sich gegenseitig oder "die Politik" anzuklagen und damit die Gräben in unserer Gesellschaft weiter zu vertiefen?

"Die Welt braucht Sisu", schrieb kürzlich der Kollege einer Schweizer Zeitung. Sisu ist eine finnische Lebensphilosophie und bedeutet übersetzt so etwas wie "innere Stärke", "Zähigkeit" und "Durchhaltewillen". Wen wundert es noch, dass die Finnen, die jedes Jahr viele Monate  in fast völliger Dunkelheit verbringen müssen, zu denen gehören, die auch Corona am besten bewältigen?

Dienstag, 16. März 2021

Während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr versuchten viele Menschen, dem Dilemma auch positive Seiten abzugewinnen. "Endlich kann man mal abschalten und aus dem Hamsterrad des Effizienzkultes aussteigen", hörte man damals nicht selten: Leben statt ständig nur leisten, nützlich und effizient sein.

"Nichts tun" heißt das Buch der jungen New Yorkerin Jenny Odell (erschienen bei Beck, 295 Seiten, 24 Euro). Sie plädiert dafür, den entspannten, unaufgeregten Lebensstil beizubehalten, sich also dem Druck zu entziehen, ständig alles (und sich) weiter optimieren und noch mehr in noch kürzerer Zeit leisten zu wollen.

Odell fordert stattdessen eine Art passiven Widerstand gegen das Leistungs-Effizienz-Selbstvermessungsdenken, das am Ende in der Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und einem von den US-Tech-Giganten angestrebten totalen Überwachungsstaat endet.

"Nichts ist schwerer als das Nichtstun", schreibt die New Yorkerin. Ihr Credo: Handy ausschalten, sich bei den sozialen Netzwerken abmelden (am besten möglichst oft vom Internet insgesamt) und stattdessen mit offenen Augen durch die Welt gehen und das tun, was Spaß macht.

Neu ist das eigentlich nicht. "Sein statt Haben", das forderte der Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem wohl berühmtesten Werk bereits 1976, also vor 45 Jahren.

Jenny Odell schreibt genau dasselbe wie Fromm – übersetzt in eine modernere Sprache und umgemünzt auf den Umgang mit Technologien, die es damals natürlich noch nicht gab. Und die das gnadenlose Optimierungs- und Effizienzdenken noch weiter vorangetrieben und verschärft haben.
C. H. Beck

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Odell schreibt – vor allem nicht mit ihrer pauschalen Schuldzuweisung an den "Kapitalismus". Zum einen war und ist der Sozialismus nicht um einen Deut besser (eher im Gegenteil), und zum anderen kennt Odell als Amerikanerin nur den Kapitalismus à la USA: eine extrem aggressive Version dieser Wirtschaftsordnung ohne Blick auf Verluste.

Die haben wir in Deutschland zum Glück nicht. Und dennoch hält uns Odells Buch den Spiegel vor, nämlich mit Blick auf die auch bei uns herrschende Effizienz- und (Selbst-)Optimierungsideologie!
2 Kommentare Kommentieren

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2.
Ralph Sommer
Erstellt 18. März 2021 03:24 | Permanent-Link

Lieber Herr Graue, die Lösung ist, mit dem Impfwahnsinn aufzuhören; auch Sie!! der Impfstoff ist bis heute noch nicht erprobt; selbst Pharmaunternehmen weisen jegliche Haftung ab. Feststeht, dass die Sterblichkeit weltweit sich trotz Corona nicht wesentlich geändert hat, dass aber Impfungen und die Hysterie, die in den Medien und von den Poltikern täglich verbreitet wird, einen unermesslichen Schaden angerichtet haben, der in keiner Relation zu der sogenannten Pandemie steht.

1.
Andrea Zimmermann
Erstellt 17. März 2021 10:46 | Permanent-Link

Lieber Oliver Graue, dies ist mal wieder ein wunderbarer Artikel und mein Wortschatz ist um "Sisu" und seinen Sinn erweitert. Danke!

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