Zugfahren in Europa

EU will Bahnvertrieb einfacher machen

Zwischen Barcelona und Madrid verkehren gleich zwei Gesellschaften – neben der spanischen Renfe auch der französische Billiganbieter Quigo (nicht im Bild).
Imago/Aviation-Stock
Zwischen Barcelona und Madrid verkehren gleich zwei Gesellschaften – neben der spanischen Renfe auch der französische Billiganbieter Quigo (nicht im Bild).

Anders als im Flugverkehr fehlt bei Bahnangeboten in Europa jede Transparenz. Das erschwert den Vertrieb. Nun soll ein EU-Datenstandard her, der Angebots- und Preisvergleiche vereinfacht.

Für Emmanuel Mounier, Chef des GDS-Lobbyverbands EU Travel Tech, ist sie ein Paradebeispiel für attraktives Bahnfahren: die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Mailand und Rom. Für die 500 Kilometer lange Strecke benötigen die Züge knapp drei Stunden.

"Bevor sie verkehrten, nahm jeder zweite Reisende für die Route das Flugzeug, die meisten anderen stiegen ins Auto", sagt Mounier. "Heute entscheiden sich 80 Prozent für den Zug." Auch preislich ist die Schiene attraktiv. Denn mit Trenitalia und Italo liefern sich zwei Anbieter einen Kampf um Kunden – den führen sie auch über den Preis.

Ähnlich verhält es sich auf der Strecke Madrid–Barcelona. Auf der gut 620 Kilometer langen Route sind die spanische Renfe und die SNCF-Billigtochter Ouigo unterwegs. Den Airlines haben die beiden inzwischen viele Passagiere abgenommen. Nur zweieinhalb Stunden braucht Renfe für die Fahrt.

Mehr Wettbewerb = mehr Bahnnutzer

"Wo es Wettbewerb gibt und wo Reisende und Reisebüros die Angebote miteinander vergleichen können, da wird mehr Bahn gefahren", sagt Mounier. Die Forderung seines Verbands, der Reservierungssysteme, Internet-Reisebüros, Geschäftsreiseanbieter und Suchmaschinen vertritt, ist daher klar: "Für einen wirksamen unabhängigen Bahnvertrieb bedarf es regulatorischer Eingriffe, um die passenden Marktbedingungen zu schaffen." Als Vorbild sieht der Lobbyvertreter den Luftverkehr.

Den großen Bahngesellschaften wie der Deutschen Bahn (DB) wirft der Verband vor, "den unabhängigen Vertrieb absichtlich zu behindern". Statt diesem die kompletten Angebote – in Echtzeit – zur Verfügung zu stellen, würde man diese nur über eigene Programme wie den DB Navigator vermarkten.

Konkurrenz wird ausgeblendet

Und dort wiederum würden Konkurrenzprodukte, die möglicherweise preisgünstiger sind, überhaupt nicht dargestellt. "Solche Monopole wollen wir nicht mehr", sagt Mounier. Stattdessen müssten Betreiber verpflichtet werden, "Echtzeitdaten auszutauschen". Erst so könnten Geschäftsreisebüros sie auf einfache Weise vergleichen und das Angebot heraussuchen, das die vom Kunden gewünschten Kriterien erfüllt – hinsichtlich Preis, Fahrtdauer, Komfort oder Kohlendioxidausstoß.

Eine Forderung, mit der die Travel-Tech-Anbieter auf offene Ohren bei der Europäischen Kommission stoßen. Die sieht die Schiene grundsätzlich als Mittel, den Flugverkehr in der Union zu reduzieren und damit die EU-Klimaziele besser zu erreichen – auch im grenzüberschreitenden Verkehr.

"Die Bahn ist das effizienteste und sauberste Verkehrsmittel, wenn es darum geht, das Mobilitätssegment nachhaltiger zu gestalten", sagt Walter Götz, Kabinettschef der EU-Verkehrskommissarin Adina Valean. Götz sieht das größte Problem, das einem Durchbruch der Schiene entgegensteht, in der hohen Komplexität bei der Fahrschein-Buchung für internationale Strecken.

Bahnen müssen Daten freigeben

Für 2023 habe sich die Kommission daher vorgenommen, Regeln dafür zu schaffen, dass alle Bahnbetreiber ihre Daten frei verfügbar machen müssen. Dazu diene ein EU-weit gültiger und einheitlicher Standard, denn zu einem Wirrwarr wie bei NDC solle es nicht kommen. Private Portale hätten dann auf die Angebote aller Bahnen Zugriff und könnten Vergleichssysteme bauen.

Mounier erhofft sich durch eine solche Transparenz auch niedrigere Preise. "Dann machen die Bahnbetreiber bessere Preise und mehr Angebote, weil sie wissen, dass sie direkt mit den Produkten der Konkurrenz verglichen werden." Das müsse gar nicht bedeuten, dass bestehende Tarife sinken – aber Business Travellern könnten je nach gewünschter Flexibilität noch mehr Angebote gemacht werden als bislang.

Ein einziges Ticket soll reichen

Mittelfristig sollte es für intermodale Reisen sogar nur noch ein einziges Ticket geben, das Flug und Bahnfahrt miteinander kombiniert, wünscht sich Emmanuel Mounier. Einen ersten Schritt ist die Deutsche Bahn gegangen, die als erste Nicht-Airline der Flugallianz Star Alliance beigetreten ist. Für Mounier ist das aber nicht genug: "Kunden müssen die Produkte sämtlicher Mobilitätsanbieter im Markt miteinander verknüpfen können", sagt er.

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