Ökologisch unterwegs

Wie klimafreundlich die Bahn wirklich fährt

Die Deutsche Bahn will zum "klimaneutralen" Unternehmen werden.
Deutsche Bahn AG
Die Deutsche Bahn will zum "klimaneutralen" Unternehmen werden.

Die Bahn verkauft sich als klimafreundliche Alternative zu Auto und Flug. Doch wie grün ist sie wirklich? Die großen Betreiber im Test.

Hamburgs S-Bahn-Nutzer können Klimaschutz live mitverfolgen. Am Digitalstandort Hammerbrooklyn südlich der Innenstadt hat die Deutsche Bahn (DB) einen CO2-Zähler installiert, der anzeigt, wie viel Kohlendioxid die S-Bahn seit 2010 eingespart hat. Damals stieg sie als erstes Verkehrsunternehmen in Deutschland komplett auf Ökostrom um. Mehr als 900.000 Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases wurden seither vermieden.

Schiene und grün – das wird beim Reisen in und nach Corona-Zeiten gleich mehrfach wichtig. Zum einen sagen Studien den deutschen und europäischen Nahzielen eine glänzende Zukunft voraus. Genau in diesem Segment könnte die Bahn ihre ökologischen Trümpfe ausspielen. Doch niemand kann sagen, wie schnell die coronabesorgten Menschen vom Auto zurück in ein Massenverkehrsmittel wechseln.

Hilfe erhält der Schienenverkehr auch durch die Politik: In Frankreich hat die Nationalversammlung für ein Flugverbot auf einigen Inlandsstrecken ab Paris-Orly gestimmt. Diese lassen sich mit der Bahn in weniger als zweieinhalb Stunden erreichen.

In Deutschland gibt es noch keine Flugverbote, auch wenn eine solche Forderung hier ebenfalls in der Diskussion auftaucht. Vielleicht ist solch ein Schritt hierzulande auch gar nicht nötig, denn Luftfahrt und Schiene geben sich so einig wie nie zuvor. Statt miteinander zu konkurrieren, wollen sie sich freiwillig ergänzen (siehe oben) – der Flieger übernimmt die Ferne, und die Bahn bringt die Reisenden schnell zum nächsten Drehkreuz, dem Abflughafen. Und wo die Bahn schnell ist, steigen die Deutschen meist automatisch um.

Doch wie grün sind die Bahnen wirklich? fvw|TravelTalk hat geprüft, wie es sich bei den vier großen Bahnbetreibern DB, ÖBB, SBB und Thalys wirklich mit der Klimafreundlichkeit verhält.

DB: Mehr als 60 Prozent Ökostrom

 
Der Vertrag ist taufrisch: Im April unterschrieb die Deutsche Bahn eine Vereinbarung mit RWE, derzufolge sie künftig pro Jahr zusätzliche 190 Gigawattstunden Nordseewind pro Jahr aus dem Offshore-Windpark vor Helgoland erhält. Keine riesige Menge – doch immerhin so viel, wie der gesamte Bahnbetrieb hierzulande sechs Tage lang an Strom benötigt. Damit ist die Bahn der mit Abstand größte Nutzer erneuerbarer Energien: Jede dritte Kilowattstunde geht auf sie zurück.

Vom Slogan "100 Prozent Ökostrom" ist der Schienenkonzern dennoch entfernt. Denn der bezieht sich allein auf den Fernverkehr, was in der Realität aber gar nicht abgrenzbar ist: Rein physikalisch nutzen natürlich alle Züge denselben Fahrstrom. Und "100 Prozent Ökostrom im Fernverkehr" bedeutet Kritikern zufolge im Umkehrschluss fast "100 Prozent nicht-erneuerbare Energie im Nah- und Güterverkehr".

Nach wie vor ist die Bahn durch Verträge, die lange vor der Klimadebatte geschlossen wurden, an den Bezug von Energie aus Kohlekraftwerken wie Datteln 4 gebunden. Zudem bemängeln Klimaaktivisten, dass die Bahn für einen Teil ihres Ökostroms auf Zertifikate setzt. Damit erkaufe sich die DB das Recht, für sich Ökostrom zu bilanzieren, während sich bei einem anderen Verbraucher entsprechend die Kohlebilanz erhöhe. Den Anteil der Zertifikate verrät der Konzern nicht.

Fakt ist: Die Bahn liegt mit einem Ökostromanteil von 61 Prozent deutlich über dem deutschen Durchschnitt. Dieser erreicht 50 Prozent. Und die Ziele sind ehrgeizig: Bis 2038 soll der gesamte DB-Strom bei den elektrifizierten Strecken grün sein, bis 2030 schon 80 Prozent. Zusätzlich investiert die Bahn in mehr als 160 weitere Umweltmaßnahmen, vom Mehrwegbecher im Bordrestaurant bis zu vielen Natur- und Artenschutzprojekten.

ÖBB: Fast 100 Prozent Wasserkraft

Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) fuhren schon zu einer Zeit umweltfreundlich, als noch niemand von Klimaschutz redete – sie taten es aus Kostengründen. Bereits seit 1920 ließen sich in den gebirgigen Bundesländern wie Vorarlberg oder Tirol Wasserkraftwerke bauen. Längst verkehren die ÖBB mit 100 Prozent Ökostrom und ersparen dem Klima nach eigenen Angaben vier Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr.
Vollständiger Text in der fvw | TravelTalk
Dieser Text ist eine stark gekürzte Version des in unserer Print- und E-Paper-Ausgabe erschienenen Artikels "Mit Rückenwind von Helgoland".
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Der große Vorteil der ÖBB: Fast 35 Prozent des Stroms stammen aus eigenen Wasser- und Solarkraftwerken. Insgesamt neun Wasserkraftwerke betreibt der Schienenkonzern selbst. Zudem hat er in Niederösterreich das weltweit erste Bahnstrom-Solarkraftwerk in Betrieb genommen. Die restlichen 65 Prozent des Stroms werden laut ÖBB aus Partnerwasserkraftwerken und dem öffentlichen Netz mit Herkunftsnachweis (österreichische erneuerbare Energie) zugekauft.

SBB: Klimaneutral bis 2030

Bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) sind die Züge ebenfalls weitgehend umweltfreundlich unterwegs. Der im Personenverkehr genutzte Strom stammt zu über 90 Prozent aus heimischer Wasserkraft. 2025 sollen alle Züge mit Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Ausgenommen von diesen Plänen sind lediglich Rangier- und Baustellenloks, die aktuell meist noch mit Dieselkraftstoff fahren.

Die Umstellung auf umweltfreundliche Antriebsarten ist Teil des Anfang 2020 verabschiedeten Plans, bis 2030 klimaneutral zu sein. Das eidgenössische Verkehrsunternehmen will bis dahin seine betrieblichen Emissionen im Vergleich zum Basisjahr 2018 um 52 Prozent senken. Bis 2040 sollen die Emissionen um 92 Prozent unter denen des Jahres 2018 liegen.

Thalys: 160.000 Umwelt-Zertifikate

Bereits zu 100 Prozent mit Ökostrom unterwegs sind die Hochgeschwindigkeitszüge von Thalys. Dabei setzt das französisch-belgische Gemeinschaftsunternehmen auf den Kauf von entsprechenden Zertifikaten. Der über diese Bescheinigungen eingekaufte Strom stammt nach Angaben des Zugbetreibers aus Windparks und Solaranlagen. In Vor-Corona-Zeiten wurden hier jedes Jahr etwa 160.000 Ökozertifikate gekauft.

Auch bei der Renovierung der Zugflotte achtet Thalys auf Nachhaltigkeit. So hat sich das Management entschieden, alte Züge nicht zugunsten neuer Waggons auszumustern, sondern zu renovieren. Der erste Zug im neuen Design soll noch in diesem Jahr über die Schienen rollen.

Zusammenarbeit statt Konkurrenz

Weit mehr als bislang wollen sich die Deutsche Bahn und der Luftverkehr vernetzen, um gemeinsam die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Im Vordergrund steht der Gedanke, 20 Prozent der bestehenden Inlandsflüge durch schnelle ICE-Verbindungen zu ersetzen. Dies entspräche 4,3 Mio. Passagieren und knapp 0,1 Prozent des innerdeutsch durch Mobilität verursachten CO2 (Flugverkehr gesamt: 0,3 Prozent).

Dazu will die Bahn auf fünf weiteren Strecken (bisher 22) Express-Rail-Züge zum Drehkreuz Frankfurt anbieten. Die Passagiere erhalten ein einziges Ticket für Zug und Flug. Zusätzlich sollen ab Dezember 2021 drei weitere ICE-Super-Sprinter verkehren, die mit nur wenigen Stopps direkt nach Frankfurt rauschen. Umsteiger dürfen am Flughafen die Fast Lane nutzen, das Gepäck sollen sie nah am Fernbahnhof abgeben können.

Und schließlich sollen sich auch die ICE-Fahrtzeiten zwischen den deutschen Metropolen weiter verringern, durch Investitionen ins Schienennetz wie etwa zwischen Frankreich und München oder durch Stuttgart 21. Durch den sogenannten Deutschland-Takt sollen Fernzüge zudem in geringeren Zeitabständen verkehren als bislang.

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